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Koran erklärt

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"Einen Menschen zu töten, ohne dass dieser einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, ist als ob die Menschheit insgesamt getötet würde. Doch einem Menschen das Leben zu erhalten, ist genauso, als ob die ganze Menschheit gerettet wird."

Von Prof. Dr. Sebastian Günther, Universität Göttingen

Dieses göttliche Gebot zum Schutz des menschlichen Lebens findet sich in Kapitel 5 des Korans. Es ist eine Sure, die sich der Rechtmäßigkeit beziehungsweise Unrechtmäßigkeit bestimmter Handlungen widmet. Zahlreiche Erzählungen aus der biblischen Schöpfungs- und Heilsgeschichte bekräftigen hier die menschliche Verpflichtung, Gottes Gesetze zu achten.

Zudiesen Schilderungen gehört auch die Geschichte von Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva, dem ersten Menschenpaar. Diese Erzählung geht dem Koranvers zum Tötungsverbot unmittelbar voraus und kulminiert in ihm.

Wie in der Bibel, so ist es auch im Koran der jüngere Kain, ein Ackerbauer, der den älteren Bruder Abel, den Hirten, aus persönlichem Neid und aus Ungehorsam gegenüber Gott erschlägt.

Die Darstellung zu Kain und Abel im Koran weist allerdings einige Unterschiede zu ihrem biblischen Gegenstück auf:

(1.) So sagt Abel im Koran ausdrücklich, dass er sich nicht verteidigen werde und dass sein Schicksal in Gottes Hand liege. Die Seele Kains hingegen drängt diesen, den Mord zu begehen. Diese Veranlagung Kains wird im Koran als geradezu schicksalhaft dargestellt.

(2.) Außerdem führen der Koran und die mittelalterlichen muslimischen Gelehrten die Geschichte nach Abels Tod weiter: Kain trägt seinen toten Bruder tagelang mit sich herum, bis er von dieser Last durch einen Raben, dem altarabischen Sinnbild für den Tod, erlöst wird.

Damit ist Kain im islamischen Verständnis nicht einfach nur ein Mörder, sondern ein Mensch, der auch tiefe Trauer und sogar Reue wegen seiner Tat empfindet.

Durch die erzählerische Verknüpfung von individuellen menschlichen Handlungen mit universellen Lebensmustern besitzen diese und die zahlreichen anderen "biblischen Erzählungen" im Koran in hohem Maß Lehr- und Vorbildcharakter.

Interessanterweise wird das Ur-Motiv des Bruderzwistes in vielen arabischen Märchen sowie in der modernen arabischen Literatur weiterentwickelt. So verfasste beispielsweise der ägyptische Nobelpreisträger für Literatur, Nagib Machfus, im Jahr 1959 einen Roman mit dem Titel "Die Kinder unseres Viertels". Es ist ein Buch, das Episoden aus der Offenbarungs- und Heilsgeschichte in brillanter Weise literarisch verarbeitet.

Auch das Motiv von Kain und Abel begegnet uns hier, wobei die moralische und die psychologische Interaktion der ungleichen Brüder im Vordergrund steht: Die Romanfigur des Abel verkörpert menschliche Tugenden und Rechtschaffenheit, ja den Idealtypen des Menschen überhaupt. Kain wiederum ist – wie schon im Koran – eine komplexe Figur, die sowohl für die Leidenschaften als auch die Unzulänglichkeiten des Menschen steht.

Die zentrale Aussage des Kain und Abel-Motivs im Koran und in seiner kreativen Weiterführung in der arabisch-islamischen Kultur ist damit unverkennbar: es ist der eindringliche Aufruf, ethische Grundsätze strikt einzuhalten und menschliches Leben zu respektieren und zu schützen.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Sebastian Günther von der Universität Göttingen zu Sure 13 Vers 19.

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Okawa
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"Haben wir dir nicht die Brust geweitet, und haben wir nicht die Bürde von dir genommen, die deinen Rücken niederdrückte, und haben wir nicht dein Ansehen erhöht? Mit dem Schweren kommt Leichtes, mit dem Schweren kommt Leichtes! Wenn du nun frei bist, so mühe dich und strebe deinem Herrn zu!."

Von Prof. Dr. Reiko Kuromiya Okawa, Meiji-Gakuin-Universität, Yokohama, Japan

Die Sure 94 wurde Mohammed offenbart, als er in Mekka eine schwer Zeit durchmachte. Seit er angefangen hatte, den Islam zu verkünden, litt er unter der Verfolgung seine Mitbewohner. Sie akzeptierten das wesentliche Konzept des Islams nicht, wonach Gott nur ein einziger ist, sondern sie behielten ihren traditionellen polytheistischen Glauben bei.

Die eingangs zitierte kurze Sure besteht aus acht Versen. Sie wird "Sure des Trosts" (Sûrat al-Inschirâh) oder "Sure der Weitung" (Sûrat al-Scharh) genannt. Die ersten drei Verse besagen, dass Gott Mohammeds Brust für den Islam geweitet, die Lasten von ihm genommen und seinen Ruhm vermehrt habe.

Die Verse vier bis fünf bestehen aus ein und derselben Aussage: "Mit dem Schweren kommt Leichtes, mit dem Schweren kommt Leichtes!"

Die Verse sechs bis acht beinhalten die Aufforderung an Mohammed, sobald er von seiner Mühsal befreit ist, soll er sich noch mehr anstrengen. Aus den Worten der Sure entnehmen wir also, dass Mohammed nach seiner Berufung zum Propheten sehr bedrückt gewesen ist und der Koran ihn zum Weitermachen ermutigte.

Wir wollen uns nun auf die beiden gleichen Aussagen in der Mitte der Sure konzentrieren. Die Wiederholung signalisiert eine besondere Betonung der Worte. Sie scheinen etwas anzudeuten, was wir vielleicht als universelle Weisheit bezeichnen können, auch wenn sie sich freilich konkret auf die unangenehme Situation Mohammeds beziehen.

In unserem Leben werden wir gewöhnlich mit beidem konfrontiert: mit guten und schlechten Zeiten. Letztere müssen wir auf die eine oder andere Art bewältigen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist, unter harten Lebensumständen optimistisch zu bleiben.

Einige muslimische Kommentatoren und Übersetzer interpretieren die Worte so: nach einer Zeit der Erschwernis kommt der Trost. Wir müssen die schlechten Zeiten erdulden und darauf vertrauen, das wieder bessere Tage folgen werden. In Japan sagt man: "Wir machen gute Zeiten durch und schlechte, wir machen schlechte Zeiten durch und gute. Wie die Worte im Koran legen auch diese Worte nahe, dass Erschwernis und Trost jeweils aufeinanderfolgen.

Andere Koran-Ausleger interpretieren die Koran-Passage so: selbst in der Erschwernis gibt es Trost, Erschwernis und Trost existieren zur gleichen Zeit. Diese Lesart ist etwas tiefsinniger, weil man sich hier darum bemüht, auch in schlimmen Lagen das Positive zu suchen. Man räumt der Vorstellung Platz ein, dass auch in der Erfahrung von Härte ein Wert liegt.

Wie immer diese Worte des Korans interpretiert werden, sie geben Menschen Hoffnung, die intensiv für irgendeine wichtige Sache kämpfen.

Nach den beiden gleichlautenden Versen sagt der Koran, wenn du wieder frei von Mühsal bist, kannst du deine Anstrengungen verstärken. Das unterstützt ebenfalls die Sichtweise, wonach schwere Zeiten nicht ewig anhalten.

Mithin können wir aus Sure 94 entnehmen: Mohammed war ein Mensch, der während seiner Notlagen hart kämpfen musste. Und so ähnlich müssen Menschen heutzutage ihre Schwierigkeiten ertragen

Okawa
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Vertonung der Erläuterungen von Professorin Dr. Reiko Okawa von der Meiji-Gakuin-Universität in Yokohama, Japan, zu Sure 94 Vers 1-8.

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Ali aghaei
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"Und er sagte: ‚[…] Mein Herr, gewähre mir einen von den Rechtschaffenen!‘ Dann gaben wir ihm einen sanftmütigen Sohn. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sagte er: ‚Mein Sohn, ich sehe im Traum, dass ich dich schlachte. So schau, was meinst du dazu?‘ Er sagte: ‚Mein Vater, tu was dir befohlen wird; du wirst mich - so Gott will - unter den Geduldigen finden.‘ Als sie sich beide (Gottes Willen) ergeben hatten und er ihn mit der Stirn auf den Boden hingelegt hatte, da riefen wir ihn an: ‚Abraham, du hast den Traum erfüllt. […]‘ Dies ist in der Tat eine deutliche Prüfung. Und wir lösten ihn durch ein gewaltiges Schlachtopfer aus. […] Und wir verkündeten ihm Isaak, einen Propheten, einen von den Rechtschaffenen. Und wir segneten ihn und Isaak."

Von Dr. Ali Aghaei, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Hier wird die Geschichte der Opferung von Abrahams Sohn aus dem 1. Buch Mose wiedergegeben. Die koranische Version unterscheidet sich von der biblischen in mehreren Punkten. Unter anderem wird der Sohn, der geopfert werden soll, im Koran nicht explizit genannt. Und es ist unmöglich, aus dem Text endgültig zu bestimmen, welcher Sohn Abrahams gemeint ist, Isaak oder Ismael.

Die frühen muslimischen Exegeten hatten verschiedene Meinungen dazu. Die Nennung von Isaak am Ende der Geschichte wird durch zwei gegensätzliche Interpretationen als Beweis jeweils für die eine oder für die andere Auffassung herangezogen. Die einen sagen, Ismael sei gemeint, weil die frohe Botschaft von der Ankündigung Isaaks zeige, dass dessen Geburt zeitlich erst nach der Opferung erfolgte. Die anderen sagen, Isaak sei gemeint, da er in der Ankündigung als Prophet bezeichnet werde, was als Belohnung für seinen unerschütterlichen Gehorsam im Angesicht des Todes zu verstehen sei.

In einem weiteren Gegensatz zur biblischen Version erscheint Abrahams Sohn im Koran nicht als passive Figur. Abraham berichtet ihm von dem Traum, in welchem er ihn opfert, und befragt ihn nach seiner Meinung.

Dadurch wird zunächst klar, dass der Sohn höheren Alters gewesen ist, sodass er seine eigenen rationalen Entscheidungen treffen konnte. Er ist mithin für seine Taten verantwortlich und entscheidet sich aus freiem Willen. Dass er geopfert werden soll, ist ihm voll bewusst, und es soll mit seiner Zustimmung erfolgen.

Der Ablauf der Geschichte ließe sich auch als Zeichen der Ungewissheit Abrahams deuten. Abraham weiß nicht, was er tun soll. Der Sohn indes hat keinen Zweifel daran, dass der Traum ein göttlicher Befehl ist. Durch seine bereitwillige Akzeptanz fordert er Abraham heraus, seinen eigenen Glauben zu zeigen. Folglich befördert erst der Sohn, dass sich sein Vater und er dem Willen Gottes ergeben. Man könnte die Prüfung daher als Doppelopfer von Vater und Sohn ansehen. Entsprechend sagt der Koran im eingangs zitierten Vers, dass "sie sich beide ergeben hatten".

Der Koran stellt aber auch nicht eindeutig klar, wer hier getestet wird. Man könnte auch schlussfolgern, dass sich die Episode primär um Abraham dreht. Denn es ist Abraham, dem die Opferung seines Sohnes befohlen wird und den Gott anspricht, wenn er sagt: "Du hast den Traum erfüllt". Frühe muslimische Exegeten betrachteten die beinahe Opferung als eine von mehreren Prüfungen, die Abraham bestehen musste, um zum Patriarchen und zum Vorbild der Menschen zu werden. So wie es Sure 2 Vers 124 verkündet: "Und als Abraham von seinem Herrn auf die Probe gestellt wurde durch gewisse Gebote, die er erfüllte, sagte er: ‚Ich will dich zu einem Vorbild für die Menschen machen.‘"

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Ali Aghaei von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam zu Sure 37 Verse 99 bis 113.  

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Saleh bearb
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"Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, geoffenbart als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Übersinnliche glauben, das Gebet verrichten und von dem, was wir ihnen an Gut beschert haben, Spenden geben, und die an das glauben, was auf dich und vor dir herabgesandt wurde, und die mit dem Jenseits fest rechnen. Sie sind von ihrem Herrn rechtgeleitet, und ihnen wird es wohl ergehen."

Von Prof. Dr. Walid Saleh, Universität Toronto, Kanada

Eigentlich beginnt der Koran erst richtig mit Sure zwei. Sie ist so etwas wie der gesamte Koran im Kleinen. Ihre Verse 2 bis 5 wiederum skizzieren die Perspektiven des neuen Glaubens. Sie sind fast eine Zusammenschau dessen, was vom neuen Gläubigen erwartet wird.

Der neue Glaube basiert demnach auf einem Buch, das einen leitet. Das Wort für Leitung im Koran ist zentral für das Verständnis von Erlösung. Erlösung erfolgt durch die Leitung zum rechten Pfad, durch die Anleitung zur rechten Verhaltensweise.

In einer Umwelt, so groß wie Indien oder ganz Europa, entfaltet Arabien eine gewaltige Ausdehnung, eine Angst einflößende, endlose, hügelige, trockene Ausdehnung. Hier seinen Weg zu verlieren, bedeutet den Tod. Hier verloren zu gehen, ist eine Ur-Angst. Geleitet zu sein indes, heißt hier, gerettet zu sein, den Weg gezeigt zu bekommen. Dieses neue Buch weist den Weg.

Die neuen Gläubigen sind Menschen mit Ängsten. Ihre Frömmigkeit zeigen sie durch Zurückhaltung und Furcht vor ihrem neuen Herrn. Sie glauben auch dann noch, wenn sie alleine sind. Bei der Einsamkeit ihrer Seelen beten sie und spenden von ihrem Wohlstand.

Die neuen Gläubigen glauben an das, was "herabgesandt wurde auf dich" – damit ist Mohammed gemeint. Und nicht nur das. Sie glauben auch an das, was "vor dir herabgesandt wurde" - damit sind Moses und Jesus gemeint.

Ferner vertrauen die neuen Gläubigen auf das Leben nach dem Tod, auf die Welt, die da kommen wird. Für Heiden war das zweifelsohne am schwersten zu akzeptieren. Wiederauferstehung war für sie eine kindische Vorstellung und eine Beleidigung ihres Verstandes. Schließlich ist noch niemand vom Tod zurückgekehrt. Der Tod ist das Ende.

In dieser im Grunde eindeutigen Koranpassage möchte ich dennoch einen Satzteil hervorheben. In Vers 3 übersetzt Rudi Paret: "die an das Übersinnliche glauben."

Die Übersetzung ist problematisch. Sie nimmt eine spätere Bedeutungserweiterung des arabischen Wortes "ghayb" und projiziert sie zeitlich zurück auf den Korantext.

Das Wort "ghayb" entwickelte sich im Laufe der Zeit zum vorherrschenden Terminus für die unsichtbare Welt, sprich jene Welt, die wir nicht nachweisen können: Engel, Himmel, Hölle, Gott selbst. Es bezeichnet also all das, um das es beim "Glauben" geht. Man glaubt schließlich an Dinge, die nicht beweisbar sind.

Tatsächlich aber bezeichnet der Begriff "ghayb" im Koran den Zustand, auch dann noch gläubig zu sein, wenn man alleine ist, wenn einen niemand mehr beobachtet.

Die Koranauslegung war stets in der Lage, eine philologische und eine spirituelle Lesart zu präsentieren. Spirituelle, eher theologisch beeinflusste Bedeutungen hatten es allerdings immer einfacher, Verbreitung zu finden. Für die philologischen Bedeutungen musste man nämlich erst tief in alten Büchern graben.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Walid Saleh von der Universität Toronto in Kanada zu Sure 2 Vers 2-5.

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Ahmed2
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"Siehe, dort fand ich eine Frau, die Königin über sie ist. Von allen Dingen wurde ihr gegeben, und sie besitzt einen großartigen Thron."

Von Dr. Asad Q. Ahmed, University of California, Berkeley, USA

Dieser Vers ist Teil der Ausführungen des Korans über die Königin von Saba. In der islamischen Tradition trägt sie den Namen Bilkîs oder Balkîs. Sie gilt als Beispiel für die Wertschätzung von Frauen im Koran.

Bemerkenswert ist zunächst die Ausführlichkeit, mit der der Koran die Königin und eine Zusammenkunft zwischen ihr und dem Propheten-König Sulaimân, im biblischen Kontext heißt er Salomo, darstellt.

Bilkîs ist Herrscherin über ein großes Land. Ihrem Befehl unterliegen zahlreiche männliche Würdenträger und starke Truppen.

Im eingangs zitierten Vers spricht ein Wiedehopf. Er bringt Sulaimân Nachricht von Bilkîs Regentschaft und ihrem unvergleichlichen Thron. Darauf hin schreibt Sulaimân einen Brief an die Königin. Da diese einem heidnischen
Kult folgt, fordert er sie auf, den Islam anzunehmen, und bittet sie, zu ihm zu kommen.

Das stürzt Bilkîs in ein Dilemma: Der Brief, so war ihr klar, stammt von einem mächtigen Mann, der ihr Land womöglich versklaven könnte, wenn sie sich nicht fügt. Aber sie wollte sich auch keinem falschen Propheten unterwerfen.

Schließlich macht sie sich auf den Weg zu Sulaimân. Der veranlasst derweil einen untergebenen Dschinn - das ist im Islam ein von Gott erschaffenes übersinnliches Wesen -, ihren Thron herbeizubringen und diesen so zu verändern, dass Bilkîs ihn nicht wiedererkennen würde.

Das war als Test gedacht. Möglicherweise sollte es Bilkîs auch Gottes Allmacht demonstrieren. Die Gelehrten sind sich nicht einig, warum Sulaimân das so wollte.

Als Bilkîs bei ihrer Ankunft gefragt wird, ob der Thron der ihre sei, antwortet sie: "Es sieht so aus, als könnte er es sein." Dann fügte sie hinzu, sie sei als jemand erschienen, der sich Gott bereits unterworfen habe.

Auf diese Antwort hin bittet man sie in den Palast. Sie bemerkt ein Bassin vor Sulaimâns Thron und hebt ihren Saum ein Stück an, um hindurch zu schreiten, so entblößt sie ihre Beine. Doch dann erkennt sie, dass es gar kein Wasser ist, sondern feinster, kristallklarer Bodenbelag.

Auch das war ein Test. Einige Gelehrte sagen, Sulaimân habe ihren Verstand prüfen wollen. Andere meinen, ihm sei eingeflüstert worden, Bilkîs habe behaarte Beine, da ihre Mutter ein Dämon sei.

Die muslimischen Koranausleger haben viele Aspekte an der Geschichte von Bilkîs und Sulaimân ausgearbeitet. Aber egal ob in vormoderner oder moderner Zeit, alle sehen in ihr eine fähige Herrscherin, diplomatisch und gewillt, einen Krieg gegen Sulaimân zu vermeiden, zu dem sie ihre adligen Untertanen zu Anfang drängen wollten.

Die meisten Koranausleger erkennen in Bilkîs auch eine hochintelligente Frau, die Sulaimâns Test geschickt umgeht: Sie hätte falsch gelegen, hätte sie gesagt, der Thron sei nicht ihrer. Genauso hätte sie falsch gelegen, hätte sie gesagt, es sei ihrer. Schließlich handelte es sich ja um eine veränderte Version. Ihre Antwort gilt somit als präzise und korrekt.

Für gewisses Erstaunen sorgt auch ihre Aussage: "Wir sind gekommen und Gott bereits ergeben." Die meisten Koranausleger versichern, Bilkîs habe Sulaimâns Prophetie schon anhand seines Briefs erkannt, und werten das ebenfalls als Zeichen für ihre Intelligenz.

Bevor Bilkîs zu Sulaimân ging, hatte sie ihm großzügige Geschenke gemacht, um ihn zu beschwichtigen. Sulaimân lehnte diese jedoch ab. Ein Koranausleger geht sogar so weit, dass er behauptet, dies sei ein Test ihrerseits gewesen. An Sulaimâns Reaktionen habe sie feststellen können, dass er ein echter Prophet sei. Nach dieser Lesart des Korans erscheint letztlich Bilkîs als Herrin über das Treffen mit Sulaimân.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Asad Q. Ahmed von University of California, Berkeley in den USA zu Sure 27 Vers 23.

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Rustom bearb
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"Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Welten."

Von Dr. Mohammed Rustom, Carleton University, Ottawa, Kanada

Dieser Vers steht am Anfang des ersten Kapitels im Koran, das als "Fatiha" oder als "Eröffnende" bekannt ist. Damit ist er einer der am meisten zitierten Koranverse überhaupt, denn er ist notwendiger Bestandteil des alltäglichen Gebets der Muslime, das fünf Mal im Tagesverlauf verrichtet wird.

Der Versteil "Lobpreis sei Gott" - arabisch: "al-hamdu li-llâh" - bildet zudem eine Aussage, die Muslime in ihrem Alltag immer wieder benutzen. Gewöhnlich bekunden sie damit Zufriedenheit, Freude und Fröhlichkeit.

"Lobpreis sei Gott" wird auch häufig als Antwort gebraucht auf die Frage: "Wie geht es dir?" Damit wird dann zum Ausdruck gebracht, dass die eigene Zufriedenheit vom Willen Gottes abhängt.

Der Vers, so sagen es uns die klassischen Korankommentatoren, verweist auf den zu rühmenden Gott; den einen Lobenswerten, dem Dank gebührt für all die Gunst, die er einem im Diesseits erweist, und für die Belohnungen, die einen im Jenseits erwarten. Dabei wird Dank für etwas gezollt, das einem bereits geschenkt wurde. Lobpreis indes wird der Natur des Gelobten entgegengebracht - unabhängig davon, ob er irgendwelche Dinge schenkt oder nicht. Lobpreis ist somit universeller. Er wird im Bestimmten geleistet, nicht im Unbestimmten. Dadurch wird deutlich gemacht, dass alle Formen des Lobpreises und die komplette Dankbarkeit Gott zustehen.

Ferner erläutern die klassischen Korankommentatoren, Gott habe sich in dieser Eröffnungsnote selbst gepriesen, damit die Menschen ihn in seiner Sprache loben können. Gott wisse nämlich, dass die Menschen allein ihn nicht vollkommen loben könnten.

Einige muslimische Philosophen verstanden Gottes Eigenlob in diesem Vers als das Mittel, durch das alles Existierende zustande gekommen ist. Indem Gott sein eigenes Wesen lobt, tritt der Kosmos und alles, was dieser umfasst, als Resultat der göttlichen Selbstreflexion hervor. Aus diesem Verständnis heraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass alles im Universum, egal ob klein oder groß, eine Form des Gotteslobs darstellt.

Durch den Koran zieht sich "Herr" als Bezeichnung für Gott, und mehr als vierzig Mal wird er im Heiligen Buch als "Herr der Welten" benannt. Das Wort "Herr" verweist auf einen Meister, dem gehorcht wird, der Dinge in Ordnung bringt und der Sachen besitzt. Unter Bezugnahme auf Gott verweist der Begriff somit auf ihn als Meister ohne Gleichen, der die Angelegenheiten aller seiner Geschöpfe regelt und dem alles Erschaffene gehört.

Der Ausdruck "die Welten" besagt, dass es verschiedene Gemeinschaften von Wesen gibt. Einige Korankommentatoren sagen, damit seien die vier Gemeinschaften von Menschen, Engeln, Teufeln und Dschinn gemeint; Dschinn sind nach islamischem Glauben übersinnliche Wesen, die aus Feuer geschaffen wurden.

Möglicherweise bezieht sich "die Welten" auch auf verschiedene Generationen von Menschen, auf jede Spezies der Schöpfung oder darauf das Gott das Souverän über jegliche Stufe der Schöpfung ist - angefangen von der Erde bis zum siebten Himmel.

Folglich sagen einige Korankommentatoren, der Ausdruck "die Welten" beziehe sich auf alle existierenden Dinge - außer Gott selbst. Aus dieser Haltung heraus merken sie an, dass es einen unendlichen Raum jenseits dieser Welt gebe und Gott alle Möglichkeiten verwirklichen könne - selbst Welten und Universen, von denen wir keinerlei Kenntnis haben.

Der Vers bezieht sich folglich auf Gott als Herrn über alles, was sichtbar oder vorstellbar ist und über alles, was nicht sichtbar und nicht vorstellbar ist. In diesem Sinn transportiert der Vers die Botschaft: Gott ist der Herr über jeglichen Raum und über alles Existierende, ganz egal, welcher Natur dieses Existierende sein mag.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Mohammed Rustom von der Carleton University im kanadischen Ottawa zu Sure 1 Vers 2.

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Portret kees versteegh
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"Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist. Weißt du denn nicht, dass Gott zu allem die Macht hat?"

Von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen, Niederlande

Dieser Vers beinhaltet den wichtigsten Hinweis im Koran auf das Prinzip der Abrogation. Dieses Prinzip heißt auf Arabisch "naskh" und bedeutet wörtlich: Tilgung, Ersetzung. Es beschreibt Gottes Entscheidung, eine Regel durch eine neue abzulösen.

Die Botschaft des Islams im Ganzen, so kann man sagen, abrogiert alle früheren Offenbarungen Gottes an andere Gemeinschaften. Muslime glauben, dass das Christentum und das Judentum wahrhaftige Religionen repräsentierten, dennoch seien sie durch eine bessere - nämlich den Islam - ersetzt worden. Somit stellt der Islam für Muslime die letzte Offenbarung Gottes an die Menschheit dar.

Das Prinzip der Abrogation findet aber auch innerhalb des Korans Anwendung. Gemäß dem eingangs zitierten Vers, gebietet Gott den Gläubigen manchmal, etwas zu tun, und dann offenbart er zu einem späteren Zeitpunkt ein neues Gebot, das dieses frühere aufhebt.

Das Prinzip der Abrogation stellte die Theologen vor ein Problem. Sie konnten nicht glauben, dass sich der göttliche Wille ändern sollte. Deshalb argumentierten sie, Abrogation solle nicht auf die Verse selbst angewendet werden, sondern nur auf deren Inhalt.

Für Rechtsgelehrte war das Problem weniger drängend, da sie mit der Verfahrensweise vertraut waren, dass sich Regelungen auch ändern können. Für das islamische Recht wurde die Abrogation zu einem wesentlichen Bestandteil. Für Korankommentatoren wurde ihr Studium unverzichtbar. Wenn zwei unterschiedliche Regeln nebeneinander existierten, war es zwingend erforderlich zu wissen, in welcher chronologischen Reihenfolge sie offenbart wurden. Jeder offenkundige Widerspruch konnte dann so aufgelöst werden, dass eine Regel die ältere ist und durch die neuere ersetzt wurde.

Ein Beispiel: Anfänglich teilte Mohammed den Gläubigen mit, Gott wolle, dass sie sich beim Gemeinschaftsgebet in Richtung Jerusalem aufstellten. Nach der Auswanderung nach Medina aber brachte Mohammed eine Offenbarung (Sure 2 Verse 142 bis 143), wonach sich die Gläubigen beim Gebet in Richtung Mekka wenden sollten.

In Sure 2 Vers 184 heißt es, man dürfe eine Verletzung der Fasten-Pflicht kompensieren, indem man für jeden Tag, an dem man das Fasten gebrochen hat, einen armen Menschen speist. Der nachfolgende Vers 185 erwähnt diese Möglichkeit nicht mehr. Er wird daher von einigen Korankommentatoren als Abrogation des vorherigen Verses verstanden. Ihnen zufolge wurde die Möglichkeiten der Kompensation getilgt.

Ein weiteres Beispiel: Zu Beginn von Sure 9 wird ein zeitlicher Aufschub im Kampf gegen die Ungläubigen bekannt gegeben. Nach Ablauf der Frist soll der Kampf wieder aufgenommen werden.

Korankommentatoren vertraten die Ansicht, nach Ablauf dieses Aufschubs seien alle existierenden Verträge mit den Ungläubigen annulliert. Mithin seien alle früheren Verse abrogiert, die von Versöhnung und Waffenruhe zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sprechen.

Dieser Interpretation folgen allerdings nicht alle Korankommentatoren. Wie die meisten anderen Forderungen, die auf Basis einer Abrogation erhoben wurden, wurde auch diese Gegenstand von Diskussionen.

Die Diskussionen dauern bis heute an und werden inzwischen im Internet fortgeführt. Auf der einen Seite stehen die Hardliner, die behaupten, alle Verse, die Gewaltlosigkeit predigten, seien abrogiert, und allen Muslimen obliege es, den Dschihad gegen die Ungläubigen zu führen. Auf der anderen Seiten stehen die Gemäßigten, die diese Abrogation ablehnen und betonen, die Botschaft des Islams sei eine der friedlichen Koexistenz.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.
 

Portret kees versteegh
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Kees Versteegh von der Universität Nijmegen in den Niederlanden zu Sure 2 Vers 106.

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Mona siddiqui 032
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"Prophet! Sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie mögen einen Teil ihres Überwurfs über sich herunterziehen. So werden sie eher erkannt und nicht belästigt."

Von Prof. Dr. Mona Siddiqui, University of Edinburgh, Schottland 

Der Vers ist an den Propheten Mohammed gerichtet. Die Regelung darin wurde getroffen, um gläubige Frauen unterscheidbar zu machen. Sie sollten bereits an ihrer äußeren Kleidung erkennbar sein, damit sie auf den Straßen Medinas nicht belästigt werden.

Es geht hier also ganz konkret um das Erscheinungsbild gläubiger Frauen, um ihre äußeren Kleidungsstücke. Der Vers hat nichts damit zu tun, Frauen auszuschließen oder ihre persönliche Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Der arabische Begriff für den erwähnten Überwurf lautet "dschilbâb". Für die meisten klassischen Koran-Kommentatoren ist damit eine Oberbekleidung gemeint. Wie genau diese damals ausgesehen hat, weiß man heute nicht mehr.

Der Vers wird gewöhnlich in Verbindung mit anderen Koranversen gelesen, in denen es ebenfalls um die Frauen des Propheten geht. Zum Beispiel mit Vers 53 derselben Sure 33. Dort heißt es: "Wenn ihr die Frauen des Propheten um etwas bittet, so tut das hinter einem Vorhang!"

Der Vers empfiehlt also eine Schutzwand beziehungsweise einen Vorhang, arabisch: "hidschâb". Er sollte zwischen den Frauen des Propheten sein und denjenigen, die sein Haus betreten.

Der Gebrauch der Wörter "dschilbâb" und "hidschâb" im Koran sowie die späteren Diskurse in der Koran-Auslegung ("tafsîr") und dem islamischen Recht ("fiqh") haben zu vielen unterschiedlichen Meinungen geführt. Man stritt sich darüber, welche genauen Kriterien die weibliche Verhüllung beziehungsweise Verschleierung hat und welche Gründe es für sie gibt.

Dabei ging es vor allem um die Unterscheidung der jeweiligen Adressaten in den verschiedenen Versen. Einige richten sich nämlich explizit an die Frauen des Propheten. Andere Verse raten allen gläubigen Frauen, sich verdeckende Kleidung zuzulegen.

Sowohl klassische als auch zeitgenössische Gelehrte fragten sich, ob das, was den Frauen der Propheten vorgeschrieben sei, später auch für alle muslimischen Frauen angeordnet werden müsse. Oder ob die Frauen des Propheten eine Sondergruppe darstellten, für deren Schutz es besonders wichtig gewesen sei, eine stärkere Abschirmung vor starrenden Blicken der Öffentlichkeit sicherzustellen.

Nur sehr selten haben sich klassische Koran-Kommentare damit befasst, wie die weiblichen Bekleidung genau auszusehen hat und was eine Frau auf der Straße zeigen soll und was nicht.

Unterschiedliche Ansichten zum Thema liefern auch die Hadith-Werke. Das sind Sammlungen, in denen Mohammeds Aussagen und Verhaltensweisen überliefert werden. Allerdings gibt es nur wenige Hinweise auf die weibliche Verhüllung in den kanonischen Hadith-Werken von Muhammad al-Bukhârî und Abû Dâwûd.

Aus ihnen entsteht aber dennoch der Gesamteindruck, dass sich erwachsene Frauen im Nahen Osten in der Öffentlichkeit schon immer bis zu einem gewissen Grad verhüllt hatten. Nach der Entstehung des Islams wurde dies dann als eine Art Sittsamkeit weiter befördert.

In den Debatten ist ferner von physischen Grenzen und von Etikette unter Männern und Frauen, Gläubigen und Nichtgläubigen die Rede. Unter diesem kulturellen Aspekt frug man sich, ob die Verhüllung auch eine Möglichkeit bot, sowohl bestimmte Ideale des sich Abhebens von anderen als auch der Sittsamkeit innerhalb der Geschlechtergrenzen zu bewahren.

De facto schärften damals die konkreten Hinweise im Koran auf die Bekleidung letztlich die Grenzziehung zwischen der breiten Gesellschaft und der im Entstehen begriffenen muslimischen Gemeinschaft.

Die Audio-Version musste aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Mona Siddiqui von der University of Edinburgh in Schottland zu Sure 33 Vers 59. 

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"Heute habe ich euch eure Religion vollständig gemacht und meine Gnade an euch vollendet und habe daran Gefallen, dass der Islam eure Religion ist."

Von Dr. Miklos Muranyi, Universität Bonn

Sure 5, genannt "Der Tisch", beginnt mit der Aufzählung von Speiseverboten, die im Koran auch an anderen Stellen zu verschiedenen Anlässen Erwähnung finden. Die Aufzählung wird jedoch innerhalb des dritten Verses durch eine sprachlich und inhaltlich höchst beeindruckende Aussage unterbrochen - nämlich den eingangs zitierten Auszug: "Heute habe ich euch eure Religion vollständig gemacht und meine Gnade an euch vollendet". Wegen der religiösen Tragweite dieses Versteils nennt man die gesamte Sure 5 auch "Die Vervollständigung".

In der historischen Perspektive wissen wir nicht genau, wann die Zeitangabe "heute" im Leben Mohammeds zu definieren ist. Auf jeden Fall müssen wir davon ausgehen, dass die Verkündung dieser Offenbarungsworte durch Mohammed mit einem bedeutsamen historischen Ereignis zu verbinden ist. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um seine letzte Pilgerfahrt. Sie fand der islamischen Überlieferung zufolge 81 Tage vor seinem Tode statt, und wird als die "Abschiedswallfahrt" bezeichnet.

Es war dies die erste Pilgerfahrt zum Heiligtum in Mekka, an der ausschließlich die Anhänger Mohammeds teilgenommen haben, was die Koranexegese als Zeichen dieser vollendeten Gottesgnade deutet. Die Vervollständigung der Religion erfolgte durch die Festlegung der Wallfahrtsriten durch den Propheten, die bis in die Gegenwart Gültigkeit haben. Zweifelsohne stellen diese Worte den Höhepunkt von Mohammeds Prophetie dar, die mit seinem baldigen Tod unerwartet ihr Ende nahm.

Der Vers teilt in knapper Formulierung mit, dass Gott die Religion durch seine Gnade an den Muslimen vollständig gemacht hat. Diese Gnade wird kurz darauf in Vers 7 noch einmal angesprochen. Demnach haben ihr die Gläubigen in ihren Gebeten stets zu gedenken: "Gedenkt der Gnade Gottes an euch und seines Bundes, den er mit euch schloss!"

Neben der Vervollständigung der Religion und der Vollendung der Gottesgnade steht in dem hier erläuterten Auszug aus Vers 3 die klare Formulierung, ja, die Definition der Religion: Gott, so wird der Vers abgeschlossen, habe Gefallen daran, die an jenem Tag vollendete Religion als "Islam" zu bezeichnen. Wörtlich heißt es: "(und ich) habe daran Gefallen, dass der Islam eure Religion ist."

Um die besondere Bedeutung dieses Versteils zu verstehen, muss man selbst den arabischen Begriff "Islam" im gegebenen Kontext durch Übersetzung erklären. Das Wort "Islam", das bei uns als feststehende Bezeichnung der Religion der Muslime verwendet wird, drückt in der Sprache des Korans die religiöse Lebenshaltung der Muslime aus. Islam bedeutet so viel wie "Gottergebenheit", "Hingabe an den einzigen Gott", "Unterwerfung".

Erst in Kenntnis der gewaltigen Bedeutung des Wortes wird dem Außenstehenden das Selbstverständnis der islamischen Religion und ihrer Anhänger inhaltlich greifbar. In diesem Sinne wird in der Offenbarung der Begriff Religion auch in Sure 3 Vers 19 erklärt: "Siehe, die Religion bei Gott ist der Islam"; sprich: sie ist die Gottergebenheit, oder: die Hingabe des Gläubigen an den einzigen Gott.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Miklos Muranyi von der Universität Bonn zu Sure 5 Vers 3.

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Cas17
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"Die aber gläubig sind und gute Werke tun und an das glauben, was auf Mohammed herabgesandt worden ist […] deren böse Taten tilgt er.“

Von Dr. Carlos Andrés Segovia, Saint Louis University, Madrid, Spanien

Das ist eine der wenigen Ausnahmen, in denen der koranische Prophet, der normalerweise einfach mit "Du" angesprochen wird, einen spezifischen Namen im Koran erhält: Mohammed. Es gibt nur drei weitere Verse, in denen er ebenfalls Mohammed genannt wird (Sure 3 Vers 144, 33:40, 48:29). Ein einzelner Vers nennt ihn Ahmed (61:6). Ahmed wird wie Mohammad vom gleichen arabischen Grundwort abgeleitet, was "preisen" oder "loben" bedeutet.

Inhaltlich spiegelt sich der eingangs zitierte Vers mit Vers 29 aus Sure 48. Beide porträtieren Mohammed als Gesandten Gottes. Sure 3 Vers 144 hält fest, Mohammeds Tod werde für die Gemeinde keine große Folgen haben. Und Sure 33 Vers 40 betont, niemand könne für sich beanspruchen, von Mohammed abzustammen; gut möglich, dass die letzten beiden Verse erst nach Mohammeds Tod geschrieben wurden.

Der Urheber von Sure 61 Vers 6 wiederum lässt Jesus die Entsendung des koranischen Prophet vorhersagen: "Sein Name wird Ahmed sein.“

Implizit erinnert das an die Beschreibung des sogenannten Parakleten, des "Trösters" im Johannes-Evangelium, den Gott demnach noch vor der versprochenen Wiederkehr Jesu entsenden wird.

Es gibt jedoch gute Gründe anzunehmen, dass die Bezeichnungen Ahmed und Mohammed statt Eigennamen eher Titel gewesen sind, die dem ansonsten anonymen koranischen Propheten verliehen wurden. Man darf bezweifeln, dass es in den frühesten koranischen Texten überhaupt um einen menschlichen Propheten geht. Eher nicht, denn der wird erst an einer bestimmten Stelle in der Entwicklung des Textes eingeführt, was vermutlich mit der Ablehnung im Volk zusammenhängt, von der der Koran erkennbar zeugt. Der anonyme Prophet wird verteidigt und mit dem Titel Ahmed bedacht, von dem dann wohl der Titel Mohammed abgeleitet wurde. Schließlich wurden aus beiden Eigennamen.

Untersucht man die frühesten Korantexte, sieht man außer in einigen wenigen Versen definitiv keinen menschlichen Gesandten. Stattdessen findet man einen "göttlichen", der direkt zu den Menschen spricht und "eins" ist mit Gott. Und auch wenn er wiederholt mit der ersten Person Singular - "Ich" - formuliert und mit dem persönlichen Fürwort "er" auf Gott anspielt, bezieht er sich mit "wir" doch häufig auf Gott und sich selbst.

In späteren Versen richtet der himmlische Gesandte seine Worte dann nicht mehr direkt an die Menschen, sondern an den vermutlich neu eingeführten menschlichen Gesandten.

Wir erhalten sodann einen flüchtigen Einblick, wie dieser auf den Empfang von Gottes Offenbarungen vorbereitet wird: Sure 17 Vers 79 erhöht ihn in einen "lobenswerten Rang" - arabisch: "maqâm mahmûd": Aus "mahmûd" lässt sich "Ahmad" - zu Deutsch: der Gepriesenste - oder "Mohammed" - der Gepriesene - leicht bilden.

Im letzten Satz dieser vierteiligen Symphony wird der menschliche Gesandte dann mit genau denselben Begriffen beschrieben wie zuvor der himmlische. Er tritt somit an dessen Stelle. Die Bedeutung des himmlischen Gesandten wird vordergründig abgeschwächt: Als Offenbarungsengel kommuniziert er zwar noch mit dem menschlichen Gesandten, der Fokus liegt nun aber auf diesem. Und es hat sogar den Anschein, als empfange der menschliche Gesandte seine inspirierten Worte jetzt direkt von Gott.

Kurz gesagt, es steckt mehr in Sure 47 Vers 2 und der Behauptung, Mohammed sei der Gesandte Gottes, als man auf Anhieb zu erkennen vermag. Der Name des koranischen Propheten könnte hier einfach nur als Zeichen für seine erworbene Autorität und Stellung fungieren.


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Carlos Andrés Segovia von der Saint Louis University in Madrid zu Sure 47 Vers 2.

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Kropp
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„Verflucht seien die Leute des Grabens,
des glühenden Feuers,
wenn sie dort sitzen und bezeugen,
was sie den Gläubigen angetan!
Sie ärgerten sich über sie nur darum, dass sie an Gott glaubten, den Mächtigen, den Rühmenswerten…“

Von Prof. em. Dr. Manfred Kropp, Universität Mainz

Für den Anfang dieses Versauszugs in der Übersetzung von Hartmut Bobzin ist die meistbenutzte Deutung: die Leute des Grabens wurden vernichtet. Der Text soll auf eine Christenverfolgung durch einen jüdischen König in Südarabien in der Stadt Nadschrān anfangs des 6. Jahrhunderts anspielen.

Der „Graben“ - arabisch: „ukhdūd“ - ist ein Wort, das im Koran nur einmal vorkommt. Häufig halten Koran-Ausleger solche Worte für Eigennamen. Ausnahmsweise tun sie es hier nicht. Dass es heute eine Örtlichkeit Ukhdūd bei der Stadt Nadschrān in Saudi-Arabien gibt, ist der koranischen Erzählung zu verdanken.

Die Wortform „ukhdūd“ ist aber auch für Fremd- oder Lehnwörter aus dem Aramäischen belegt. Es liegt nahe, in „ukhdūd“ ein fremdes Wort zu sehen, umso mehr, als der nachfolgende Vers gleich die Bedeutung und Übersetzung liefert: „glühendes (Höllen-)Feuer“. Im Aramäischen weist „ukhdūd“ nämlich auf das Wort für „hochauflodernde (Flamme)“ beziehungsweise für das altnordische „Waberlohe" hin [(u)gdo/ūd].

Der Ausdruck „Sitzen“ in dem Koranauszug ist nicht im konkreten Sinn zu verstehen. Er bezeichnet einfach die zeitliche Dauer einer Handlung oder eines Zustands, wie im Deutschen: „auf etwas (sitzen) bleiben“.

Beim Wort für: „jemanden etwas antun“ versteigt sich traditionelle Deutung darauf, dies als Vergangenheitsform zu sehen, weil das Verständnis des Vorherigen dies so erfordert.

Eine weitere Vergewaltigung arabischer Grammatik findet sich in der Deutung der Aussage: „weil sie glaubten“. Im arabischen Text steht eigentlich: „auf dass sie glauben sollten“. Hier erhebt sich die Frage, wer gemeint ist: die Gläubigen oder deren Widersacher.

Die Deutung hängt am arabischen Wort „naqama“ - zu Deutsch: „sich rächen an“. In der weichgespülten Übersetzung von Hartmut Bobzin wird es mit „sich ärgern über“ wiedergegeben. In beiden Zusammenhängen ergibt der Ausdruck „auf dass sie glauben sollten“ keinen Sinn. Richtig wäre hier, „naqama“ mit „fordern“, „verlangen“ zu übersetzen.

Eine andere Erklärung geht wieder vom Aramäischen aus, wo das Wort „tǝbaʿ“ beide Bedeutungen hat: „fordern, verlangen“ und „rächen“. Wenn jetzt ein Aramäisch sprechender christlicher Prediger in seinem Wörterbuch Aramäisch-Arabisch nachschlägt und für „tǝbaʿ“ nur arabisch „naqama“ findet, wird er auf nur eine der beiden Bedeutung hingewiesen. So kann es zu einem in der Übersetzungspraxis typischen Fehler kommen.

Bis hierhin war es schon eine tour-de-force. Nun muss der Sprung über eine letzte Hürde kommen. Wer spricht, an wen richtet sich die Rede? Vergegenwärtigen wir uns die Szene: Widersacher bedrängen die Gläubigen. Ein Prediger, ergreift das Wort und verflucht sie. Doch alle beteiligten Personen werden in der dritten Person genannt.

Mehrfachadressierung bei gleichzeitiger Sender- und Adressatenverschleierung durch die dritte Person statt der ersten Person „ich“ beziehungsweise „wir“ und der zweiten Person „ihr“! Dies ist in der öffentlichen und politischen Rede bis heute beliebt: Bundestagsreden sind formal an die Abgeordneten, eigentlich aber an das Wahlvolk draußen gerichtet.

In Sure 85 spricht ein Prediger schräg an den eigentlich gemeinten Widersachern vorbei, aber für diese deutlich hörbar, von seinen und den Leiden der Gläubigen in der dritten Person, sein Wutausbruch gipfelnd in einer Verfluchung.

Hier der gemäß der angesprochenen Gesichtspunkte bereinigte Text der erläuterten Koranpassage:

„Krepiert, Gesellen der Waberlohe –
– des wohlgenährten Feuers,
in dem ihr ewig bleiben sollt,
Zeugnis abzulegen für das, was ihr uns antut!
Verlangten wir doch nichts von euch, außer dass ihr an den mächtigen und preiswürdigen Gott glaubt …“

Kropp
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Manfred Kropp von der Uni Mainz zu Sure 85 Verse 4-9.

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Jastrow
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"Wenn Gottes Hilfe kommt und der Sieg,
und du die Menschen siehst,
wie sie in Gottes Religion eintreten – in Scharen,
dann lobpreise deinen Herrn, und bitte ihn um Vergebung!
Siehe, er ist gnädig zugewandt."

Von Prof. Dr. Otto Jastrow, Universität Tallinn, Estland

Unsere heutige Betrachtung gilt der Sure 110, einer der kürzesten Suren des Korans, die nur drei Verse umfasst. Wir haben sie eingangs in der Übersetzung von Hartmut Bobzin gehört, der ihren Namen mit "Die Hilfe" angibt.

Der entscheidende Vers dieser Sure ist der erste. Er hat neben der religiösen auch eine politische Dimension. Dieser wird die Übersetzung "Wenn Gottes Hilfe kommt und der Sieg" nicht ganz gerecht wird. Das Word "nasr", das Bobzin als "Hilfe" übersetzt, bedeutet auch Sieg, und das Wort "fath", das er als "Sieg" übersetzt, bedeutet primär Eroberung. Eine passendere Übersetzung wäre deshalb: "Wenn Gottes Sieg kommt und die Eroberung."

Wie so oft im Koran, spricht die Sure den Propheten Mohammed direkt an. Wenn der Sieg Gottes kommt, mit anderen Worten der Sieg des Islams, dann soll Mohammed seinen Herren lobpreisen und ihn zugleich um Vergebung bitten wegen der Zweifel, die er bisweilen gehegt haben mag. Dass der Sieg des Islams bevorsteht, erscheint außer Frage.

Sure 110 ist eine der spätesten Suren und ist dem Propheten erst kurz vor seinem Tode geoffenbart worden. Kommentatoren sehen sie im Zusammenhang mit seinem Sieg über die Mekkaner, gegen die Mohammed jahrelang von Medina aus einen erbitterten Krieg geführt hatte. Am Ende mussten sich die Mekkaner ergeben und Mohammed konnte als Sieger in seine Vaterstadt einziehen. Nun war auch für die heidnischen Bewohner von Mekka der Augenblick gekommen, an dem sie ihrem alten Götterglauben abschwören und zum Islam übertreten mussten.

Doch ist diese Sure wirklich nur als Kommentar zur erfolgreichen Beendigung eines Stammeskrieges zu verstehen? Das hieße, ihre prophetische Kraft zu verkennen. Was sie vielmehr ausdrückt, ist die Vision des Propheten von der Zukunft der Weltreligion, deren Grundlagen er geschaffen hat. In einem einzigen Satz entfaltet sich die triumphale Vision des Islams als einer siegreichen, unaufhaltsam voranschreitenden Macht, die sich anschickt, die ganze damals bekannte Welt zu unterwerfen. Und diese Vision sollte sich alsbald erfüllen.

Zwei Jahre nach Mohammeds Tod begannen die muslimischen Heere ihrenAnsturm auf die großen Kulturländer der Spätantike. Nach 20 Jahren erstreckte sich die muslimische Herrschaft bereits über Syrien, Ägypten, Mesopotamien und Iran. Weitere Gebiete von Nordafrika und Spanien bis nach Zentralasien kamen nach und nach hinzu. Dass die Besiegten in Scharen zum Islam übertraten, war unausbleiblich. Sure 110 war in Erfüllung gegangen.

Doch erneut würden wir uns täuschen, wenn wir die Sure nur als Voraussage eines mittelalterlichen islamischen Großreichs deuten wollten. Nach Jahrhunderten der Stagnation und einer erdrückenden Übermacht des Westens ist der Islam in seiner radikalen, fundamentalistischen Form wieder auferstanden und schickt sich zu einem neuen Siegeszug an, der Afrika, Asien, aber auch Europa im Visier hat. Statt der muslimischen Heere von einst wird die Eroberung nun von zahlreichen Terrormilizen vorangetrieben, unterstützt von ideologischer Propaganda und politischem Druck. In Europa kommen noch Migration und demographische Entwicklung als wichtige Faktoren hinzu. Dadurch gewinnt Sure 110 für uns eine beunruhigende Aktualität, eine latente Bedrohlichkeit, die auch durch die Übersetzung ausgedrückt werden sollte.

Hören wir deshalb zum Abschluss dieser Sendung die Sure 110 noch einmal - und zwar in einer alternativen Übersetzung, wie ich sie als Arabist unter dem Namen "Der Endsieg" vorschlagen möchte:

"Wenn Gottes Endsieg kommt und die Eroberung,
und wenn du siehst, wie die Menschen in Scharen zum Islam übertreten,
dann lobpreise deinen Herrn und bitte ihn um Vergebung!
Er ist ja zur Vergebung bereit."

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Otto Jastrow von der Universität Tallinn in Estland zu Srue 110.

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Khoury
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"O Prophet, wenn gläubige Frauen zu dir kommen, um dir Treue zu geloben, dass sie Gott nichts beigesellen, nicht stehlen, keinen Ehebruch begehen, ihre Kinder nicht töten, keine Verleumdung vorbringen, die sie vor ihren eigenen Händen und Füßen erdichten, und gegen dich nicht ungehorsam sind in dem, was recht ist, dann nimm ihr Treueversprechen an und bitte Gott für sie um Vergebung. Gott ist voller Vergebung und barmherzig."

Von Prof. em. Dr. Adel Theodor Khoury, Universität Münster

Diese Anweisung gehört in die Zeit, als der Prophet Mohammed bereits einige Jahre in der arabischen Stadt Medina verbracht hatte. Er war nämlich im Jahre 622 von Mekka nach Medina im Norden zusammen mit seinen Anhängern ausgewandert. Von dort hatte er sich gegen seine mekkanischen Feinde eingesetzt.

Er errang mit seinen Anhängern im Jahr 624 einen ersten Sieg in Badr, erlitt aber im Jahr 625 in Uhud eine Niederlage, bei der er sogar verwundet wurde. Unentschieden verlief die Belagerung Medinas durch die Mekkaner im Jahr 627, weil die Muslime um Medina einen Graben ausgehoben hatten. 628 schlossen die Muslime mit ihren Gegnern aus Mekka einen Waffenstillstand für zehn Jahre: das ist das Abkommen von Hudaybiya.

In dieser Periode und nach dem Abschluss des Waffenstillstandes diktierte der Koran den Muslimen, wie sie ihre Gemeinschaft nun organisieren sollten. Er sprach sich in der Sure 60, genannt "Die Prüfung", gegen die Freundschaft mit den Polytheisten aus, die den Islam nicht angenommen hatten (60: 1-9). Zudem regelte der Koran hier die Aufnahme der Frauen in die Gemeinde (60: 10-13).

Man kann im Text des eingangs zitierten Verses merken, dass die Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinde auf Geboten basiert, die die Vorstellung des Korans von den moralischen Werten und Grundlagen deutlich aussprechen. Es sind dies folgende Punkte:

- Der Glaube an den einen Gott, dem eine gläubige muslimische Frau keine andere Gottheit beigesellen darf.

- Der Respekt des Eigentums anderer Menschen.

- Keinen Ehebruch begehen.

- Ein gläubige muslimische Frau darf ihre Kinder nicht töten.

- Der Koran gibt ferner die Anweisung, dass die Frauen ihren Männern keine fremden Kinder zuschreiben dürfen. Sonst wäre das eine erdichtete, eindeutige Verleumdung, die sie bewusst vor ihren Händen und Füßen erfinden.

- Schließlich verlangt der Koran ein Treueversprechen gegenüber dem Propheten selbst.

Wenn die Frauen all diese Punkte geloben und bekräftigen, dann sollen sie aufgenommen werden, und Mohammed soll für sie Gott um Vergebung bitten. Denn "Gott ist voller Vergebung und barmherzig".

Mit diesen Forderungen fasst der Koran einige Gebote zusammen, die er für unersetzlich für die Gründung und das weitere Bestehen der islamischen Gemeinde hält.

An anderer Stelle, in einer mekkanischen Sure hatte der Koran diese Forderungen des moralischen Verhaltens ein wenig breiter erklärt (6: 151-153). Eine noch ausführlichere Behandlung findet man in der mekkanischen Sure 17, in den Versen 22 bis 39.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Adel Theodor Khoury von der Uni Münster zu Sure 60 Vers 12.

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"Und Gott stehen die schönsten Namen zu. Ruft ihn damit an und meidet diejenigen, die hinsichtlich seiner Namen eine abwegige Haltung einnehmen! Ihnen wird dereinst vergolten werden für das, was sie in ihrem Erdenleben getan haben."

Von Dr. Devin Stewart, Emory University, Atlanta, Georgia

Abdallâh ist einer der am häufigsten vergebenen Namen an männliche Muslime. Er bedeutet "Diener-" oder "Anbeter Gottes". Auch weitere geläufige Namen beziehen sich auf das Wort "Diener/Anbeter", verknüpfen es aber mit anderen Namen für Gott: wie bei Abdelkarîm - Diener des Großzügigen. Oder Abdelwahhâb - Diener des Schenkenden.

Bei diesen adjektivischen Benennungen handelt es sich um Epitheta - also Beiwörter. Sie werden im Koran zusammengefasst unter dem Begriff "Die Schönsten Namen" (al-asma’ al-husna). (Sure 7 Vers 180; 17: 110; 20: 8; 59: 24).

Gemäß der Tradition gibt es insgesamt 99 davon. Der geheime 100. wird "Der Höchst Name" (al-ism al-a’zam) genannt. Manche glauben, dass er der Person, die ihn kennt, enorme Macht verleiht.

Diese spezifische Form von göttlichen Epitheta im Islam gilt gemeinhin als einzigartig. Die Liste der 99 Namen - die im Übrigen variiert - erscheint auf Postern, auf Tafeln und kommt in der Andachtsmusik vor.

Vom Prinzip her aber teilt der Islam das Konzept der theophorischen Namen beziehungsweise der göttlichen Beiworte - Epitheta - mit anderen religiösen Traditionen. Der biblische Name Daniel etwa bedeutet: "Gott ist mein Richter". Emmanuel heißt: "Gott ist mit uns" und Gabriel: "Gott ist meine Stärke".

Das heute wohl bekannteste göttliche Ephiteton dürfte - dank eines großen Sportartikel-Herstellers - Nike sein oder englisch: "Nike". Ursprünglich ist es ein Titel der griechischen Göttin Athene: Athena Nike - zu Deutsch: Athene die Siegreiche. Man könnte genauso gut Apollo den Zerstörer, Zeus den Retter, Odin den Weisen oder andere erwähnen.

Göttliche Epitheta werden zumeist in Gebeten benutzt. Bezüge zu den Ehrenbezeichnungen eines Gottes oder einer Göttin verstärken der Vorstellung nach deren Wirkungskraft. Indem der Bittsteller jeweils die göttliche Charakteristik betont, die für ein gerade akutes Problem von Bedeutung ist, steigert er die Chance auf eine wohlwollende Reaktion.

Der Islam bildet da keine Ausnahme. In Vers 8 der Sure 3 etwa betet Abraham: "Und schenk uns Barmherzigkeit von dir! Du bist doch der Schenkende schlechthin." Durch den Gebrauch von "Der Schenkende" drängt Abraham Gott dazu, seiner Bitte um die Gewährung von Barmherzigkeit zu entsprechen.

Ein weiteres Beispiel bildet ein ziemlich bekanntes, traditionelles Gebet für Kranke. Es nutzt das göttliche Epitheton "Der Heilende" – arabisch: al-Schafî': "Heile, denn du bist der Heilende, der Eine, der Gesundheit gibt, und der Eine, der aller Dinge mächtig ist."

Der Terminus "Schönste Namen" wird bereits im Koran selbst gebraucht. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass sowohl der Begriff als auch die darunter zusammengefassten Namen Teil der vorislamischen, arabischen Religionstraditionen sind. Die Erkenntnis hilft bei der Erläuterung dieses Versteils: "Und meidet diejenigen, die hinsichtlich seiner Namen eine abwegige Haltung einnehmen!"

Die Aussage muss sich auf solche Zeitgenossen beziehen, die die göttlichen Epitheta in ihren Gebeten zu anderen Gottheiten benutzt haben. Einige klassische Korankommentatoren verweisen hier insbesondere auf die Verehrung der altarabischen Gottheiten al-Lât, al-'Uzzâ und al-Manât. Alle drei heidnischen Gottheiten finden im Koran Erwähnung. Die Heiden betrachteten sie als die "Töchter Allâhs".

Aus diesem Grund insistiert der heute erläuterte Vers, dass die Schönsten Namen allein auf Gott gemünzt sein sollen. Denn er ist der einzig legitime Adressat von Gebeten.


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Sendezeitgründen leicht gekürzte Version.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Devin Stewart von der Emory University in Atlanta, USA, zu Sure 7 Vers 180.

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Karic
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"Und als dein Herr zu den Engeln sprach: 'Siehe, ich will auf der Erde für mich einen Sachwalter einsetzen', da sagten sie: 'Willst du auf ihr einen einsetzen, der auf ihr Verderben anrichtet und Blut vergießt? Wir verkünden doch deinen Lob und rühmen dich.' Er sprach: 'Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst.'"

Von Prof. Dr. Enes Karić, Universität Sarajevo, Bosnien und Herzegowina

Es gibt laut dem Koran zwei Arten von Gottes Welten: die erste Art umfasst Gottes Welten in seinen Worten (kalâm allâh), und die zweite Gottes Welten in seinen Schöpfungen - dem Universum, dem Kosmos ('âlam allâh). Die Welten in seinen Worten sind ewig, Kosmos und Universum vergänglich.

Mehrere Male lässt der Koran ausrichten, Gott offenbare sich außer durch seine Sprache auch durch sein permanentes Erschaffen von Natur und Kosmos. In diese Welten tritt der Mensch ohne eigenen Willen ein.

Die Szene in Vers 30 der Sure zwei vergegenwärtigt die an die Engel gerichtete göttliche Erzählung. Gott verkündet vor allen im Himmel und auf der Erde, er wolle einen Sachwalter - den Menschen - auf der Erde einsetzen. Und so erscheint es, als sei die Schöpfung des Menschen, die anschließend geschieht, die Folge seines erhabenen Sprechens über ihn. Tatsächlich belegen mehrere koranische Aussagen: Das Wort Gottes über den Menschen ging dem Menschen selbst voran.

Der Mensch trat somit mit seiner Existenz in eine Erde ein, die vor ihm erschaffen wurde. Er wurde Teil der Landschaften, und anhand dieser Landschaften beobachtet er nun die mannigfaltigen Geheimnisse, die der Sternenhimmel über ihm verbirgt.

So wie die Welt den Menschen einfasst und verschiedene allumfassende Horizonte ihn umschlingen, umgeben ihn die Geschichten und Erzählungen im Koran, in der Tora, im Zabûr, also dem heiligen Buch, das nach islamischer Lehre dem Propheten David offenbarte wurde, sowie im Evangelium und in anderen heiligen Schriften.

Der Koran weist darauf hin, dass sich zwischen seinen Buchdeckeln eine Menge göttlicher Erzählungen beziehungsweise Offenbarungen über den Menschen befinden: über den "Vater" oder "Urvater" der Menschheit, Adam, gefolgt von Offenbarungen über die "Söhne Adams", also über die ganze Menschheit.

Was will nun der Koran dem Menschen mit der Verkündung von zwei Arten von Welten, jener in Gottes Worten und jener in Gottes Schöpfung, mitteilen?

Nach Ibn 'Arabî, dem großen Mystiker des Islams, hat es bloß den Anschein, dass es zwei Arten von Welten gebe. In Wirklichkeit gibt es ihm zufolge nur eine einzige Realität, eine einzige endgültige Existenz, eine einzige endgültige Essenz. Und diese ist Gott. Ibn 'Arabî sagt: "Der Koran ist der sprechende Kosmos, und der Kosmos ist der schweigende Koran." Ibn 'Arabî zufolge ist die Aufgabe des Menschen diese: Er muss die endgültige Existenz und die endgültige Essenz bezeugen. Also Gott, den einen, den einzigen.

Da dem Menschen nun das ewige Wort Gottes offenbart wurde und er ein Wesen der Welt sein soll, werden seine Schritte im Diesseits auch nicht umsonst sein. Der Koran lässt ausrichten: Dereinst wird der Mensch nach seinem Verhalten im Leben auf dieser irdischen Welt befragt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Enes Karić von der Universität Sarajevo zu Sure 2 Vers 30.

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Prof. dr. h%c3%bcseyin %c4%b0lker %c3%87%c4%b1nar
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"Der Monat Ramadan ist es, in dem der Koran als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage fasten – Gott will es euch leicht, er will es euch nicht schwer machen."

Von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar, Universität Osnabrück

Aus diesem Vers leitet die Mehrheit der islamischen Gelehrten die Bestimmung ab, dass jeder zurechnungsfähige und geschlechtsreife Muslim dazu verpflichtet ist, den Monat Ramadan hindurch zu fasten.

Befreit von dieser Pflicht sind Kranke, Reisende und Menschen, die aufgrund besonderer körperlicher Umstände wie Schwangerschaft, Menstruation und Altersschwäche dazu nicht imstande sind.

Der besagte Vers wurde in den Koranauslegungen aus unterschiedlichen Perspektiven - literarisch, soziologisch, mystisch, juristisch - ausführlich analysiert. So gingen die Exegeten nicht nur auf das Gebot des Fastens ein, sondern setzten sich auch mit dem "Monat" Ramadan auseinander. Ramadan ist der einzige Monat, der im Koran namentlich erwähnt wird – und zwar ein einziges Mal in diesem behandelten Vers.

Über die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Ramadan" haben Philologen unterschiedliche Meinungen geäußert. Einige argumentieren, es leite sich von "ramdâ" ab. Der arabische Begriff bezeichne einen Regen am Ende des Sommers, der die Erde von Staub und Dreck reinige. Genauso reinige der Ramadan das Herz des Fastenden von seinen Sünden.

Gemäß einer anderen Meinung ist das Wort auf das Verb "ramada" zurückzuführen. Damit wird das Aufheizen der Erdoberfläche durch starke Sonneneinstrahlung ausgedrückt, sodass einem beim Betreten die Fußsohlen verbrennen. Auf gleiche Weise tilgt im Ramadan das Gefühl von Hitze und brennendem Durst, das Fastende beim Verzicht auf Essen und Trinken befällt, begangene Sünden.

Darüber hinaus wird überliefert, Ramadan sei einer der Namen Gottes und bezeichne somit den "Monat Gottes".

Die Besonderheit des Ramadans gegenüber anderen Monaten besteht vor allem darin, dass in ihm, genauer gesagt in der "Nacht der Bestimmung" (lailat al-qadr), erstmals ein Teil des Korans herabgesandt wurde. Diese Nacht liegt in den letzten zehn Tagen des Ramadans verborgen. Laut Koran ist sie wertvoller als tausend Monate (Sure 97: Vers 3). Muslime suchen daher in den letzten zehn Tagen nach dieser segensreichen Nacht, um sie verstärkt im Gebet, im Gedenken an Gott und in Meditation zu verbringen.

Zur Hinabsendung des Korans erklären die Gelehrten, er sei in einem Zeitraum von 23 Jahren über den Engel Gabriel nach und nach dem Propheten Mohammed offenbart worden. Zudem gibt es Überlieferungen, wonach Gabriel und Mohammed einander jedes Jahr im Ramadan den bis dahin offenbarten Teil des Korans vorgetragen haben; in Mohammeds Todesjahr habe dieses Ereignis sogar zweimal stattgefunden. Seit dem wird die Lesung des gesamten Korans im Ramadan von vielen Muslimen weltweit als segensreiche Tradition fortgeführt, sei es in Gemeinschaft oder individuell.

Heutzutage wird der Ramadan vielfältig begangen, etwa als Monat des Korans, als Monat des Fastens, der Almosengabe, der Barmherzigkeit und des Segens, der Vergebung und Erlösung. Viele erkennen in ihm auch einen "Monat der Reinigung der Herzen von Sünden" sowie einen "Monat der Erziehung der Triebseele".

*Die Audioversion wurde aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Hüseyin Çınar von der Universität Osnabrück zu Sure 2 Vers 185

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%c3%bcnsal
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"Prophet! Fürchte Gott, und gehorche nicht den Ungläubigen und Heuchlern! Siehe, Gott ist wissend, weise."

Von Dr. Hadiye Ünsal, Çukurova Universität, Adana, Türkei

Der erste Vers der Sure 33, genannt al-ahzâb - "Die Gruppen", beginnt mit einer Anrede Mohammeds. Er wird an seine Pflicht und Verantwortung vor Gott erinnert. Ihm wird gesagt, er solle den Ungläubigen und Heuchlern nicht nachgeben. Die Aufforderung wird in identischem Wortlaut in Vers 48 der Sure wiederholt. Dem Propheten wird dort zudem gesagt, er solle sich nicht wegen des Ungemachs sorgen, das ihm die Ungläubigen und Heuchler zufügten. Er solle auf Gott und dessen Unterstützung bauen.

Die Darstellungen deuten an, dass Mohammed wegen der Ungläubigen und Heuchler erschöpft war. Das schwächte seinen Widerstand.

Die Erschöpfung könnte seiner Heirat mit Zaynab Bint Dschahsch geschuldet sein. Laut vielen Koran-Kommentatoren gab es unter den Heuchlern über diese Heirat viel Gerede, da Zaynab die Ex-Ehefrau von Mohammeds Adoptivsohns war. Die Heuchler versuchten, ihn damit zu diskreditieren.

Die Ansprache Mohammeds im ersten Vers der Sure könnte sich allerdings auch auf die feindlich gesinnten polytheistischen Kräfte aus Mekka beziehen. Als die berühmte Grabenschlacht zwischen ihnen und Mohammed mit seinen Anhängern in Medina unausweichlich geworden war, versuchten sie, die Gegenwehr des Propheten zu schwächen und zu brechen.

Ein weiteres bedeutendes Ereignis in diesem Kontext schildern die Verse 26 und 27. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Stamm der Banû Quraiza. Sie waren Mohammed während der Grabenschlacht in den Rücken gefallen.

Die nachfolgenden zwei Verse, die traditionell als "Wahl-Verse" bekannt sind, erörtern das Familienleben Mohammeds. Gemäß mehreren Erzählungen wurden diese Verse 28 und 29 auf folgendes Ereignis hin offenbart: Als Mohammeds Gattinnen die Beute nach der Belagerung der Banû Quraiza und eines weiteren jüdischen Stammes, der Banû Nadîr, sahen, sagten sie: "O, Gesandter Gottes! Die Frauen von König Chosrau und des byzantinischen Kaisers führen ein Leben in Luxus mit Schmuck, Juwelen, Hofdamen und Dienern, während wir in Armut und Unbequemlichkeit leben."

Mohammeds Gattinnen brachten einige solcher Anfragen vor. Damit verärgerten sie den Propheten und es wurden jene "Wahl-Verse" offenbart. Sie lauten: "Prophet! Sprich zu deinen Gattinnen: ‚Wenn ihr das Leben hier auf Erden und seinen schönen Schein begehrt, dann kommt her, dass ich euch das genießen lasse und euch auf eine geziemende Art freigebe. Doch wenn ihr Gott und seinen Gesandten und das Jenseits begehrt - siehe, Gott hält denen von euch, die schön handeln, reichen Lohn bereit."

Den Roten Faden in dieser Sure markieren die Grabenschlacht und die Auseinandersetzung mit den Banû Quraiza. Ferner werden Mohammeds Hochzeit mit Zaynab Bint Dschahsch und sein privilegierter Status hinsichtlich der Polygamie behandelt. Zudem erfolgen Warnungen an dessen Ehefrauen.

Alle Verse der Sure sind eine Art Schild für Mohammed. Dieser Schild schützt ihn vor Gefahren, die von den Polytheisten außerhalb Medinas ausgehen, sowie von dem Gerede und den Diskreditierungs- Kampagnen der Juden und Heuchler innerhalb Medinas. Das gilt insbesondere für das Gerede über die Heirat des Propheten mit Zaynab Bint Dschahsch.

In diesem Kontext ähneln die Verse dem Szenario eines Spielfilms, der auf verschiedenen dramatischen Ereignissen innerhalb eines Monats basiert.

Aus Gründen der Sendezeit musste die Audioversion leicht gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Hadiye Ünsal von der Çukurova Universität in Adana zu Sure 33 Vers 1.

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Foto bearb
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"Gott verbietet euch nicht, gegen diejenigen, die euch des Glaubens wegen nicht bekämpft und euch aus euren Häusern nicht vertrieben haben, gütig und gerecht zu sein. Gott liebt die Gerechten. Er verbietet euch nur, euch mit denjenigen zu verbünden, die euch des Glaubens wegen bekämpft, euch aus euren Häusern vertrieben und anderen bei eurer Vertreibung Beistand geleistet haben. Das sind die Ungerechten."

Von Prof. Dr. Mustansir Mir, Youngstown State University, Ohio, USA

Die beiden Verse thematisieren einen zentralen Aspekt in den Beziehungen, die Muslime und Nicht-Muslime miteinander pflegen dürfen. Gott verbietet im Koran niemandem einen freundlichen Umgang mit Nichtmuslimen. Es sei denn, sie haben die Muslime zuvor bekämpft. Für diesen Fall untersagt Gott den Muslimen, sich mit Nichmuslimen zu befreunden.

Beide Verse werfen keine Interpretationsprobleme auf. Der erste Vers trifft eine Aussage in verneinender Form, der zweite in bejahender Form. Beide untermauern denselben Grundgedanken.

Dennoch muss man einige Punkte anmerken. Zunächst legt die Stilistik, mit der dieser Grundgedanke hier vorgetragen wird, die Befürchtung nahe, andere Koranverse in Bezug auf etwaige Feindseligkeiten zwischen Muslimen und nicht-muslimischen Gruppen könnten von manchen falsch verstanden werden. Diese anderen Koranverse sind genau genommen die eröffnenden derselben Sure 60, vor allem die ersten beiden. In Vers 1 heißt es: "Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht meine und eure Feinde zu Freunden, indem ihr ihnen (eure) Zuneigung zu erkennen gebt." Vers zwei führt aus, dass die Feinde keine Gelegenheit auslassen würden, um den Muslimen zu schaden.

Die Verse acht bis neun dienen nun zur Klarstellung oder Präzisierung dieser Aussagen; sie legen die genauen Hintergründe dar. Sprich, der Koran verbietet vertraute und herzliche Beziehungen zu denjenigen, die offen feindselig agieren und jede Chance nutzen, um dem Islam und seinen Anhängern zu schaden. Nicht der sogenannte Unglaube sondern die Feindseligkeit ist somit Basis für die Verfügungen über Beziehungen zu Nichtmuslimen.

Auch andere Koranverse verbieten Muslimen, Nichtmuslime beziehungsweise Juden und Christen zu Freunden zu nehmen (etwa 3:28; 4:89, 144; 5:51). Die hier besprochenen Verse nehmen gleichsam Bezug auf diese Koranstellen.

Obwohl Sure 60:8-9 den Hintergrund eines spezifischen koranischen Verbots erläutert, lässt sich daraus auch ein allgemeines Verhaltensprinzip ableiten: Im Alltag sollen für Muslime Freundlichkeit und Gerechtigkeit das Fundament ihres Umgangs mit Nichtmuslimen sein. Das Verbot, sich mit bestimmten Gruppen von Nichtmuslimen zu befreunden, kennzeichnet lediglich die Ausnahme von diesem Grundprinzip.

Weiterhin ist zu der Koranpassage anzumerken: Sie zeigt uns, dass der Koran in seinen Äußerungen und Urteilen Pauschalisierungen vermeidet - und zwar egal ob in Bezug auf Menschen oder auf Ideen. Der Koran trifft vielmehr gewissenhaft Unterschiede.

Er fasst die Nichtmuslime nicht in einer Kategorie zusammen, um diese dann zu verdammen und die Gläubigen anzuhalten, ihre Beziehungen zu ihnen komplett abzubrechen. Im Gegenteil. Der Koran erkennt hinsichtlich der Nichtmuslime an, dass nicht alle von ihnen feindlich gesinnt sein müssen, nur weil das auf einige zutrifft.

Schließlich ist die koranische Anweisung zum differenzierten Umgang mit Nichtmuslimen auch als Reaktion darauf gemeint, wie diese wiederum mit Muslimen umgehen. Der Koran gestattet es Muslimen nicht, eigenmächtig zu entscheiden. Vielmehr verlangt er, dass sie zunächst eruieren, wie sich Nichtmuslime ihnen gegenüber verhalten, um sich erst dann entsprechend der Verse acht bist neun zu ihnen zu positionieren.


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Mustansir Mir von der Youngstown State University in den USA zu Sure 60 Vers 8-9.

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Zafer
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"Siehe Christus Jesus, Marias Sohn, ist der Gesandte Gottes
und sein Wort, das er an Maria richtete,
und ist Geist von ihm.
So glaubt an Gott und seine Gesandten,
und sagt nicht: ‚Drei!‘
Hört auf damit, es wäre für euch besser.
Denn siehe, Gott ist ein Gott;
fern sei es, dass er einen Sohn habe."

Von Dr. Hamza Mahmood Zafer, University of Washington, Seattle, USA

Der Koran betont eine ausdrückliche Gegnerschaft zur Trinitätslehre - also zur Auffassung von Vater, Sohn und Heiliger Geist als Wesenseinheit Gottes. Er polemisiert insbesondere gegen die Vater-Sohnschaft Gottes, betrachtet diese als stark mangelhaften Monotheismus und abscheuliche Äußerung über das Einssein Gottes und hält sie für theologischen Fanatismus.

Die koranische Kritik an der Trinität hat mehrere Aspekte. Zusätzlich zum Verstoß gegen die absolute Singularität - arabisch: "tauhîd" - gilt der Glaube an die Vater-Sohnschaft Gottes als Fehlschluss im Glaubensbekenntnis und in der Metaphorik.

Hinsichtlich des Bekenntnisses gilt die Vater-Sohnschaft Gottes insofern als Fehlschluss, als dass sie einem Schlüsselelement der koranischen Lehre entgegensteht: nämlich Gottes vollständige Erhabenheit und Überlegenheit - arabisch: "subhâna wa-ta'âla". Der Gott im Koran ist zwar lebendig ("al-hayy") und erschafft ("al-khâliq" / "al-bâri" / "al-fâtir"), aber er ist gänzlich ohne Ursache und selbstevident. (Sure 112 Verse 1-4) Das heißt, er wurde nicht geboren und stirbt nicht. Gott zeugt nicht und wurde nicht wie biologisches Leben gezeugt. Er ist überweltlich.

Trotzdem enthält die koranische Theologie einen explizit biologischen Wortschatz. So ist etwa von Gottes Hand und Gesicht die Rede. Frühe Theologen erklärten, dieser Wortschatz müsse allegorisch verstanden werden. Er stehe für Gottes Macht und Allwissenheit.

Die Über-Betonung einer wortgetreuen Auslegung des Korans in klassisch-islamischer Zeit führte noch zu einer anderen Erklärung. Man stellte das Prinzip des Glaubens, ohne nach dem Wie zu fragen, auf. Gott hat demnach Hand und Gesicht, aber man fragt nicht, wie man sich das vorzustellen hat.

Den Schaffensprozess ("takhlîq") stellt der Koran als sprachlichen nicht als physikalischen Akt dar: Gott spricht: "Sei!", und es ist. Die Geburt Jesu wird im Koran folglich mit sprachlicher Begrifflichkeit beschrieben: Jesus ist eine Äußerung Gottes ("kalima") gerichtet an Maria.

Oft erwähnt der Koran Jesus mit dem Metronym: Sohn der Maria. Die koranische Jesus-Erzählung ist untergeordneter Teil der Maria-Erzählung. Die ausführlichste Darstellung des Auftrags Jesu im Koran findet sich in der 19. Sure. Sie trägt den Namen Maria. Marias verheißungsvolle Niederkunft und nicht Jesu Geburt bildet den Rahmen dieser Sure.

Nach den Bestimmungen des Korans ist die Vater-Sohnschaft Gottes auch metaphorisch ein Fehlschluss. Der Koran benutzt für seine Gemeinschaft der Gläubigen nicht die Bildsprache der väterlichen Nachkommenschaft. Die Gläubigen stellen weder die echte noch die allegorische Nachkommenschaft eines Patriarchen dar, sondern eine seitenverwandtschaftliche Brüderschaft ("mu’akhkha").

Die Beziehung des Propheten zu den Gläubigen entspricht der von Geschwistern und Genossen, nie der von Vätern oder Patriarchen. Sure 33 Vers 40 besagt: "Mohammed ist nicht der Vater eines eurer Männer." So werden die biblischen Stammväter aus dem ersten Buch Mose im Koran allesamt zu Propheten mit Völkern gemacht. Der Anspruch der koranischen Gemeinschaft auf die Figur des Abraham erfolgt explizit über sein Bekenntnis - "millatu Ibrâhîm" -, nicht über eine väterliche Erbfolge.

Die Audioversion wurde aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt.

Zafer
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Vertonung der Erläuterungen von  Dr. Hamza Zafer von der University of Washington in Seattle, USA, zu Sure 4 Vers 171.

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"Kein Zwang im Glauben! Klar ist nunmehr das Rechte vom Irrtum unterschieden. Wer die falschen Götter verwirft und an Allah glaubt, der hat den festesten Halt erfasst, der nicht reißen wird. Und Allah ist hörend und wissend."

Von Prof. em. Dr. Stefan Wild, Universität Bonn

Es geschieht nicht oft, dass ein Papst einen Koranvers zitiert. Papst Benedikt XVI. hat das mit den Worten "Kein Zwang im Glauben!" aus dem Vers 256 der zweiten Sure in seiner denkwürdigen Regensburger Vorlesung im September 2006 getan. Ja, er hat sich mit dem Vers auseinandergesetzt.
 
Echo muslimischer Theologen auf die päpstliche Exegese war im Allgemeinen verhalten bis ablehnend. Viele lasen daraus den längst widerlegten Vorwurf, die Muslime hätten den Islam mit Feuer und Schwert verbreitet.

Muslime zeigten im 7. Jahrhundert eine auf den Koran gestützte Toleranz, von der ihre christlichen Zeitgenossen weit entfernt waren. Die katholische Kirche hat sich, wie man weiß, erst im 20. Jahrhundert zur vollen Religionsfreiheit bekannt.

Juden, Christen und Zoroastrier galten den Muslimen im 7. Jahrhundert als "Schriftbesitzer", die ein "heiliges Buch" vorweisen konnten. Sie wurden nicht zur Konversion zum Islam gezwungen, hatten aber die soziale und politische Vorherrschaft der Muslime anzuerkennen und einebesondere Steuer zu zahlen.

Anders stand es mit den Heiden. Sie galten als "Götzendiener" und konnten nur wählen zwischen der Flucht vor der muslimischen Herrschaft, der Annahme des Islams oder dem Tod.

In der Neuzeit haben manche muslimische Gelehrte den Satz "Kein Zwang in der Religion!" als Beweis dafür angeführt, dass der Koran im Prinzip die volle Religionsfreiheit lehre. Die meisten dieser Gelehrten scheuten und scheuen freilich die Schlussfolgerung, dass es Muslimen dann erlaubt sein müsse, eine andere Religion anzunehmen oder sich gar nicht zu einer Religion zu bekennen.

Diesen Schluss haben die älteren muslimischen Exegeten nie und heutige Exegeten nur sehr selten gezogen. Staaten, in denen der Islam Staatsreligion ist, sehen bis heute kaum eine Möglichkeit, einem vom Islam "Abgefallenen" staatlichen Schutz zu gewähren, selbst wenn die Verfassung dieser Staaten Religionsfreiheit vorsieht.

Einige Gelehrte wollten bereits in der islamischen Frühzeit akzeptieren, dass Muslime sich vom Islam entfernen können, wenn sie davon kein Aufheben in der Öffentlichkeit machen und andere Muslime nicht zur Apostasie anstiften. Bis heute halten die meisten muslimischen Gelehrten es aber für unmöglich, dass volle Religionsfreiheit in einem auf dem Islam beruhenden Staatswesen gewährt werden könne.

Ferner wird der Vers: "Kein Zwang in der Religion!" in der muslimischen Exegese oft als "abrogiert" betrachtet. Das heißt, man sieht ihn durch andere, später offenbarte Koranverse als von Gott "aufgehoben" an.

Eine solche Aufhebung behält zwar den Text der besagten Koranpassage bei, aber es wird nicht mehr nach ihrer Aussage gehandelt. "Abrogation” ist in der islamischen Theologie ein gängiges Prinzip der Auslegung, das echte oder vermeintliche Widersprüche im Korantext auflösen will.

Manche Exegeten gehen noch einmal anders mit den Worten: "Kein Zwang in der Religion!" um. Sie wollen sie ausschließlich auf Juden, Christen und Zoroastrier anwenden, nicht aber auf Andersgläubige. Wieder andere beschränken die Worte auf Kinder, die zur Zeit des Propheten in Medina zum Judentum oder Christentum konvertiert sind.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Stefan Wild von der Uni Bonn zu Sure 2 Vers 256.

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Teil 1

Munther younes  deutschlandfunk %281%29
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"Wir haben den Menschen zur Mühsal erschaffen."

Von Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA

Bei einer sorgfältigen Betrachtung der Sprache von Sure 90 fällt auf,* dass gewisse Verse schön geschrieben sind, während andere an unnötigen Wiederholungen, an Unklarheiten und fehlenden rhythmischen Strukturen kranken.

Besonders auffällig an Sure 90 ist auch: Auf Abschnitte, in denen Gottes Gunst gegenüber dem Menschen in positiven Zusammenhängen ausgedrückt wird, folgen Abschnitte mit deutlich negativer Darstellung des Menschen als arroganter Angeber. Auf gute Taten lässt der Text Androhungen schwerer Strafen folgen.

Auch einige Formulierungen in der Sure scheinen nicht zum Rest zu passen. Das gilt zum Beispiel für die allgemeine Bedeutung mancher Worte oder ihren Gebrauch. Vor allem der arabische Ausdruck "fî kabad", der im eingangs zitierten Vers mit: "zur Mühsal" wiedergegeben ist, wirft Fragen auf.

"Fî kabad" wird gemeinhin übersetzt mit "in Bedrängnis beziehungsweise zur Bedrängnis" oder mit "in einer gewissen Stimmung", mit "in Mühsal/ im Kampf", mit "in Not" oder mit "in Schwierigkeiten". Dieses breite Bedeutungsspektrum zeigt, dass der Ausdruck nicht eindeutig zu verstehen ist. Unter den Auslegern des Korans gibt es allenfalls die Tendenz, ihm eine negative Bedeutung zuzuweisen.

Interessanterweise ist der Vers identisch mit dem Vers 4 in Sure 95 - abgesehen von dem problematischen Ausdruck "fî kabad". Der taucht dort nicht auf. Der Vers in Sure 95 lautet: "Wir erschufen den Menschen in bester Gestalt." Statt des Ausdrucks "fî kabad" heißt es in Sure 95 "fī ’aḥsani taqwīm" - also: "in bester Gestalt." Das ist besonders auffällig. Anders als "fî kabad" mit seiner negativen Konnotation, gibt dieser Ausdruck eine eindeutig positive Darstellung des Menschen wieder.

Untersucht man diese Koranstelle weiter, ergibt sich noch etwas Interessantes. Mindestens fünf der ganz frühen Korankommentatoren - diese sind Mudschâhid, al-Dahhâk, Muqâtil, al-Farrâ' und Abd al-Razzâq - sie alle führen bei der Interpretation des Ausdrucks "fî kabad" exakt die positive Bedeutung aus Sure 95 Vers 4 an - nämlich "in bester Gestalt" oder "redlich".

Es scheint also so, als seien diese Korankommentare in späterer Zeit einfach ignoriert worden.

Ähnliche sprachliche Schwierigkeiten wirft Vers 10 in Sure 90 auf. Er lautet: 

"Und ihm nicht die beiden Wege gezeigt?"


Im arabischen Originaltext steht das Wort "nadschdayn" - hier übersetzt als: "zwei Wege". Im Arabischen lassen sich fast alle Worte jeweils auf eine Wurzel zurückführen. Diese Wurzel besteht in der Regel aus drei Buchstaben. Im Fall des Wortes "nadschdayn" sind das die Buchstaben "nûn", "dschîm" und "dâl".

Diese Wurzel steht in ihrer Grundbedeutung ganz Allgemeinen für irgendeine Erhebung auf irgendeiner Grundfläche. Die Bedeutung "Pfad" oder "Weg" wird dieser Wurzel nur in Sure 90 Vers 10 gegeben.

Die vorausgehenden Verse erwähnen Teile des menschlichen Körpers: Hier ist von Augen, Zunge, Lippen die Rede. Da wäre es durchaus denkbar, dass sich "nadschdayn" auch auf Körperpartien bezieht.

Prüft man die frühen Korankommentare diesbezüglich, ergibt sich tatsächlich, dass unter diesem Wort auch die weiblichen Brüste verstanden wurden. Das schreiben jedenfalls zwei der frühen Korankommentatoren - nämlich al-Dahhâk und Abd al-Razzâq.

Die zwei Beispiele aus Sure 90 zeigen, wie stark sich die Bedeutungen von Worten und Ausdrücken im Laufe der Zeit verändern konnten. Und solche sprachlichen Veränderungen hatten mitunter großen Einfluss auf das Verständnis des Korantexts.

Die Ursachen der Bedeutungswandel sind verschieden. Es ist möglich, dass sie sich auf natürliche Weise entwickelt haben. Es ist auch möglich, dass sie absichtlich herbeigeführt wurden - zum Beispiel aus theologischen Gründen. Oder aber sie sind schlicht Ergebnis menschlicher Fehler.


*In der nächsten Ausgabe können Sie an dieser Stelle die übergreifenden Erklärungen von Dr. Munther A. Younes zur gesamten Koranpassage von Vers 1 bis Vers 10 der Sure 90 lesen und hören.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Munther A. Younes von der Cornell University in den USA zu Sure 90 Vers 4 und 10. 

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Teil 2

Munther younes  deutschlandfunk %281%29
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"Ich schwöre bei dieser Stadt,
in der du dich aufhältst.
Bei jedem Vater und dem, was er zeugt!
Wir haben den Menschen zur Mühsal erschaffen.
Meint er etwa, dass niemand Macht über ihn habe?
Er sagt: ‚Ich habe ein ganzes Vermögen ausgegeben.‘
Denkt er, dass niemand ihn gesehen habe?
Haben Wir ihm nicht zwei Augen gegeben,
und eine Zunge und zwei Lippen?
Und ihm nicht die beiden Wege gezeigt?
"

Von Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die mittleren Verse (5-7) dem Originaltext des Korans nachträglich hinzugefügt worden sind. Also die Verse: "Meint er etwa, dass niemand Macht über ihn habe? Er sagt: 'Ich habe ein ganzes Vermögen ausgegeben.' Denkt er, dass niemand ihn gesehen habe?".

Ein Vergleich dieser Verse mit den vorangehenden und den nachfolgenden zeigt deutliche Schwächen bei der Komposition des Textes. Das gilt sowohl für den Inhalt als auch für die Form.

Hinsichtlich des Inhalts lässt sich festhalten: Weder wird in den mittleren Versen ein Gedanke fortgesetzt, noch gibt es eine klare Vorstellung von der Aussage. Vers 4 besagt, der Mensch sei zur Mühsal beziehungsweise zum Leiden erschaffen. Ergibt es da einen Sinn, wenn man den Menschen unmittelbar darauf mit seinen Fähigkeiten, seiner Stärke und dem Ausgeben seines Vermögens prahlen lässt?

Auch erfüllt die teilweise Wiederholung des fünften Verses im siebten keinen eindeutigen Zweck.

Der einzige Grund, warum die mittleren Verse in der Sure auftauchen, scheint der Versuch zu sein, den Menschen in einem negativen Licht zu zeigen.

Klammert man diese Verse einmal aus, wären die Verse 8 bis 10 eine passende Fortsetzung der Verse 1 bis 4. Sofern man den arabischen Ausdruck "fî kabad" nicht mit "zur Mühlsal" übersetzt, sondern mit: "in bester Gestalt". Und sofern man das Wort "al-nadschdayn" nicht als "die beiden Wege" versteht, sondern als "die zwei Brüste". Genau so nämlich wurden die Begriffe von mehreren der frühesten Korankommentatoren verstanden.

Die erste Hälfte der Sure würde demnach wie folgt lauten:

"Ich schwöre bei dieser Stadt aufrichtig,

und Du bis ein rechtmäßiger Bewohner dieser Stadt.
Bei dem Vater und bei denen, die er gezeugt hat,
fürwahr wir haben den Menschen in bester Gestalt erschaffen.
Haben wir für ihn nicht ein Augenpaar gemacht?
Und eine Zunge und zwei Lippen?
Und haben wir ihn nicht zu den Brüsten (seiner Mutter) geleitet?"

Ich glaube, dass das die ursprüngliche Bedeutung des Anfangs von Sure 90 gewesen ist. Einer der wiederkehrenden Themen im Koran ist nämlich Gottes Aufruf, sich über die Wunder der Schöpfung Gedanken zu machen. Diese rekonstruierte Version des Surenanfangs wäre dafür ein gutes Beispiel.

Wir haben doch schließlich alle schon einmal über die Funktion von Augen, Zunge und Lippen gestaunt, oder? Also über das Sehen, das Sprechen, das Schmecken. Und wir waren doch auch alle schon einmal verwundert darüber, dass ein Baby unmittelbar nach der Geburt die Brust seiner Mutter sucht und findet? 


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterung von Dr. Munther A. Younes von der Cornell University in den USA zu Sure 90 Verse 1 bis 10. 

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Peters
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"Und die von euren Frauen, die Unzucht treiben […], so haltet sie im Haus, bis sie der Tod hinwegnimmt oder Gott für sie einen Ausweg schafft."

Von Prof. Dr. Ruud Peters, Universität von Amsterdam, Niederlande

Der Koran umfasst nur zwei Verse über die Bestrafung von Unzucht, also Geschlechtsverkehr außerhalb des Ehestands. Und diese widersprechen sich. Den ersten Vers haben wir gerade gehört. Der zweite ist Sure 24 Vers 2. Dort heißt es: "Der Ehebrecher und die Ehebrecherin, peitscht jeden von beiden mit hundert Peitschenhieben aus!"

Da sich der Wortlaut beider Texte durch Interpretation nicht in Einklang bringen lässt, griffen die Gelehrten auf das Auslegungsinstrument der Abrogation zurück. Das bedeutet: Da der zweite Vers später offenbart wurde, hebt er den eingangs zitierten Vers 15 aus Sure 4 auf. Sure 24 Vers 2 wird somit maßgeblich und bestimmt die Auspeitschung als Strafe für einen widerrechtlichen Geschlechtsakt.

Trotzdem war für Unzucht auch die Steinigung als eine Form der Todesstrafe vorgesehen. Die Steinigung gehörte zu den markanten Merkmalen des Strafrechts innerhalb der Scharia - dem göttlichen Gesetz im Islam. Fast alle religiösen Gelehrten in vormoderner Zeit waren sich einig, dass die Steinigung angewendet wird, wenn Frauen und Männer, die schon einmal verheiratet waren oder es immer noch sind, unrechtmäßigen Geschlechtsverkehr gehabt hatten. Lediglich Schuldige, die noch nie verheiratet waren, mussten den Gelehrten zufolge mit hundert Peitschenhieben bestraft werden. Interessant ist nun: die Strafe der Steinigung ist nirgends im Koran belegt.

Die Gelehrten beriefen sich für ihren Standpunkt auf die Handlungsweise des Propheten Mohammed, die Sunna, die in verschiedenen Hadithen überliefert wird. Demnach hat Mohammed Steinigungsstrafen verhängt.

Dieser Hinweis warf jedoch ein interpretatorisches und rechtliches Problem auf: Hadithe werden im Vergleich zum Koran als untergeordnet betrachtet. Sie können also keine Koranverse aufheben.

Um die Rechtmäßigkeit der Steinigung dennoch aufrechtzuerhalten, führten die islamischen Rechtsgelehrten zwei Begründungen an. Die erste basiert auf zwei Überlieferungen. Es gibt einen Bericht des zweiten Kalifen Umar, wonach ein offenbarter Koranvers über die Steinigung verlorengegangen sein soll. Allerdings gilt dieser Bericht als wenig authentisch.

Zudem existiert aber auch ein Hadith, den Mohammeds Witwe A’ischa überliefert hat. Er erzählt ebenfalls von der Existenz eines solchen Steinigungsverses. Es heißt, er sei auf einem Stück Papier notiert gewesen und das habe eine Ziege gefressen. Beiden Überlieferungen zufolge würde letztlich ein Koranvers einen anderen abrogieren. Die Interpretations- und Rechtstheorie wäre somit gerettet.

Die zweite Begründung der Rechtsgelehrten basiert auf dem schlüssigen Argument, dass es sich bei der Handlungsweise des Propheten hinsichtlich der Steinigung statt um eine Abrogation um eine Einschränkung von Sure 24 Vers 2 handele: Die Peitschenstrafe wurde demnach nicht aufgehoben, sondern blieb weiterhin allgemeine Vorschrift für widerrechtlichen Sex. Die Handlungsweise des Propheten bestimmt derweil nur für jene eine Ausnahme, die verheiratet sind oder waren, indem sie das Strafmaß auf Tod durch Steinigung heraufsetzt.

Als im 20. Jahrhundert das Strafrecht in einigen Ländern islamisiert wurde, lehnte der Gesetzgeber in Libyen und die obersten Richter in Pakistan die Steinigung als vom Koran nicht legitimiert ab. Das libysche Gesetz über die Bestrafung der Unzucht (arabisch: zinâ) von 1973 belegte unterschiedslos alle Täter mit Auspeitschung.

Das pakistanische Bundesschariagericht hielt 1981 fest: Die zwei Jahre zuvor durch das Gesetz zum "Verstoß gegen die zinâ-Verordnung" eingeführte Steinigung stehe im Widerspruch zu den rechtlichen Verfügungen des Islams. Leider beanstandete Pakistans Staatsführung dieses Urteil, ersetzte einige Richter, und danach wurde es wieder aufgehoben.


Die Audioversion wurde aus Sendezeitgründen leicht gekürzt.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Ruud Peters von der Universität Amsterdam in den Niederlanden zu Sure 4 Vers 15.

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Brown
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"Und wir sandten Lot. Damals, als er zu seinem Volke sprach: ‚Wollt ihr denn eine solche Abscheulichkeit begehen, worin noch niemand von den Weltbewohnern euch zuvorkam? Siehe, aus Lust verkehrt ihr mit den Männern statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das es zu weit treibt.‘"

Von Dr. Jonathan A. C. Brown, Georgetown University, Washington D.C., USA

Auf diesen Koranaussagen über den Propheten Lot basiert die Haltung des Islams zum Thema Homosexualität. Die Darstellung Lots kommt der biblischen sehr nahe. Die Einwohner von Sodom werden für ihre Sünden verurteilt. Eine dieser Sünden war es, dass Männer mit anderen Männern anstelle von Frauen intim wurden.

Der Prophet Mohammed verurteilte ebenfalls das Handeln des Volks, zu dem Lot gesandt worden war. Auch deshalb werden die zitierten Koranverse im Kontext von Homosexualität als maßgeblich von den Ulama verstanden. Ulama sind muslimische Gelehrte, die seit den Anfängen des Islams die Offenbarungen des Korans und die Lehren Mohammeds studiert haben. Ihr Ziel ist es, das islamische Recht, sprich: die Scharia, und die Glaubensdoktrin detaillierter zum Ausdruck zu bringen.

Die klassischen Gelehrten erachteten den Geschlechtsverkehr unter Männern, den sie als Sodomie bezeichneten, einhellig als verboten. Hinsichtlich der Bestrafung jedoch vertraten sie unterschiedliche Auffassungen.

Einige meinten, es müsse die Todesstrafe erfolgen. Andere meinten, es sei eine weniger strenge Strafe zu vollziehen. Wieder andere betonten, zu einer Exekution solle es nur dann kommen, wenn jemand mehrfach überführt wurde. Auch sonstige intime Kontakte unter Männern sind dem islamischem Recht zufolge verboten und ziehen Bestrafungen nach sich.

Ähnliche rechtliche Regelungen gelten in Bezug auf gleichgeschlechtliche Kontakte unter Frauen.

All diese Bestimmungen fallen unter das grundsätzliche Verbot außerehelicher Intimitäten, denn eine Ehe ist nach islamischem Recht nur zwischen Mann und Frau gültig.

Im islamischen Kontext wäre es allerdings treffender, von homosexuellen Handlungen zu sprechen und nicht von Homosexualität als Teil einer Identität oder als sexuelle Orientierung. Das islamische Recht interessiert sich nämlich nicht dafür, wonach sich die Menschen sehnen oder wen sie lieben.

Ein Mann mag sich durchaus zu anderen Männern hingezogen fühlen. Die Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen mag genauso stark und bedeutsam sein wie die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Das alles spielt für die Scharia keine Rolle. Sie befasst sich nur mit Äußerungen und Handlungen.

Anziehungskraft und sexuelle Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts waren historisch betrachtet in der islamischen Zivilisation weit verbreitet. Muslimische Autoren und Dichter des Mittelalters sind Erben der griechischen und persischen Traditionen. Dort war das literarische Motiv der Bewunderung für die Schönheit eines bartlosen Jünglings gängig. Zudem war die Knabenliebe in diesen Gesellschaften nicht ungewöhnlich.

Muslimische Gelehrte räumten ein, dass es häufig homosexuelle Kontakte gab. Denn selbst wenn das islamische Recht sie verbietet, gab es wenig, was man dagegen tun konnte. Um jemanden wegen Unzucht verurteilen zu können, sind nämlich zwingende Beweise erforderlich. Und diese zwingenden Beweise sind schwer zu erbringen: Der Koran fordert die Aussage von vier aufrechten, männlichen, muslimischen Zeugen, die alle mit eigenen Augen gesehen haben müssen, wie der eigentliche Geschlechtsakt vollzogen wurde. Angesicht dieser Anforderungen kam es nur selten zu rechtlichen Verfolgungen.

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Vertonung der Erläuterungen von 
Dr. Jonathan Brown von der Georgetown University in Washington zu Sure 7 Verse 80 bis 81. 

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Dakake
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"Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, wie ihr wollt. Doch schickt für eure Seelen etwas voraus und fürchtet Gott.."

Von Dr. Maria Massi Dakake, George Mason University, Fairfax, Virginia, USA

Dieser Koranvers gehört zu den Regelungen für ein angemessenes körperliches und spirituelles Betragen im Zusammenhang mit intimen Kontakten. Er betrifft die ehelichen Rahmenbedingungen und folgt auf einen Vers, der den Beischlaf mit Frauen während der Menstruation verbietet.

Der Überlieferung zufolge wurde der Vers offenbart, um die Behauptung eines jüdischen Mannes in Medina zurückzuweisen. Dieser hatte darauf gepocht, dass Kinder, die aus einer unorthodoxen Vereinigung von Mann und Frau entstehen, schielend geboren würden.

Die Anfangsaussage: "Eure Frauen sind euch ein Acker", scheint Frauen mit Besitztum zu vergleichen, geschätzt lediglich wegen ihrer Reproduktionsfähigkeit. Ein solches Verständnis steht jedoch Koranversen entgegen, die die moralische und spirituelle Handlungsmacht der Frau bekräftigen (z.B. Sure 33 Vers 35). Zudem wäre so ein Verständnis schwer mit jenen gefeierten Ehen des Propheten Mohammed in Einklang zu bringen, die kinderlos geblieben sind.

Einige Koran-Kommentatoren gründen die Annahme, dass das Wort "Acker" metaphorisch zu verstehen sei, auf die Analogie zwischen Feldfrüchten, genährt und hervorgebracht von der Erde, und menschlichen Nachkommen, genährt und hervorgebracht von der Gebärmutter der Frauen. Die Bildung dieser Metapher, sagen sie, sei vor allem dem Wunsch nach einer gehobenen Sprache geschuldet.

Zudem stellten die Kommentatoren bezüglich des Versanfangs klar, er besage: Die Ehefrau eines Mannes ist "wie" ein Acker. Er besage nicht: Sie "ist" ein Acker - im Sinne von Besitz.  

Ferner wird der Bezug auf die Gebärmutter mittels der Acker-Metapher für die Beschränkung von Sexualpraktiken herangezogen. Die Kommentatoren lesen dies konkret aus dem ersten Teils des zweiten Satzes heraus: "Geht zu eurem Acker". Die arabischen Worte für "geht zu" spielten auf den Beischlaf an, heißt es.

Der zweite Teil des Satzes - "wie ihr wollt" - scheint dem Mann die Lizenz zu geben, mit seinen Ehefrauen machen zu können, was immer er will, und zu ihnen zu gehen, wann immer er will. Für die Aussage "wie ihr wollt" stehen im Arabischen die Worte "annâ schi’tum". Das Wort "annâ" bedeutet hier aber ausdrücklich "von wo" und nicht "wo auch immer" oder "wann auch immer". Es muss also heißen: "Geht zu eurem Acker, von wo ihr wollt" und nicht: "Geht zu eurem Acker, wie ihr wollt".

Deshalb besagt der vorliegende Vers, dass sich ein Ehemann und eine Ehefrau auf beliebige Weise nähern dürfen. Mit einer Einschränkung! Und die ergibt sich aus mehreren als glaubwürdig erachteten Hadithen - also aus rechtsverbindlichen Berichten darüber, was Mohammed gesagt und getan hat. Danach muss bei einer körperlichen Vereinigung zumindest theoretisch gewährleistet sein, dass Nachkommen entstehen können - eben so, wie Feldfrüchte auf einem Acker.

Die Aussage: "Doch schickt für eure Seelen etwas voraus" dürfte schließlich auf gute Taten anspielen, die dereinst Belohnungen am Tag des Jüngsten Gerichts nach sich ziehen (Sure 73 Vers 20).

Es könnte aber auch eine Ermunterung dazu sein, den Geschlechtsakt in der Absicht zu begehen, Nachkommen zu zeugen. Denn die wären im Diesseits und Jenseits von Nutzen. Gemäß einem Hadith können einem fromme Nachkommen noch über den eigenen Tod hinaus Belohnungen einbringen.

Wieder andere verstanden die Aussage so, dass man vor dem Beischlaf Gott anrufen beziehungsweise die Basmala-Formel aussprechen soll - also die Worte: "Im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers". Schließlich sollte man auch beim Genießen körperlicher Freuden, Gott nicht vergessen.

Hören wir uns den erläuterten Vers abschließend noch einmal in korrigierter Übersetzung an:

"Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, von wo ihr wollt. Doch schickt für eure Seelen etwas voraus und fürchtet Gott."

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Maria Massi Dakake von der George Mason University in Fairfax, USA, zu Sure 2 Vers 223.

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20170316 091919
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"Siehe, Gott gebietet Gerechtigkeit und dass man Gutes tut und dem Verwandten spendet. Und er verbietet Laster, Verwerfliches und Freveltat. Er ermahnt euch. Vielleicht lasst ihr euch mahnen!"

Von Dr. Samer Rashwani, Universität Tübingen

Dieser Vers wie auch die nachfolgenden Verse fassen die Grundlagen der koranischen Auffassung von Moral und Gerechtigkeit zusammen. In den historischen Quellen wird die Begeisterung der ersten Hörer über die ethische Botschaft dieses Verses wiedergegeben. Seine positive Wirkung bewegte demnach sogar einige Hörer dazu, den Islam anzunehmen.

Den Muslimen war der Stellenwert dieses Verses und seines Inhaltes stets bewusst. Der Umayyaden-Kalif Umar Ibn Abd al-‘Azîz beauftragte die Imame seiner Zeit damit, jede Freitagspredigt mit diesem Vers zu beenden. Seitdem ist diese Tradition in der ganzen islamischen Welt bis heute lebendig.

Inhaltlich thematisiert der Vers drei positive und drei negative moralische Werte. Zu den positiven gehört zunächst die Gerechtigkeit - arabisch: ‘adl. Der koranische Gebrauch dieses Wortes beschreibt einen idealen Zustand des sozialen Zusammenlebens. Dieser zeichnet sich durch die Ausgewogenheit der Gesetze, der Rechtsprechung und des Strafvollzugs aus.

Spätere muslimische Gelehrte haben dieses Verständnis noch erweitert. Bei ihnen umfasst der Begriff "Gerechtigkeit" auch den Bereich des Glaubens an den einen Gott. Monotheismus ist demzufolge eine Art "Gerechtigkeit", weil er"die Rechte Gottes - zum Beispiel angebetet zu werden - anerkennt und ihre Einhaltung fordert. Sogar muslimische Gelehrte, für die "Gerechtigkeit" ein rationales Prinzip ist, betrachteten den Vers als zentrales Argument für ihre Auffassungen.

Der zweite positive Wert in diesem Vers besagt: dass man uneigennützig Gutes tun beziehungsweise wohlwollend sein soll - arabisch: ihsân. Viele muslimische Gelehrte haben "das Gute" hier als eine Art Verzicht auf das eigene Recht oder den eigenen Anspruch auf etwas verstanden. Zur Verdeutlichung wird auch ein Zitat von Jesus herangezogen: "Tut denen wohl, die euch hassen". (Lukas 6:27)

Jenseits dieses sozialen Aspekts des "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" verstehen muslimische Gelehrte den Wert des "ihsân" auch theologisch, und zwar dahingehend, dass man Gott anbeten solle, als würde man ihn sehen.

Der dritte positive Wert, der im Vers angesprochen wird, ist die Spende an Verwandte. Dies schließt Nächstenliebe aus eigenem Antrieb heraus ein, also noch bevor man um etwas gebeten wird, sowie das Aufrechterhalten guter Beziehungen zur Familie im Allgemeinen.

Der erläuterte Verse thematisiert auch drei negative Werte: Laster, Verwerfliches und Freveltaten. Ein Laster (arabisch: fahschâ‘) kann sich auf jede Handlung beziehen, die die von Gott gesetzten Grenzen überschreitet.

Im Koran bezeichnen Worte, die mit dem arabischen Begriff für Laster verwandt sind, oft Verstöße gegen die Sexualmoral. Einige Gelehrte verstehen unter "Laster" aber auch alle nicht sichtbaren Sünden wie Lügen, Verleumdung, falsche Anschuldigungen oder Habsucht.

Im Gegensatz zum nicht sichtbaren Laster steht die verwerfliche Tat. Muslimische Philosophen sind zudem der Meinung, dass damit jene Sünden gemeint sind, die aus Jähzorn begangen werden, im Drang nach Macht verwurzelt sind und sich durch Gewalt ausdrücken.

Unter Freveltat schließlich ist die Verletzung der eingangs betonten Gerechtigkeit zu verstehen. Darunter zählt man den Verstoß gegen das göttliche Gesetz und die Rechte anderer Menschen sowie die Rebellion gegen die eigene Gemeinde.

Der Vers vermittelt somit indirekt, dass Gott nicht nur gerecht ist, sondern den Menschen auch hohe moralische Werte auferlegt. Erst dadurch haben sie die Gelegenheit, ebenfalls gerecht zu sein. Die Gerechtigkeit zu verteidigen und dafür einzustehen wird mithin selbst zu einem moralischen Wert.

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20170316 091919
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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Samer Rashwani von der Universität Tübingen zu Sure 16 Vers 90. 

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"Und wenn ihr bestraft, so bestraft im gleichen Maß, wie euch Unrecht zugefügt wurde. Wenn ihr aber geduldig seid, so ist das wahrlich besser für die Geduldigen."

Von Dr. Mahmoud Abdallah, Universität Tübingen

Dieser Vers thematisiert zwei Aspekte, die ein friedliches Zusammenleben unter den Menschen garantieren sollen. Der erste Versteil spricht von Gerechtigkeit, eine wichtige Voraussetzung für das Besehen einer Gesellschaft. Das Versende aber überrascht mit der Information, dass Gerechtigkeit eigentlich keine Stärke sei, da starke beziehungsweise standhafte Menschen eher dem Schuldigen vergäben und verziehen.

Der Anlass für die Offenbarung, über den sich die Exegeten allerdings nicht einig sind, eröffnet eine weitere Dimension. Es wird überliefert, dass es hier um die Muslime nach der Niederlage in der berühmten Schlacht von ͗Uhud 625 nach Christus geht. Dort waren der Onkel des Propheten und viele weitere Muslime getötet und ihre Leichname geschändet worden.

Vor lauter Trauer und Wut schworen die Muslime dem Feind Rache im Übermaß. Das ist nun ein Gedanke, den der Koran ablehnt. Deshalb erinnert der Vers an die Gerechtigkeit – selbst im Kriegszustand.

Mit Bestrafung - arabisch: "'uqûba" - und Vergebung - arabisch: " ͑ afû" - thematisiert der Vers einige Hauptaspekte im Verhältnis der Menschen zueinander.

Das Wort "'afû" leitet sich vom Verb "'afâ" ab und bedeutet, einen Fehler vergeben beziehungsweise wegradieren, ausblenden. Das Verb wird zum Beispiel in dem arabischen Ausspruch: "Der Wind verweht die Spuren" benutzt und meint, dass sie nicht mehr erkennbar sind.

Das Wort "'afû" kann aber auch für ein Terrain stehen, welches noch nie betreten wurde, also noch unberührt und "unschuldig" ist. Eine weitere Meinung besagt, "'afû" bedeute, dass das Opfer dem Täter von sich aus Vergebung anbietet, ohne zu erwarten, dass der Täter darum bittet.

Der tunesische Islamgelehrte Ibn 'Âschûr vertrat im 20. Jahrhundert die Meinung, dass dieser Vers im Zusammenhang mit dem vorangehenden zu verstehen ist. Dieser besagt: "Ruf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen in bester Weise."

Ibn 'Âschûr zufolge bietet diese Koranpassage eine Erläuterung für einen (pragmatisch abgestuften) Umgang mit anderen Menschen an. Demnach kann man Menschen in drei Gruppen unterteilen: Zunächst in jene, die man zum Islam rufen möchte. Für sie gelten Weisheit und schöne Ermahnung.

Was mit Weisheit gemeint ist, wird nicht explizit erläutert. Eine rationale, reflektierende Methode wird aber auch nicht ausgeschlossen.

Dann gibt es die Gruppe der Menschen, die sich in Diskussionen mit Muslimen befinden. Dieser Austausch soll in bester Art und Weise geführt werden.

Die dritte Gruppe umfasst diejenigen, die feindselig sind und Straftaten begehen. Für diese soll die Gerechtigkeit nach dem Prinzip "Auge um Auge und Zahn um Zahn" gelten.

Obwohl Gerechtigkeit für das Aufrechterhalten jeder Gesellschaft entscheidend ist, betont der Vers Vergebung und Verzeihung. Das gilt vor allem, wenn es sich um eine persönliche Angelegenheit handelt.

Mit Vergebung kommt der Mensch nicht nur Gott näher, wie das Versende sagt, sondern auch den Mitmenschen. Sure 41:34 besagt: "Nicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, (die schlechte) ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund."

Vers 16:126 widerlegt mithin die weitverbreitete Vorstellung, dass im Islam die Strafe im Vordergrund stehe. Er betont ganz im Gegenteil Vergebung und Verzeihung. Er ist ein Aufruf zur Milde – selbst bei Kritik.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Mahmoud Abdallah von der Universität Tübingen zu Sure 16 Vers 126.

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Dagli
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"Es ist Pflicht, im Fall von vorsätzlichem Totschlag, Vergeltung zu üben. Ein Freier für einen Freien, ein Leibeigener für einen Leibeigenen und eine Frau für eine Frau. Wenn aber die Angehörigen des Ermordeten dem Täter verzeihen, ist eine Ersatzsumme zu entrichten. Die Begleichung muss korrekt und unverzüglich erfolgen, und die Angehörigen des Toten haben sich tolerant zu verhalten. Dieser Verfügung Gottes wohnen Erleichterung und Barmherzigkeit inne. Wer sie dann überschreitet, zieht sich eine peinvolle Strafe zu. Die von Gott geregelte Vergeltung sichert euch das Leben."

Von Dr. Caner K. Dağlı, College of the Holy Cross, Worcester, USA

In vielen vor-modernen Gesellschaften war der nächste Verwandte verantwortlich für die exakte Vergeltung eines Mordes. In einigen Fällen konnte es vorkommen, dass ein Stamm oder Klan auf jemand anderes abzielte als auf den Mörder selbst. Sie wählten dann eine Person, die im Rang höher stand als das eigentliche Opfer, um die Stammesehre aufrechtzuerhalten.

Solche Vergeltungsmaßnahmen konnten häufig eine Eskalation zur Folge haben. Auf eine Rachetat folgte die nächste, und das ursprüngliche Verbrechen wurde irrelevant. Man kennt so etwas auch von Blutrache-Fällen, die sich im Laufe der Geschichte in anderen Kulturen zugetragen haben.

Das Gesetz der Vergeltung im islamischen Recht hatte zum Ziel, eine angemessene Bestrafung für ein Verbrechen zu erreichen. Der nächste Angehörige des Opfers, dem die Entscheidung über die Verfahrensweise mit dem Täter oblag, konnte einer - und nur einer - der folgenden drei Handlungsoptionen nachgehen: erstens die Tötung des Täters verlangen, zweitens eine Entschädigungszahlung also "Blutgeld" einfordern und drittens dem Täter vergeben.

Die Bestrafung durfte nur von einer dazu ermächtigten Behörde durchgeführt werden. Das Recht auf Vergeltungsmaßnahmen galt nicht für ausländische Feinde, die in Übereinstimmung mit dem islamischen Kriegsrecht getötet wurden.

Die Aussage "eine Frau für eine Frau" meint, die Vergeltung solle weder hinter der angemessenen Reaktion auf ein Verbrechen zurückbleiben noch diese überschreiten. Sie besagt nicht, dass unbedingt eine Frau getötet werden muss, wenn eine Frau ermordet wurde. Die Aussage beschränkt die Vergeltung vielmehr auf einen genauen und fairen Grad der Kompensation, wonach ausschließlich der Täter zur Verantwortung gezogen wird.

Beim Blutgeld entsprach die Höhe der vorgeschriebenen Summe für eine getötete Frau im Allgemeinen der Hälfte der Summe, die für einen getöteten Mann zu zahlen war. Diese Aufteilung spiegelt sowohl die wirtschaftliche und gesellschaftliche Position von Männern und Frauen wider als auch die Unterschiede beim zu erwartenden finanziellen Verlust für die Familie des Opfers. Das ist übrigens nicht unähnlich den heutigen Zivilklagen in den USA im Fall von so genannter widerrechtlicher Tötung ("wrongful death").

Diese Regeln ähneln auch dem "lex talionis" im Römischen Recht sowie den alten angelsächsischen wie den anderen europäischen Rechtstraditionen und den Gesetzen des Tanachs, der hebräischen Bibel.

Es mag überraschend klingen, dass in den eingangs zitierten Versen von "Erleichterung" und "Barmherzigkeit" im Zusammenhang mit Vergeltung die Rede ist. Islamische Juristen erklärten, das beziehe sich darauf, dass bei Totschlag Blutgeld statt Tötung akzeptabel und auch Vergebung eine Möglichkeit sei.

Ferner besagen die Verse, in diesen Vergeltungsregeln stecke "Leben". Damit ist gemeint, dass die Regeln künftige Verbrechen verhinderten, konkreten Wert auf jedes menschliche Leben legen und Rache strikt auf die Exekution des Täters begrenzten.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Caner K. Dağlı vom College of the Holy Cross in Worcester, USA, zu Sure 2 Vers 178-179.

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Kropp
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"Wir haben dir die Fülle gegeben. So bete zu deinem Herrn und opfere. Der dich hasst, der ist des Guten beraubt."

Von Prof. em. Dr. Manfred Kropp, Universität Mainz

An dieser kürzesten Sure, zu Deutsch "Abschnitt" der koranischen Textsammlung - hier in der Übersetzung von Hans Zirker - lassen sich praktisch alle Grundsätze und Methoden historisch-kritischer Koran-Auslegung demonstrieren.

Für die gewöhnliche muslimische Auffassung beziehen sich die drei Verse auf eine Begebenheit in Mohammeds Leben. Der in Vers 3 genannte "Hasser" ist ein Widersacher Mohammeds, den Gott verflucht.

Vers 1 und 2 erinnern Mohammed an Allâhs erwiesene Wohltaten und daraus erwachsene Pflichten. Fast alle nichtmuslimischen Erklärungen folgen beinah sklavisch diesem Muster. Zugrunde liegt die Idee und der Versuch, wo immer dies möglich ist, in koranischen Sätzen einen Bezug auf Mohammed und sein Leben zu sehen.

Unterschiedliche Erklärungen finden sich nur für das letzte arabische Wort in Vers 3 "abtar", hier übersetzt mit "des Guten beraubt", wörtlich vielleicht als "abgeschnitten" zu verstehen, also entweder als abgeschnitten von der Güte Allâhs, oder, ohne dass ich hier näher auf den Gedanken eingehen kann, von einer Nachkommenschaft.

Das letzte arabische Wort im ersten Vers, "kawṯar", wird entweder als "Fülle" gedeutet, hätte dann aber eine ungewöhnliche sprachliche Form. Oder aber es wird nach einem bewährten Prinzip der Koran-Auslegung interpretiert: "Kannst Du das Wort nicht verstehen oder deuten, dann ist es ein Eigenname"; in diesem Fall wird "kawṯar" zumeist als Name eines der Flüsse im Paradies verstanden. Beide Wörter, "abtar" und "kawṯar", kommen übrigens im Koran nur einmal vor.

Eine der kritischen Richtungen wissenschaftlicher Koranforschung versucht, die koranischen Texte als allgemeine religiöse Aussagen zu sehen. Da wäre der Ausdruck "der dich hasst" eine vielgebrauchte Beschreibung des Teufels, des Menschenfeindes und Menschenhassers par excellence.

Weiter lässt sich die direkte Gottesrede in den Versen dieser Sure als Antwort auf ein Bittgebet auffassen. Das wird sofort klar, wenn man dieses Gebet formuliert. Es würde ungefähr so lauten:

"Gib mir, (o Herr) al-kawṯar!
Dann will ich Dich, meinen Herrn, segnen/preisen und Opfer schlachten.
Und der mich hasst, soll ‚abgeschnitten‘ sein!"

Diese Formulierungen klingen übrigens auch in Arabisch gut und authentisch. Ein solches Erklärungsverfahren ist bei koranischen Texten besonders erfolgreich. Damit kann man die zahlreichen und oft verwirrenden Wechsel von Sprechendem, Angesprochenem und Besprochenem im Koran in der Regel in eine klare Perspektive bringen.

Allerdings fallen in dieser Umformung der Sure in ein Bittgebet die zwei fraglichen Wörter "kawṯar" und "abtar" nur noch stärker als nicht recht im Zusammenhangstehend auf. Das gilt auch für das Wort "naḥara" "schlachten" oder "opfern" in Vers 2, das ebenfalls im Koran nur einmal vorkommt.

Als weiterer Schritt, wenn auch in der gegenwärtigen Forschung umstritten, wird der Versuch gemacht, diese drei Wörter nicht vom Arabischen her, sondern aus dem Aramäischen zu deuten. "Kawṯar" wäre dann aramäisch "kuttara", was so viel bedeutet wie: "Dauer; Standhaftigkeit"; "naḥara" wird als "ngar" gelesen und heißt dann "beharrlich, standhaft sein". Und aus "abtar" wird "atbar", von einer im Koran öfters gebrauchten, wohl aramäischen Lehn-Wurzel abgeleitet, mit der Bedeutung "ganz und gar zerschmettert, vernichtet, ruiniert".

Ein aus dem Aramäischen rekonstruierter Text der Sure 108 würde so lauten:

"Wir haben dir Standhaftigkeit gegeben!
So bete in Standhaftigkeit zu deinem Herrn!
Der dich hasst aber, (der Teufel), wird zerschmettert!"

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

Kropp
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Manfred Kropp von der Uni Mainz zu Sure 108. 

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Img 4617 bearb.
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"Gott ließ die von den Buchbesitzern, die jenen geholfen hatten, von ihren Festungsbauten herunterkommen und warf in ihre Herzen Furcht und Schrecken, so dass ihr einen Teil von ihnen getötet, den anderen jedoch gefangengenommen habt. Er gab euch ihr Land zum Erbe, ihre Häuser und ihr Gut […] Gott ist aller Dinge mächtig."

Von Dr. Shady Hekmat Nasser, Harvard University, Cambridge, USA

Im Jahr 627 bildeten die arabischen Stämme, die sich gegen den Propheten Mohammed gestellt hatten, ein Bündnis und belagerten die Stadt Medina, um Mohammed und seiner prophetischen Mission ein Ende zu setzen. Zu den Verbündeten gehörten die Quraisch, Mohammeds eigener Stamm, und die Al-Ahzâb. Während sie sich in Stellung brachten, schloss der jüdische Stamm der Banû Quraiza zunächst einen Vertrag mit Mohammed. Dann brachen sie ihn und schlossen sich dem gegnerischen Bündnis an.

Mohammed blieb am Ende siegreich. Bald nach dem Erfolg wandte er sich den Banû Quraiza zu, um sie für ihren Verrat zu bestrafen. Er belagerte sie 25 Tage, bevor die Verhandlungen mit der Kapitulation des jüdischen Stammes endeten.

Einer der Genossen des Propheten bestimmte, dass die Männer hingerichtet werden sollten. Die männlichen Jugendlichen, die das Erwachsenenalter noch nicht erreicht hatten, sollten derweil verschont und zusammen mit den Frauen und Mädchen in die Sklaverei verkauft werden. Mohammed segnete die Entscheidung ab. Darauf hin wurden, wie es heißt, zwischen 600 und 900 Männer getötet.

Das islamische Recht nutzt den Fall der Banû Quraiza als Beispiel für Vertragsabschlüsse zwischen Muslimen und anderen Parteien. Werden die Bedingungen eines Pakts respektiert und eingehalten, darf seitens der Muslime weder vom Besitz der Vertragspartei etwas weggenommen noch irgendjemandem, der zu ihnen gehört, Schaden zugefügt werden. Sollte aber auf Seiten der Vertragspartner jemand die Übereinkunft brechen, sind die Muslime zum Überfall berechtigt. Der Fall der Banû Quraiza diente als Mahnung an alle Gruppen, die Verträge mit den Muslimen zu respektieren.

Die Geschichte dieses jüdischen Stammes war und ist zugleich Gegenstand hitziger Diskussionen - vor allem im Westen, wo einige Mohammed für die Grausamkeit seiner Entscheidung kritisieren.

Muslimische Gelehrte und Historiker bestreiten den Vorfall nicht. Seit kurzem bemühen sie sich jedoch darum, die Härte der Geschehnisse abzuschwächen. Sie argumentieren, nur die Stammesführer seien hingerichtet worden und die Zahlen der getöteten Männer, die die islamischen Quellen nennen, könnten nicht als historisch korrekte Angaben bewertet werden.

Manche moderne Akademiker wie zum Beispiel Meir Kister beschreiben die Geschehnisse indes als Massaker oder Genozid, den Mohammed und die ersten Muslime an den Juden verübt hätten. Darüber hinaus ziehen manche Leute den Vorfall heran, um bereits im frühen Islam einen Antisemitismus zu verankern.

Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass der Fall der Banû Quraiza nicht gegen Juden als eine ethnisch-religiöse Gruppe gerichtet war. Mohammed rief schließlich nicht zur Tötung der anderen jüdischen Stämme auf, obwohl diese seine neue religiöse Ordnung permanent herausgefordert hatten.

Die Banû Quraiza waren allerdings der mächtigste jüdische Stamm in Medina neben den Banû Qanuqâ und den Banû al-Nadîr. Ihre Streitkraft und ihre Ressourcen zu verringern, war somit auch ein strategischer Zug des Propheten, um die Koalition gegen die Muslime im Allgemeinen und den Widerstand der Juden im Speziellen zu schwächen.

Die beiden hier erläuterten Koranverse wurden schließlich offenbart, um Mohammeds Entscheidung zu rechtfertigen, die Banû Quraiza hinrichten zu lassen und Anspruch auf deren Eigentum und Besitz zu erheben.

Img 4617 bearb.
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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Shady Hekmat Nasser von der Harvard University in den USA zu Sure 33 Verse 26-27.

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Prof. dr. h%c3%bcseyin %c4%b0lker %c3%87%c4%b1nar
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"Diejenigen, die ihr Vermögen um Gottes willen spenden und dann dem, was sie gespendet haben, weder Vorhaltungen noch Beleidigungen folgen lassen, haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Sie haben nichts zu befürchten und sie werden nicht traurig sein. Freundliche Worte und Verzeihen sind besser als ein Almosen, dem Beleidigungen folgen. Gott ist reich und milde."

Von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar, Universität Osnabrück

Diese beiden Verse handeln von der Ethik des Spendens und der Wohltätigkeit. Als Anlass für ihre Offenbarung wird in den Quellen der Koranexegese auf die Prophetengefährten ʿUthman Ibn ʿAffân und ʿAbd al-Rahmân Ibn ʿAuf verwiesen. Im Trachten nach dem Wohlgefallen Gottes entrichteten sie eine großzügige Spende und erlangten damit zugleich die Zufriedenheit und das Bittgebet des Propheten.

Die besagten Verse garantieren denjenigen Lohn, die ihren Besitz allein um Gottes Wohlgefallen willen ausgeben, ohne zu prahlen oder die Gefühle der Spendennehmer zu verletzen. Der Lohn besteht den Exegeten zufolge darin, dass die Gläubigen weder den Tod, die Zeit im Grab noch die harte Abrechnung am Jüngsten Tag zu fürchten haben. Göttliche Gaben seien ihnen sicher. Auch brauchten sie sich keine Sorgen um ihre Hinterbliebenen zu machen.

Selbst wenn diese Passage aufgrund eines spezifischen Anlasses in Bezug auf bestimmte Personen oder Umstände offenbart wurde, spricht Gott mit der Bedeutung dieser Verse trotzdem alle Muslime an. Die Methodologie der Koranexegese kennt nämlich einen wichtigen Grundsatz. Er lautet: "Der spezielle Anlass einer Bestimmung ist kein Hindernis für ihre Allgemeingültigkeit".

Einen hohen Wert misst die Koran-Passage der Geisteshaltung des Spenders bei. Sie deutet auf unethische Verhaltensweisen hin, die beim und nach dem Spenden unbedingt vermieden werden sollen.

Laut den Exegeten gehört hierzu jeder Akt, der dem Spendennehmer ein Schuld- oder Unterlegenheitsgefühl vermittelt - zum Beispiel dadurch, dass man mit der eigenen Wohltätigkeit prahlt, sie dem Bedürftigen vorhält, auf seinen Verdienst pocht, eine Gegenleistung erwartet oder sich herablassend gegenüber dem Spendennehmer verhält. Dies alles kann sowohl durch Worte und Handlungen, aber ebenso durch Andeutungen erfolgen.

In der Koran-Auslegung der islamischen Mystiker, der Sufis, wird oft darauf hingewiesen, dass man sich beim Spenden stets des wahren Eigentümers aller Dinge bewusst sein solle, anstatt sich aufzuspielen. Letzten Endes gebe man ja nur von dem, was eigentlich Gott gehört.

Kann jemand ein solches Fehlverhalten nicht vermeiden, sollte er besser von einer Spende absehen. Stattdessen sollte er freundliche Worte an den Bedürftigen richten, ihn mit seinen Aussagen nicht verletzen, für ihn Bittgebete sprechen und dessen Zustand nicht dritten Personen preisgeben. Dies sei besser als ein Almosen, welches durch die Kränkung des Gegenübers verdorben werde, heißt es. Der Prophet Mohammed habe bekanntlich gesagt, ein gütiges Wort, ein freundliches Lächeln oder das Beseitigen eines Hindernisses vom Weg gelten als Almosen.

Vers 263 schließt mit dem Hinweis auf zwei Eigenschaften Gottes. Zum einen wird er als "reich" beschrieben. Damit wird laut den Exegeten betont, dass er selbstgenügend ist. Er ist nicht auf Spenden angewiesen, da ihm ohnehin alles gehört. Zum anderen wird Gott als "mild" charakterisiert. Das heißt, er ist nachsichtig und langmütig. Er hat keine Eile, diejenigen zu bestrafen, die ihre Wohltaten durch Vorhaltungen und Beleidigungen verderben. Er gibt den Menschen Zeit, ihre Verfehlungen zu bereuen.

Prof. dr. h%c3%bcseyin %c4%b0lker %c3%87%c4%b1nar
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar von Uni Osnabrück zu Sure 2 Verse 262-263

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Zirker
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"Er ist Gott, außer dem kein Gott ist, der das Verborgene weiß und das Offenbare. Er ist der Allerbarmende und Barmherzige. Er ist Gott, außer dem kein Gott ist, der König, der Heilige, der Friede, der Sicherheit Stiftende, der Gewissheit Gewährende, der Mächtige, der Gewaltsame und Stolze. Gepriesen sei Gott, fern dem, was sie als Partner beigeben! Er ist Gott, der Schöpfer, der Erschaffende und Gestaltende. Er hat die schönsten Namen. Ihn preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Er ist der Mächtige und Weise."

Von Prof. em. Dr. Hans Zirker, Universität Duisburg-Essen

Vier Mal spricht der Koran von Gottes "schönsten Namen". Nach islamischer Tradition wurden 99 von ihnen offenbart; der hundertste aber, der ihre Zahl symbolisch füllt, ist aller menschlichen Kenntnis entzogen, als Hinweis auf Gottes geheimnisvolles Wesen.

Welche 99 Namen gemeint sind, wird unterschiedlich beantwortet. Dem Koran könnte man einige mehr entnehmen, und dementsprechend gibt es verschiedene Listen.

Unter allen Eigenschaften, die Gott in seinen Namen zugeschrieben werden, hat im Koran die höchste Bedeutung, dass er der Allerbarmende und Barmherzige" ist. So nennen ihn 113 der 114 Suren zu ihrem Beginn, und außerdem eröffnet Salomo mit dieser Namensformel einen Brief an die Königin von Saba (27, 30).

Aber nicht den einzelnen Namen soll hier nachgegangen werden – dies würde den zeitlichen Rahmen sprengen –, sondern der Namensgebung überhaupt. Sie berührt das Wesen religiöser Sprache, besonders unter den Vorgaben des Koran. In ihm lesen wir an anderen Stellen:

"Kennst du jemanden, der einen Namen hätte wie er?" (19: 65)

"Nichts ist ihm gleich." (42: 11)

"Nicht einer ist ihm gleich." (112: 4)

"So prägt für Gott keine Vergleiche!" (16: 74)

Nach diesen Grundsätzen, so scheint es, dürfte es von Gott diese Namen nicht geben, denn sie werden in wechselnden Formen auch in unserer sozialen Welt gebraucht, bezogen auf menschliche Eigenschaften, Tätigkeiten und Positionen. Sie gehören unserer Sprache an und sind uns nur "im Vergleich" verständlich, auch wenn wir dann sagen, dass Gott doch "ganz anders" ist.

Außerdem trägt die Namensgebung in Gott, der doch schlechthin "ein Einziger" (112: 1) ist, eine Vielheit ein; er ist dies und jenes, so und auch anders. Darf er in seinem Wesen derart aufgefächert gedacht werden?

Die islamische Theologie hat sich mit solchen Fragen von alters her vehement und kontrovers auseinandergesetzt.

Den grundsätzlich gangbaren Weg weist der Koran selbst: Auch wenn er einerseits den Menschen verwehrt, für Gott "Vergleiche zu prägen", so setzt er doch dagegen: "Gott prägt den Menschen die Vergleiche" (24: 35).

Mit anderen Worten: Gott stellt uns eine Sprache zur Verfügung, damit wir uns überhaupt auf ihn beziehen können. Und wir können diese von ihm gewährte Sprache nur sinnvoll gebrauchen, weil sie der uns gewohnten gleicht, ihre Bedeutung aus unseren menschlichen Verhältnissen gewinnt.

Nur so ist uns Gott im Sinne des Koran nicht gänzlich entzogen. Er schenkt uns eine sprachliche Nähe, die wir uns nicht aus eigenem Vermögen zurechtdenken dürften. Nicht wir stellen uns Gott so vor, sondern – das ist die Botschaft des Koran – er stellt sich uns so vor, um unsertwillen. Er lässt sich ein auf die Bedingungen unserer Welt.

Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen leicht gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Hans Zirker von der Universität Duisburg-Essen zu Sure 59 Verse 22-24.

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"Mohammed ist der Gesandte Gottes. Und die, die mit ihm sind, sind hart gegen die Ungläubigen, doch barmherzig zueinander."

Von Dr. Munirul Ikhwan, Staatliche Islamische Universität Yogyakarta, Indonesien

Dieser Vers wird von einigen Muslimen oft als Rechtfertigung dafür genommen, mit Ungläubigen hart zu verfahren und nur mit Muslimen mild umzugehen. Andere meinen allerdings, man könne das so nicht wörtlich daraus schließen. Der Vers müsse im Kontext gelesen und mit thematisch verwandten Versen in Beziehung gesetzt werden. Diese Sichtweise fällt mit einer Überlieferung zusammen, wonach Sure 48 im Anschluss an den Vertrag von Hudaibiya offenbart wurde.

627 verbünden sich Mohammeds Gegner vom Stamm der Quraisch mit anderen Stämmen, um Medina einzunehmen. Es kommt zur berühmten Grabenschlacht. Nach einer gut zweiwöchigen, kostenauftreibenden Belagerung der Stadt scheitern die Verbündeten. Ein herber Schlag für die Mekkaner, da bereits eine Reihe früherer Vorstöße erfolglos geblieben war.

Mohammed entscheidet sich, im Heiligen Monat Dhû l’Qa’da des Jahres 628 mit einer großen aber unbewaffneten Karawane zur Pilgerfahrt nach Mekka zu reisen, sprich: in die Heimat seiner Feinde. In Medina sind viele irritiert. Einige denken, der Prophet und seine Gefährten setzen ihr Leben den Klauen des Todes aus. Es widerstrebt ihnen, sich der Karawane anzuschließen. Andere vertrauen auf Gott und seinen Gesandten. Sie fühlen sich durch die möglichen Folgen der Unternehmung weniger geplagt

Mohammeds Entscheidung stürzt die Quraisch in ein Dilemma: Greifen sie die Karawane an, würden sie einen der arabischen Heiligen Monate verletzen - in denen Blutvergießen streng verboten ist. Lassen sie den Propheten in die Stadt, würden alle meinen, die Quraisch habe der Mut verlassen.

Derweil schickt Mohammed Uthmân Ibn ʿAffân zu den Quraisch. Er soll ihnen bestätigen, dass man nur zur Pilgerfahrt komme, nicht um zu kämpfen. Die Quraisch glauben ihm nicht, und halten ihn eine Zeit lang fest. Es geht das Gerücht um, Uthmân sei getötet worden. Die Gläubigen haben nun keine Wahl mehr, sie müssen sich zum Kampf rüsten. Doch das Gerücht stellt sich als falsch heraus. Die Quraisch lassen daraufhin den Propheten zu Verhandlung kommen. Das Ergebnis ist der Vertrag von Hudaibiya.

Der Vertrag besagt: Erstens, der Krieg zwischen den Muslimen und den Quraisch wird für zehn Jahre ausgesetzt. Zweitens, wenn ein Quraisch ohne Einwilligung seines Vormundes zu Mohammed überläuft, wird dieser ihn zurückschicken. Umgekehrt aber, wenn ein Muslim zu den Quraisch überläuft, brauchen sie ihn nicht zum Propheten zurückzuschicken. Drittens, jeder arabische Stamm hat das Recht, als Alliierter entweder auf der einen oder der anderen Seite dem Vertrag beizutreten. Und viertens, der Prophet und seine Männer müssen nach Medina zurückkehren und dürfen nächstes Jahr nur zur Pilgerfahrt wiederkommen.

Auf dem Rückweg nach Medina fühlen sich die Prophetengenossen niedergeschlagen und verärgert über die Ergebnisse des Vertrags. Daraufhin wird Sure 48 offenbart. Sie erklärt ihnen, dass der Vertrag keine Niederlage, sondern ein Sieg sei. Das bestätigt sich später durch die Kontrolle, die Medina über die arabischen Stämme rund um Mekka erlangt. Denn das führt zur politischen und wirtschaftlichen Isolation der Quraisch, was wiederum mit ausschlaggebend dafür ist, dass Mohammed Mekka 629 kampflos erobern kann.

Sure 48 rühmt die Prophetengenossen für ihre Reaktionen in dieser schwierigen Lage. Ihr wahrer Glaube sei der Grund dafür gewesen, dass sie Mohammeds Aufforderungen stets Folge geleistet hätten.

Das in dem erläuterten Vers benutzte arabische Wort für "hart sein" - "ashiddâʾ" - beschreibt mithin die harte Haltung der Prophetengenossen gegen den massiven Widerstand der ungläubigen Mekkaner. Und das arabische Wort "ruhamâʾ" – hier mit "barmherzig zueinander" übersetzt - kennzeichnet die Solidarität der Prophetengenossen mit ihren zaudernden Glaubensgeschwistern in Medina.

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Vertonung der Erläuterung von Dr. Munirul Ikhwan von der Staatlichen Islamischen Universität Yogyakarta in Indonesien, zu Sure 48 Vers 29.

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"Jene, die glauben und Gutes tun, ihnen wird er ihren Lohn in vollem Maß geben und von seiner Gnade noch mehr erweisen. Was aber diejenigen angeht, die es verschmähen und überheblich sind, sie wird er mit schmerzhafter Pein strafen. Und sie werden für sich außer Gott weder Freund noch Helfer finden."

Von Prof. Dr. Bülent Uçar, Universität Osnabrück

Das Verhältnis von Glauben und Handeln wird in allen Religionen viel diskutiert. Glaube deutet im Deutschen eher auf Hoffnung hin statt auf Sicherheit und Überzeugung, wohingegen das arabische Wort für Glaube im Koran - imân - den zweiten Aspekt stärker fokussiert.

Die innere Überzeugung eins Muslims wird getragen von der Hoffnung aufs ewige Leben. Gleichzeitig wird die eigene Existenz, als Verpflichtung gesehen, das Gerechte und Gute in die Tat umzusetzen und darüber Zeugnis abzulegen.

Nur wenn sich Überzeugung und Handlung decken, gewinnt die Behauptung des Glaubens an Glaubwürdigkeit. Wenn die Praxis die Theorie im Alltag aber dauerhaft widerlegt, führt dies unweigerlich zu Störungen - und zwar im Innenverhältnis (das betrifft die Sünde) wie auch im Außenverhältnis (das betrifft den Vorwurf der Doppelmoral und Heuchelei).

Welche Auswirkungen das auf Menschen hat, wäre religionssoziologisch und religionspsychologisch zu untersuchen. Aber auch muslimische Theologen haben sich seit der Frühzeit mit dem Verhältnis von Glauben und Handeln auseinandergesetzt. Ja daran schieden sich die Geister. Es führte zur Entstehung verschieden theologischer Strömungen, die sich bis in unsere Zeit auswirken.

Es gibt einen Konsens zwischen allen wichtigen Denkströmungen – ob sunnitisch, schiitisch, mu’tazilitisch, salafitisch oder charidschitisch. Demnach ist Glaube Voraussetzung für die weitere normative Beurteilung menschlichen Handelns. Erst durch die Verankerung im Glauben gewinnen Handlungen einen Wert fürs Jenseits. Sure 5 Vers 5 besagt: "Und wer den Glauben leugnet, dessen Handlung ist hinfällig. Und im Jenseits gehört er zu den Enttäuschten/Verlierern."

Das bedeutendste Buch nach dem Koran in der islamischen Theologie ist das Kompendium von al-Buchari, das Hadithe - also Aussprüche und Berichte über Taten des Propheten - sammelt und systematisiert. al-Bucharis Werk beginnt nicht ohne Grund mit einem unumstrittenen Diktum. Dieses lautet: "Handlungen richten sich nach den Absichten. Jeder wird das bekommen, was er beabsichtigt."

Somit dürfen nur jene, die mit einer genuin religiösen Motivation Gutes tun, auf Belohnung im Jenseits hoffen. Alle anderen, die aus weltlichen, persönlichen oder humanistischen Erwägungen Gutes verrichten, dürfen nach dieser Lesart lediglich im Diesseits Belohnung erwarten.

Über diese Vorstellung besteht bis heute kein Dissens unter islamischen Gelehrten. Auch mir erscheint dies konsequent, da man nicht den Eintritt in das koranische Paradies einfordern kann, dessen Existenz man gleichzeitig in Frage stellt.

Uneinig sind sich die Gelehrten aber bei der Frage, wie Sünden zu beurteilen sind - insbesondere große Sünden. Dazu existiert eine umfangreiche und komplexe Literatur.

Eine Minderheitenposition besagt, dass große Sünden einen Muslim vom Glauben loslösen (z.B. die Charidschiten). Eine weitere spricht von einer Stufe zwischen Glaube und Unglaube (z.B. die Mu’tazila). Die große Mehrheit der islamischen Theologen akzeptiert jedoch, dass ein gläubiger Muslim aus unterschiedlichen Gründen auch in Sünde leben kann.

Vom Mystiker Ibn Ataillah ist sinngemäß folgende Aussage überliefert: "Vielleicht ist eine Sünde, die Bescheidenheit und Demut hervorruft, besser, als ein Akt des Gehorsams, der zu Selbstgefälligkeit und Arroganz führt."



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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Bülent Uçar von der Universität Osnabrück zu Sure 4 Vers 173.

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"Wenn einer der Götzendiener dich um Schutz bittet, so gewähre es ihm, auf dass er das Wort Gottes hören kann, dann lass ihn an einen Ort gelangen, der für ihn sicher ist. Dies, weil sie Menschen sind, die kein Wissen haben"

Von Prof. Dr. Roy Mottahedeh, Harvard Universität, Cambridge, USA

Verschiedene Verse im Koran machen mit den Konzepten für ein gerechtes Verhalten im Krieg vertraut. Dieser Vers folgt unmittelbar auf einen, indem die Götzendiener verurteilt werden.

Der Islam war in seinem arabischen Herkunftsgebiet für die Mehrheit der dortigen Bewohner ein Gräuel. Die meisten beteten nämlich Götzen wie al-Uzza an, die arabische Aphrodite. Die ersten Muslime mussten diese Götzendiener entweder bekämpfen oder sich von ihnen töten lassen. Das erklärt, warum es Gewaltverse im Koran gibt.

Andere Passagen wie die eingangs zitierte ermutigen indes zu friedvollem und ehrenhaftem Benehmen sogar gegenüber Götzendienern - erst recht zu Toleranz gegenüber anderen Monotheisten wie Christen und Juden.

Wie verschiedene Korankommentatoren darlegen, erstreckte sich das im Vers erwähnte Gewähren eines sicheren Transits durch islamisches Territorium auf Menschen, die in diplomatischer Mission kamen, die Handel trieben und Frieden, Waffenruhe oder ähnliches erreichen wollten.

Zeitgenössische muslimische Gelehrte argumentieren, die Menschen der Gegenwart lebten überwiegend im sogenannten "Haus des Vertrages", da jeder laut Koran das Recht auf einen Ort habe, "der für ihn sicher ist". Hinzu komme, dass alle als Mitglieder der Vereinten Nationen ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet hätten.

Der Koran akzeptiert religiöse Unterschiede als fortdauernden Zustand der Menschheit. Sure 5 Vers 48 besagt: "Hätte Gott gewollt, er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht - doch wollte er euch mit dem prüfen, was er euch gab. Wetteifert darum um das Gute!"

Über hunderte Jahre hinweg haben Koraninterpretatoren unter den Mystikern erklärt, der Begriff "Götzendiener" schließe auch Diener des Geldes, der Macht und dergleichen ein. Das sei einer aufrichtigen Hingabe an Gott fremd. Laut Ende des eingangs zitierten Verses haben die Götzendiener einfach nicht verstanden, dass ihre Götter nurmehr Götzenbilder in der physischen Welt oder im menschlichen Verstand sind.

Ferner besagt der Vers, die Pflicht zur Verbreitung der islamischen Botschaft sei eine höhere Berufung. Einer der bedeutendsten muslimischen Rechtsgelehrten aller Zeiten, der verstorbene Wahbah az-Zuhaili aus Damaskus, hat ein Buch geschrieben, um zu zeigen, dass der Dschihad in der modernen Welt gerade diese Anstrengung meint - also den Islam zu verbreiten und gegen seine Verfälschung anzukämpfen. Aufrufe zum Dschihad - was übersetzt Bemühung, Anstrengung heißt - hätten daher nicht länger etwas mit physischem Kampf zu tun.

Der Vers stellt ebenso klar, und das spätere islamische Recht bestätigt es, dass Leute, die in der Annahme ins Land kommen, sie hätten sicheren Transit, gegebenenfalls dorthin zurückgeschickt werden sollen, wo sie sicher sind. Dieser Grundsatz steht zum Beispiel einer Geiselnahme von Fremden völlig entgegen.

Der Vers bringt also Anerkennung dafür zum Ausdruck, dass auch Außenstehende redlich und anständig handeln können - selbst wenn es "Götzendiener" sind.

Sure 9 Vers 6 wurde im Monat Dhû l-Qa'da des Jahres 9 nach islamischer Zeitrechnung offenbart - und zwar nach dem Friedensvertrag von Hudaybiya, den die Muslime mit den Mekkanern schlossen, und vor der Eroberung Mekkas durch die Muslime.

Einige Korankommentatoren glauben, der Vers sei durch später offenbarte Verse aufgehoben worden. Viele denken jedoch anders.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Roy Mottahedeh von der Harvard University in den USA zu Sure 9 Vers 6.

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El masri
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"Bei der Zeit! Der Mensch ist in Verlorenheit, ausgenommen diejenigen, die glauben, gute Werke verrichten, einander empfehlen, sich an die Wahrheit, an das Recht zu halten, und Geduld üben."

Von Dr. Ghassan El Masri, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Potsdam

Im Zentrum dieser Sure steht der Wille der Zeit und seine Auswirkung auf das Schicksal des Menschen sowie der Einfluss, den der Mensch darauf nehmen kann.

Viele Araber in vor-islamischer Zeit waren ausgesprochene Fatalisten. Wie der moderne Mensch, der mit den deterministischen Gesetzen der Natur ringt, die sein Leben lenken und einschränken, so rangen auch die alten Araber mit der schicksalhaften Zeit.

Zeit wurde verstanden als eine stille und passive Kraft, die dennoch entsetzlich rastlos am Werk ist. Sie wirkt unerbittlich. Durch ihren bloßen Verlauf übt sie Kontrolle über das Leben des Menschen aus und lässt ihm keine Freiheit, unabhängig über sein Schicksal zu bestimmen.

Und welcher Verlust wäre größer für ein Individuum als der Verlust seiner Tage? Und welcher Verlust für Völker wäre größer als der Wechsel der Epochen und ihr Verschwinden in der Geschichte? Mit den Worten des großen Gelehrten al-Hasan al-Basrî: "Oh Sohn Adams, du bist nichts als deine Tage, mit jedem Tag, den du verlierst, geht ein Teil von dir verloren."

Entgegen dieser Schicksalsergebenheit wirkt die göttliche Inspiration, das eigene Los zu kontrollieren. Denn in der Sure wird eine Ausnahme zum deterministischen Zeitkonzept zur Sprache gebracht: "Ausgenommen diejenigen, die glauben, gute Werke verrichten."

Zum einen besteht diese Ausnahme im Glauben an Gott als denjenigen, der Kausalität und Geschichte kontrolliert, der Anfang und Ende ist, Alpha und Omega, der die Zeiten aufeinander folgen lässt, dessen natürliche Logik die Eichel zur Eiche werden lässt, den Samen zum gealterten Menschen.

Zum anderen geht dieser Glaube an die Herrschaft Gottes über den Lauf der Zeit mit guten Werken einher. Was aber sind gute Werke? Der Koran beschreibt sie an anderer Stelle als Taten, die das Herz als gut erkennt (arabisch: baṣīra) und die von der Gemeinschaft als korrekt anerkannt werden (arabisch: maʿrūf).

Genügt das aber bereits um den Einfluss des Schicksals zu brechen? Noch nicht! Glaube und Werke müssen begleitet sein von einer dauerhaften Selbstverpflichtung zu Rechtmäßigkeit und Wahrheit - und von der rechten Einstellung zur Zeit.

Die Sure fährt fort: "Einander empfehlen, sich an die Wahrheit, an das Recht zu halten, und Geduld üben."

Warum wird an dieser Stelle Wahrheit genannt, und wie bezieht sie sich auf das Recht? Das arabische Wort "haqq" kann als Wahrheit, aber auch als Recht verstanden werden. Es ist das, was im natürlichen und wahren Lauf der Zeit notwendiger Weise geschehen wird. Wahrheit ist - letzten Endes - unausweichlich, auch wenn man sie ‚für eine Weile’ zu meiden sucht.

Und warum Geduld, wofür steht sie an dieser Stelle? Geduld ist eine inhärent zeitbezogene Haltung. Wir haben sie im Hier und Jetzt entweder zu einem in der Zukunft erwarteten erfreulichen Ereignis oder zu einem Leid, das uns in der Vergangenheit widerfahren ist.

Geduldige Selbstverpflichtung zu Recht und Wahrheit garantieren, dass das zurückliegende gute Handeln in der Zukunft gute Ergebnisse hervorbringt: Gibt ein Mensch seinen Glauben auf, so macht dies seine vergangenen Werke für die Zukunft ungeschehen.

Der amerikanische Philosoph Waldo Emerson empfahl einst: "Folge dem Rhythmus der Natur: ihr Geheimnis ist Geduld".

Es wird hier im Koran das gleiche empfohlen. Jedoch wird dieser Empfehlung eine zusätzliche Behauptung beiseite gestellt: die Substanz der Geduld ist die Wahrheit.

Durch die unnachgiebige Hingabe an Wahrheit und Geduld, die Beständigkeit im Glauben und gute Werke entgeht der Mensch seiner Verlorenheit – so wird es im Koran von einem barmherzigen Gott gesagt.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

El masri
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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Ghassan El Masri von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam zu Sure 103.

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Tatri
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"Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Freund. Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und zahlen die Armenabgabe und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Sie sind es, derer Gott sich erbarmen wird. Wahrlich, Gott ist mächtig und weise."

Von Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari, Universität Paderborn

Dieser Vers entwirft das Bild einer idealen Solidargemeinschaft. Ihre Basis ist Freundschaft. Der arabische Begriff für Freund geht auf die Wortwurzel "waliya" zurück, die unter anderem folgende Bedeutungen umfasst: unmittelbar sein, benachbart sein, Freund sein, jemandem helfen und: Vertrauen schenken.

Ein "wâlî" ist demnach ein Freund, Unterstützter und Helfer, also eine Person, die den Menschen, um den es geht, kennt und ihm beziehungsweise ihr quasi den Rücken freihalten kann. Freundschaft zwischen Menschen kann nicht verordnet werden, sondern nur zwischen Menschen wachsen, die vertrauensstiftende Erfahrungen gemacht haben. "Al-Wâlî", der Freund, ist auch einer der 99 Schönsten Namen Gottes.

Der arabische Begriff für Gläubige ist "muʾmin" und leitet sich von dem Wort "amuna" ab. Dieses Wort umschließt die Bedeutung: sich sicher fühlen, vertrauen und bestätigen. Der davon abgeleitete Glaubensbegriff "‘îmân" bezeichnet mithin Glauben aufgrund von Erfahrungen und Gewissheit.

"Al-Muʾmin" ist ebenfalls einer der 99 Schönsten Namen Gottes. Er beschreibt Gott als jemanden, der sowohl vertrauenswürdig ist als auch auf das Gute im Menschen vertraut, im Wissen um dessen Ambivalenz.

Im Vers heißt es weiter, dass auf Gott vertrauende Männer und Frauen in dieser Art von Freundschaft miteinander verbunden sind. Zusammen gebieten sie das Gute und verbieten das Böse.

Während die klassische Exegese dies vor allem auf die gottesdienstlichen Handlungen bezog, gehen zeitgenössische Ansätze auf die wörtliche Bedeutung der Formulierung ein: Männer und Frauen machen den Einsatz für das Gute zu ihrer Angelegenheit und wehren gemeinsam den Einfluss des Bösen ab.

In diesem Sinne lässt sich die Formulierung: "sie verrichten das Gebet und zahlen die Armenabgabe" auch über die Erfüllung der individuellen religiösen Verpflichtung hinaus verstehen: Männer und Frauen verrichten das Gebet, das heißt, sie schaffen Raum für Frömmigkeit und Spiritualität. Und: sie setzen sich für gerechtere wirtschaftliche und soziale Verhältnisse ein.Letzteres weist auch auf die Partizipation beider Geschlechter an der Gestaltung von Gemeinschaft hin. Ergo: Männer und Frauen machen gemeinsam Politik.

Und, so geht der Vers weiter, sie gehorchen Gott und seinem Gesandten. Der koranische Gehorsams-Begriff meint keinen blinden Gehorsam. Im Gegenteil. Als Gegenbegriff zu "Zwang" meint er: Der Mensch stimmt Gottes Plan und Wunsch für die Schöpfung zu - und zwar aus Einsicht, Fähigkeit und Freiwilligkeit.

Gläubigen, die sich so verhalten, verspricht Gott seine Barmherzigkeit, die noch über eine allgemeine alles und alle versorgende Barmherzigkeit hinausgeht. Entsprechend der Wortbedeutung von "Barmherzigkeit" sagt Gott den auf ihn vertrauenden Männern und Frauen seine Milde, seine Zärtlichkeit und seinen umsorgenden Schutz zu.

Muslime, denen der Inhalt ihrer Heiligen Schrift wichtig ist, bemühen sich mit ihrer Praxis, von der immer wieder neu erfassten Wahrheit dieses Verses Zeugnis abzulegen.

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Vertonung der Erläuterung von Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari von der Universität Paderborn zu Sure 9 Vers 71.

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Reynolds
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"Wir erschufen euch, dann gestalteten wir euch. Dann sprachen wir zu den Engeln: 'Werft euch vor Adam nieder!'."

Von Prof. Dr. Gabriel Said Reynolds, Universität Notre Dame, Indiana, USA

In nicht weniger als sieben verschiedenen Suren erzählt der Koran vom Sturz des Teufels aus dem Himmel. Die Geschichte beginnt, als Gott allen Engeln befiehlt, sich vor Adam - also dem Menschen - niederzuwerfen, den Gott soeben erschaffen hatte. Alle Engel gehorchen dem göttlichen Befehl - bis auf einen, den Teufel. Im Arabischen heißt er: Iblîs. Als Gott ihn zur Rede stellt, erklärt er laut Sure 7 Vers 12: "Ich bin besser als er. Mich schufst du aus Feuer, ihn schufst du aus Lehm."

Diese Geschichte sorgte für große Verwirrung unter klassischen muslimischen Auslegern des Korans. Das arabische Wort für "niederwerfen" in Vers 7:11 heißt: "sadschada". Es ist exakt das Wort, das benutzt wird, um das Niederwerfen der Muslime beim Gebet zu bezeichnen. Und es ist das Wort, von dem der arabische Begriff für Mosche abgeleitet ist: "masdschid". Anders gesagt: Diese Geschichte erscheint so, als habe Gott den Engeln befohlen, sie sollten Adam anbeten. Das würde das zentrale islamische Prinzip verletzen, wonach die Anbetung allein Gott gebührt.

Um dieses Problem zulösen, argumentierten manche Korankommentatoren, es handele sich hier um eine spezielle Form des "Niederwerfens", die nur einen Gruß impliziert, nicht ein Gebet. Sie verglichen die Verbeugung der Engel vor Adam oft mit der Josefs-Erzählung im Koran, wonach sich dessen Brüder und dessen Eltern in Ägypten auch vor ihm niederwarfen.

Andere bemühten sich, das Problem mit der Vorstellung zu lösen, die Engel hätten sich in Wirklichkeit vor Gott niedergeworfen. Adam diente im Grunde nur dazu, die Richtung vorzugeben, so wie die Nische in einer Moschee die Richtung nach Mekka vorgibt.

Eigentlich lässt sich die Geschichte am besten verstehen, wenn man sie im Lichte ihre Beziehungen zur christlichen Tradition betrachtet. Die Erzählung über die Anbetung Adams durch die Engel findet sich zwar nicht in der Bibel, aber sie sticht in einigen Texten hervor, die zeitlich nach der Bibel aber vor dem Koran aufgeschrieben wurden. Darunter ist eine syrische Schrift mit dem Titel "Die Schatzhöhle". Darin sagt der Teufel wie im Koran, dass er sich nicht vor Adam niederwerfen werde, weil er aus Feuer erschaffen wurde, während Adam nur aus Staub gemacht sei.

Christen nutzten die Geschichte, um die Parallelen zwischen Adam, der vor seinem Fall ein perfektes Abbild Gottes gewesen ist, und Christus als Verkörperung Gottes darzustellen. Eigentlich ist die Anbetung Adams durch die Engel für Christen eine Vorwegnahme der Anbetung Christi durch die Engel, wovon der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper berichtet: "Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind." (Philipper 2:10).

Jüdische Quellen lehnen übrigens die Tradition des Kniefalls der Engel vor Adam weitgehend ab. Die "Genisis Rabba", der große jüdische Kommentar zum Buch Genesis – dem 1. Buch Mose in der Bibel –, berichtet, dass sich die Engel, die in Adam das göttliche Abbild erkannten, darum bemühten, ihn anzubeten. Als Gott sah, was die Engel vorhatten, ließ er Adam einschlafen. Als die Engel die schlafende Person sahen, wurde ihnen klar, dass Adam nur eine Schöpfung war und so beteten sie ihn nicht an.

Statt solche Erzählungen zurückzuweisen, ist der Koran nun darum bemüht, sie zu seinen eigenen zu machen. Dazu verwirft er die Interpretation, die die Christen ihnen gegeben haben. Der Koran entzieht der Geschichte also die symbolische Anspielung auf Christus und macht daraus eine Erzählung, die schlicht von der Gehorsamkeit gegenüber Gott und seinen Befehlen handelt.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Gabriel Said Reynolds von der Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana zu Sure 7 Vers 11.

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Powers
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"Wenn ein Mann - oder eine Frau - von anderen Verwandten als Eltern oder Kind [kalâla] beerbt wird, und er [oder sie] einen Bruder oder eine Schwester hat, erhalten diese je ein Sechstel. Sind es mehrere Geschwister, so teilen sie sich ein Drittel"

Von Prof. Dr. David Stephan Powers, Cornell University, Ithaca, USA

Das ist ein Auszug aus Sure 4 Vers 12. Der Vers muss zusammen mit Sure 4 Vers 176 betrachtet werden. Er lautet:

"Sie bitten dich um Auskunft. Sprich: ‚Gott gibt euch Auskunft über die seitliche Verwandtschaft [al-kalâla]: Wenn ein Mann stirbt und keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann erhält sie die Hälfte seiner Erbschaft. Er beerbt sie, wenn sie keine Kinder hat. Sind es zwei Schwestern, erhalten sie zwei Drittel seiner Erbschaft. Und wenn es Geschwister sind, Männer und Frauen, so steht dem Mann der Anteil von zwei Frauen zu.'"

Beide Verse beziehen sich auf einen kinderlosen Mann oder eine kinderlose Frau, die bei ihrem Tod ein oder mehrere Geschwister hinterlassen haben.

Die Größe des Erbes fällt jeweils unterschiedlich aus: Sure 4 Vers 12 gewährt Brüdern und Schwestern gleiche Teile des Besitzes, ohne ein Drittel zu überschreiten. Sure 4 Vers 176 gewährt die Hälfte des Besitzes einer einzelnen Schwester, zwei Drittel zwei Schwerstern, den kompletten Besitz einem einzelnen Bruder. Sollte es Brüder und Schwestern geben, erbt ein Mann den doppelten Anteil einer Frau.

Muslimische Gelehrte lösten den Widerspruch durch Eisegese auf - also durch Textauslegung, bei der persönliche Ansichten in den Text hineingelesen werden: Als Gott das Wort Bruder oder Schwester in Vers 12 offenbarte, lehrten sie, habe er sich auf Nachkommen aus der mütterlichen Linie bezogen (uterine Verwandte). Als Gott das Wort Bruder oder Schwester in Vers 176 offenbarte, habe er sich auf Nachkommen aus der väterlichen Linie und/oder auf leibliche Geschwister mit denselben Eltern bezogen.

Die Bedeutung des Verwandtschaft-Wortes "kalâla", das nur in diesen beiden Versen vorkommt, war derweil ein Mysterium. Zum Ende des ersten Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung berichteten Gelehrte, dass sie die Bedeutung nicht kannten.

Im zweiten Jahrhundert wurden verschiedene Berichte in Umlauf gebracht, die die Aufmerksamkeit in dieser Frage auf den zweiten Kalifen ʿUmar Ibn al-Khattâb lenkten. Laut einigen davon kannte ʿUmar die Bedeutung des Wortes "kalâla" nicht. Laut anderen enthielt er sie der Gemeinde vor. Und wieder andere besagten, ʿUmar habe "kalâla" als Bezeichnung für eine Person definiert, die stirbt, ohne Eltern oder Kinder zu hinterlassen.

Nun denn, ein frühes Koran-Manuskript aus der Französischen Nationalbibliothek (arabisches Manuskript 328) gibt einen plausiblen Hinweis: Demnach stand ursprünglich "kalla" (mit einem gedoppelten "l") im Text und nicht "kalâla" (mit zwei "l"). In den meisten semitischen Sprachen - dazu gehört auch das Arabische - heißt "kalla" Schwiegertochter.

Wenn man also in Sure 4 Vers 12 "kalla" liest, ergibt sich diese Bedeutung: "Wenn ein Mann eine Schwiegertochter oder eine Ehefrau zur Erbin bestellt, und er [oder sie] einen Bruder oder eine Schwester hat, erhalten diese je ein Sechstel."

Der Vers benennt nun die Möglichkeit, eine Frau als Erbin einzusetzen. Zweifellos gab es darüber damals eine heftige Kontroverse. Und genau diese bewirkte eine Änderung des Konsonanten-Gerüsts. So wurde aus "kalla" das neue Wort "kalâla". Es handelt sich hier also um eine Ad-hoc-Bildung - eine spontane Wortschöpfung, der die Bedeutung gegeben wurde: "andere Verwandte als Eltern oder Kind".

Dieses neue Verständnis von Sure 4 Vers 12 warf eine Frage auf: Warum erhalten Geschwister in diesem Vers nur ein Drittel des Besitzes? Zweifellos war es exakt diese Frage, die schließlich die "Offenbarung" von Sure 4 Vers 176 auslöste - einer Überlieferung zufolge der letzte Vers, den Mohammed erhalten hatte.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. David Powers von der Cornell University in den USA zu Sure 4 Vers 12

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"Alif Lâm Mîm."

Von Prof. em. Dr. Stefan Wild, Universität Bonn

Die zweite Sure des Korans beginnt mit drei arabischen Buchstaben, die als Vers 1 dieser Sure gezählt werden. Der erste Buchstabe "Alif" ist der erste Buchstabe des arabischen Alphabets und entspricht etwa dem deutschen "a", ihm folgen das "Lâm", deutsch "l". und das "Mîm, deutsch "m". Also: "a", "l", "m".

Heilige Texte sind oft geheimnisvolle Texte. Das gilt auch für den Koran. Nicht nur am Anfang von Sure 2, sondern am Anfang von 29 der insgesamt 114 Suren des Korans stehen arabische Buchstaben. Es handelt sich um 14 einzelne Buchstaben und 15 Kombinationen aus diesen Buchstaben. Einige Buchstaben-Kombinationen erscheinen mehrfach. Das "Alif Lâm Mîm" etwa steht am Anfang von vier weiteren Suren.

Die Bedeutung dieser Buchstaben liegt im Dunkeln. Schon die ältesten muslimischen Exegeten boten widerspruchsvolle und grundverschiedene Deutungen für diese "verstreuten Buchstaben" oder "Suren-Eröffnungen" an, wie die arabischen Exegeten sie nennen.

Der österreichische Orientalist Aloys Sprenger kam im 19. Jahrhundert auf den aberwitzigen Gedanken, in eine dieser "Suren-Eröffnungen" die christliche Kreuzesinschrift INRI hineinzulesen, also die lateinischen Anfangsbuchstaben von "Jesus von Nazareth König der Juden".

Klar ist am Ende nur, dass diese Buchstaben fest zum koranischen Text gehören. Dass die Einzelbuchstaben oder Buchstabenkombinationen immer als eigener Vers gezählt werden. Dass die "verstreuten Buchstaben" immer am Surenanfang stehen, dass sie im kultischen Vortrag mit-rezitiert werden, dass sie nicht übersetzbar sind und dass sie sich schon in den ältesten Koranhandschriften finden.

Aus manchen dieser Buchstabenkombinationen wurden später Namen. Aus den arabischen Buchstaben "Yâ" und "Sîn" wurde zum Beispiel der Name von Sure 36 und der Männername "Yâsîn".

Islamwissenschaftler weisen bei der Frage nach der Bedeutung dieser Verse mit Buchstabenkombinationen darauf hin, dass der Koran danach oft über sich selbst spricht – wie in unserer Sure 2. Nach dem ersten Vers "‘Alif Lâm Mîm" folgt als Vers 2 diese Aussage: "Dies ist das Buch, an dem kein Zweifel ist, es ist Geleit für die Frommen."

Manche muslimische Exegeten meinten, jeder dieser "verstreuten Buchstaben" sei der Schlüssel zu einem der 99 Namen Gottes. Andere vermuteten, "‘Alif Lâm Mîm" sei einer der Namen des Korans. Nicht-muslimische Wissenschaftler versuchten auch, diese Buchstaben mit bestimmten Wörtern in den betreffenden Suren in Verbindung zu bringen. All dies führte nicht weiter.

Schließlich kam eine Reihe muslimischer Gelehrter zu dem Schluss, dass diese Buchstaben göttliche Geheimnisse bargen, die dem Menschen gar nicht zugänglich sein sollten. Denn in Sure 3 Vers 7 heißt es über manche Koranverse: "Doch nur Gott kennt ihre Deutung."

Nicht wenige Muslime glauben heute, dass damit eben diese nicht weiter deutbaren Buchstaben gemeint seien. Der Koran sagt schließlich im gleichen Vers 7 aus Sure 3 über sich selbst: "Einige seiner Verse sind klar zu deuten, sie sind die Mutter des Buches, andere sind mehrfach deutbar".

Sollten also diese geheimnisvollen "verstreuten Buchstaben" wirklich diese "mehrfach deutbaren" Koranverse sein? Der Koran bleibt uns die Antwort hierauf schuldig. Wahrscheinlich werden wir das Geheimnis dieser Buchstaben niemals lösen.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Stefan Wild von der Uni Bonn zu Sure 2 Vers 1.

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"Dein Herr gab der Biene ein: ‚Mach dir Häuser in den Bergen, in den Bäumen und in dem, was die Menschen errichten! Dann iss von allen Früchten, und folge den gebahnten Wegen deines Herrn!‘ Aus dem Leib der Bienen kommt ein Saft, verschiedenartig in den Farben. In ihm liegt Heilkraft für die Menschen."

Von Dr. Sarra Tlili, University of Florida, Gainesville, USA

Durch die göttliche Anrede der Biene bringt der Koran eine Form seiner auf Gleichheit beruhenden Sicht der gesamten Schöpfung zum Ausdruck. Ebenso wie Gott mit den Menschen persönlich kommuniziert, tut er dies auch mit anderen Geschöpfen.

Erwartungsgemäß spekulieren die Korankommentatoren, was dazu geführt haben mag, dass speziell Bienen im Heiligen Buch erwähnt werden.

Im ersten Vers steht das arabische Verb "awḥâ” - hier mit "eingeben" übersetzt. Arabische Lexika bestimmen seine Bedeutung mit "etwas sagen" und mit "(einen Einfall) direkt in jemandes Seele werfen". Göttliche Eingebung wird im Koran mit Propheten oder anderen frommen Menschen assoziiert. Dass die Bienen eine göttliche Eingebung erhalten haben, wird daher als Zeichen für ihren besonderen Status gesehen.

Einige Kommentatoren schreiben, der Inhalt dieser Eingebung sei nur Gott und den Bienen bekannt, trotzdem könnten Menschen einen flüchtigen Einblick erhalten, wenn sie die Insekten näher beobachteten.

So zeige beispielsweise die sechseckige Form der Honigwaben mit ihren stets gleichen Abmessungen, dass Gott den Bienen Wissen gegeben habe, dem Menschen nur schwer beikommen können. Denn anders als die Bienen können sie dieselben Formen nur mit Hilfe von Werkzeugen herstellen. Zudem eigne sich diese sechseckige Form am besten dafür, Honig aufzubewahren. Denn sie lasse als einzige keinen Raum ungefüllt.

Viele Kommentatoren werteten auch die spezielle Fähigkeit der Bienen zur Produktion von Honig, also eines besonders köstlichen und gesunden Nahrungsmittels, als Ausdruck ihres außergewöhnlichen Talents.

Ähnlich beeindruckt waren die Kommentatoren von der sozialen Gemeinschaft und der Arbeitsteilung. Sie betrachteten beides als Zeichen für besondere Perfektion und Disziplin. Die Fähigkeiten der Bienen, die richtigen Nahrungsquellen zu identifizieren und zu lokalisieren und immer wieder den Weg zurück zu den Bienenstöcken zu finden, werden häufig als Hinweis auf eine großartige kreative Problemlösungskompetenz angeführt.

In den Auslegungswerken der Sufis, der Mystiker im Islam, wird die Fähigkeit der Bienen, Honig zu produzieren, nicht nur mit ihren kognitiven Kompetenzen erklärt. Es wird ebenso die spirituelle Ergebenheit und die moralische Aufrichtigkeit der Bienen hervorgehoben: Sie halten an Gottes Befehl fest und konsumieren nur reine, gesunde Nahrung. So wird argumentiert.

Die Aufforderung: "und folge den gebahnten Wegen deines Herrn" interpretierten viele Korankommentatoren so: Gott macht den Bienen ihre Umgebung ebenso zugänglich, wie er den Menschen das Land ebnet. Beide Geschöpfe, Mensch und Biene, können sich frei und ohne Hindernisse in dem Raum bewegen, den Gott für sie bereitet hat.

Der Vers führte die Exegeten somit weg von anthropozentrischen Lesarten, wonach der Mensch Haupt- beziehungsweise einziger Empfänger von Gottes Gnaden ist. Zudem animierte er sie zu einem lebenszentrierten Ansatz, bei dem alle Geschöpfe Anteil an der Aufmerksamkeit Gottes haben und von seiner Liebenswürdigkeit profitieren.

Die Kommentare dieser Koranpassage konzentrieren sich zwar hauptsächlich auf die Bienen, einige Exegeten aber weiteten ihre Schlussfolgerungen auch auf andere Tiere aus. Sie meinten, alle Tiere seien mittels göttlicher Eingebung in der Lage, ihr Leben zu organisieren, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und ihre Herausforderungen fürs Überleben zu bestehen.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Sarra Tlili von der University of Florida in Gainesville, USA, zu Sure 16 Verse 68-69.

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Thomas bauer
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"Euch ist Verendetes verboten!"

Von Prof. Dr. Thomas Bauer, Universität Münster

Der Vers scheint nicht schwer verständlich zu sein. Offensichtlich ist von einem Speisegebot die Rede. Es wird verboten, Tiere zu essen, die nicht regulär geschlachtet oder auf der Jagd erbeutet wurden.

Doch so einfach ist die Sache nicht. In fast identischer Formulierung heißt es in Sure 4 Vers 23: "Euch sind Eure Mütter verboten!"

Welche Handlungen man an Müttern und an verendeten Tieren nicht ausführen darf, steht nicht da. Die weithin akzeptierte Meinung unter Gelehrten besagt zunächst, die Koranstellen seien entsprechend der Alltagskonvention zu ergänzen. Demnach ist es verboten, die eigene Mutter zu heiraten, und Verendetes zu essen. Nicht verboten wäre dann aber beispielsweise, verendete Tiere aus dem Weg zu räumen.

Doch was ist mit dem Fell der Tiere? Darf man etwa den Balg einer Ziege, die man morgens tot aufgefunden hat, zur Herstellung eines Wasserschlauchs verwenden? Darf man ein Schaffell als Teppich verwenden, wenn das Schaf nicht rituell geschlachtet worden war?

Zur Klärung lässt sich neben der Koranstelle eine Reihe von Hadithen heranziehen - das sind überlieferte Aussprüche oder Handlungen des Propheten Mohammed. Der sogenannte "Hadith Maimûna" etwa scheint die perfekte Lösung parat zu halten.

In ihm wird berichtet, dass der Prophet beim Anblick eines toten Schafes seine Gattin Maimûna gefragt habe: "Warum nutzt ihr nicht seine Haut?" Auf die Entgegnung, es sei ja verendet, entgegnete der Prophet: "Es ist nur verboten, es zu essen."

Der Maimûna-Hadith ist aber leider nicht der einzige Hadith zum Thema. Ein gewisser Ibn ‘Ukaim überliefert, der Prophet habe kurz vor seinem Tod einen Brief geschrieben und darin erklärt: "Nutzt nicht die Haut und die Sehnen von verendeten Tieren!"

Auch das wieder eine klare Aussage, die aber dem Maimûna-Hadith, widerspricht. Zur Auflösung dieses Widerspruchs bieten sich drei Methoden an:

Eine später offenbarte Koranstelle kann eine früher offenbarte Koranstelle abrogieren, also inhaltlich außer Kraft setzen. Dasselbe gilt in Bezug auf zwei Hadithe. Da der Prophet den Brief kurz vor seinem Tod geschrieben haben soll, kam der Hadith wahrscheinlich später als der Maimûna-Hadith. Folglich würde er deshalb diesen abrogieren.

Eine zweite Methode hält die sogenannte Hadith-Kritik bereit: Beide Hadithe sind in ihrer Qualität nicht gleichwertig. Während der Maimûna-Hadith makellos überliefert wird, weist die Überlieferung des angeblichen Briefs eine Reihe von Unstimmigkeiten auf, die seine Glaubwürdigkeit einschränken.

Den Königsweg weist nun aber die dritte Methode, nämlich die Anwendung beider widersprüchlicher Hadithe. Anstatt leichtfertig eine Koranstelle oder einen Hadith zu ignorieren, und sei er auch nicht ganz sauber überliefert, soll man nach Wegen suchen, beide gelten zu lassen. Dies geschieht häufig dadurch, dass man Spezifizierungen sucht. In unserem Fall gelingt eine solche Spezifizierung mithilfe eines weiteren Hadiths und unter Zuhilfenahme der Lexikographie.

Jener Hadith lautet: "Jede Haut, die gegerbt wird, wird rein". Das Wort, das in diesem Hadith für "Haut" verwendet wird, ist dasselbe, das im Hadith über den Brief verwendet wird. Dieses Wort bezeichnet, so die Lexikographen, nur die "ungegerbte" Haut. Das Wort, das im Maimûna-Hadith für "Haut" gebraucht wird, kann indes rohe Haut ebenso wie gegerbtes Leder bezeichnen.

Auch wenn Meinungsverschiedenheiten bestehen bleiben und verschiedene Interpretationen gleichberechtigt nebeneinander stehen, tut sich hier für die meisten Gelehrten nun die Lösung auf: Der Brief-Hadith - "Nutzt nicht die Haut von verendeten Tieren!" - lässt sich als Erklärung der deutungsoffenen Koranstelle heranziehen. Er verbietet die Nutzung der "ungegerbten" Haut verendeter Tiere. Diese Haut wird laut drittem Hadith durch Gerben rein. Und somit behält auch der Maimûna-Hadith seine Bedeutung, da er eben zum Nutzen "gegerbter" Haut anhält.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Sendezeitgründen leicht gekürzte Version.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Thomas Bauer von der Uni Münster zu Sure 5 Vers 3.

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Rabbat
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"Bei ihnen [den Heuchlern] ist es wie bei dem, der ein Feuer anzündete. Nachdem es um ihn herum Helligkeit verbreitet hatte, nahm Gott ihr Licht weg und ließ sie in Finsternis zurück, so dass sie nichts sahen."

Von Prof. Dr. Nasser Rabbat, Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge, USA

Dieser Vers ist eine der faszinierendsten Erörterungen des Themas "Licht" im Koran. Klassische Koran-Interpretatoren wie at-Tabarî um das 9. und 10. Jahrhundert herum, Ibn Kathîr im 14. Jahrhundert oder as-Suyûtî im 15. Jahrhundert liefern die banalsten Auslegungen dieses schönen Verses. Aus ihrer Sicht zeigt er an, dass sich jemand vom Zustand der Schwäche oder des opportunistischen Glaubens - im Arabischen "nifâq" genannt (zu deutsch: Heuchelei oder Doppelzüngigkeit) - hin zum besorgniserregenden Zustand des "kufr" oder "schirk" bewegt - also zur Leugnung der Göttlichkeit Gottes. Dieser Zustand sei vergleichbar mit Blindheit, einem Merkmal der Ungläubigen, die vorgäben anders zu sein, um ihre schändlichen Ziele zu erreichen oder die Pflichten des wahren Glaubens zu umgehen.

Bekannte moderne Koran-Interpretatoren wie Muhammad Mutawallî ash-Sha’râwî im 20. Jahrhundert fügten dem nur einige wissenschaftlich unterlegte Details zur Definition von Licht hinzu wie selbsterzeugt oder reflektiert, um zwischen den arabischen Begriffen für Licht: "nûr" und "daw’" zu unterscheiden. Aber auch sie interpretieren die Dunkelheit als Gottes direktes Handeln mit dem Ziel, die falschen Gläubigen (arabisch: munâfiqûn, abgeleitet von nifâq) für ihre Heuchelei zu bestrafen.

Der Vers ist aber phänomenologisch weitaus vielschichtiger als die einfallslose orthodoxe Erläuterung nahelegt. Mit der Sensibilität der Moderne gelesen, deckt der Vers sowohl ein tieferes Verständnis von Physik auf, insbesondere von Optik und Dioptrik, als auch eine philosophische Wendung, mit der das Gleichnis vom Sehen und Nichtsehen im Licht für den Status des Glaubens oder aber des Wissens steht.

Feuer, also künstliches Licht, ist trügerisch, wenn es Sehen ermöglicht - vor allem auf offenem Gelände mit riesiger Ausdehnung wie etwa einer Wüste. Jemand kann ein Feuer anzünden, das ihm oder ihr erlaubt, die unmittelbare Umgebung, in der man sich befindet, zu sehen. Dasselbe brennende Feuer aber wird es noch erschweren, etwas zu sehen, was jenseits dessen liegt, das sein Lichtschein direkt anleuchtet.

Wir haben hier sowohl eine empirische Beobachtung als auch eine Allegorie über die Grenzen des menschlichen Wissens. Denn ganz gleich wie beruhigend unsere Kraft zu Sehen ist, weil wir dann verstehen, was um uns ist, so gibt es doch viel jenseits unseres Verständnisses, das durch einen übertrieben selbstbewussten aber doch kurzsichtigen Einblick versperrt werden kann.

Als solches kann das Gleichnis auch auf die menschliche Eitelkeit im Allgemeinen angewendet werden, nicht nur auf die Kategorie falscher Gläubiger, die die klassischen Koran-Interpretatoren benennen. Die großspurige Versicherung einer fokussierten Untersuchung irgendeines Problems könnte dessen größeren, bestimmenden Kontext verschleiern oder im Unklaren lassen. So wie Feuer die Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umgebung verstärkt, während es seine entferntere Umgebung weiter verdunkelt.

Das Beispiel wäre ohne Weiteres von Reisenden in der Wüste verstanden worden, die, um ihren Weg zu finden, abhängig vom schummrigen Licht der Sterne sind. Sie hätten es ebenso verstanden wie Bewohner bewaldeter Gebiete das Gleichnis vom Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Offensichtlich haben wir es hier mit einer universellen Lehre von ewiger Relevanz zu tun.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen von Professor Nasser Rabbat vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA zu Sure 2 Vers 17.

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Nasr
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"[Alles Lob gebührt] dem Herrscher am Tag des Jüngsten Gerichts."

Prof. Dr. Seyyed Hossein Nasr, George Washington University, Washington D.C., USA

Zunächst ist es wichtig zu erwähnen, dass jedes Wort und jeder Buchstabe des Korans in seiner arabischen Originalsprache nicht nur eine äußere, sondern auch einen innere Bedeutung hat. Das schließt auch Zahlensymbolik mit ein; ähnlich der Gematrie, also der Interpretation von Worten mit Hilfe von Zahlen wie man es im Judentum mit der mystischen Tradition der Kabbala und der Bewegung des Chassidismus verbindet.

Der Koran hat mehrere Ebenen der inneren Bedeutung. Manche sprechen von sieben Ebenen. Die höchste Ebene ist nach Ansicht der Sufis, also der Mystiker im Islam, nur Gott bekannt.

Sufische Koran-Kommentare, im Arabischen "ta’wîl" genannt, was so viel heißt wie spirituelle Hermeneutik, legen keine Bedeutungen dar, die auf menschlichen Überlegungen beruhen. Vielmehr präsentieren sie Bedeutungen, die bereits im Heiligen Text selbst enthalten, aber vor den Augen Außenstehender verborgen sind.

Das Wort "ta’wîl" besagt in seiner Grundbedeutung, dass etwas auf seinen Ursprung zurückgeführt wird. Wenn spirituelle Hermeneutik die innere Bedeutung des Heiligen Textes aufdeckt, führt sie zu dessen Ursprung. So wird das Innere zum Äußeren und manifestiert sich. Metaphysisch gesprochen bilden also das Innere und der Ursprung letztlich die gleiche Wirklichkeit ab.

Kommen wir zurück zum eingangs zitierten Vers. Mein Verständnis dieses Verses basiert auf einem Teilaspekt seiner inneren Wirklichkeit und auf die Frage bezogen: Was heißt es, menschlich zu sein und was heißt es nicht? Dabei werden selbstverständlich alle Aspekte und Ebenen der inneren Bedeutung angesprochen. Die Sufis haben über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Kommentare dazu verfasst, manche davon in Buchlänge.

Der Vers: "[Alles Lob gebührt] dem Herrscher am Tag des Jüngsten Gerichts" spielt auf den Ablauf der Zeit am Lebensende an: Es folgen der Tod und das Treffen mit Gott.

Um sich des Menschseins gewahr zu werden, sollen wir uns vergegenwärtigen, dass das Leben im Diesseits eine Reise ist, die mit dem Tod gefolgt von der Auferstehung endet, und dass wir dazu bestimmt sind, Gott unausweichlich zu treffen.

Das wiederum bedeutet, obwohl wir sterben, sind wir dennoch unsterblich. Die tiefe Wirklichkeit unseres Bewusstseins kann durch den Unfall unseres körperlichen Ablebens nicht ausgelöscht werden.

Der Vers spricht nicht nur zeitlich gesehen vom "Tag" jenseits aller anderen Tage, sondern er spricht auch vom "Jüngsten Gericht". Diese eschatologische Aussage ist von größter Wichtigkeit für unser Leben auf Erden. Offenbart sie doch die Erhabenheit des Status Mensch und die Tatsache, dass Handlungen in diesem Leben Konsequenzen für das Leben jenseits dieser Welt haben.

Diese Überlegungen werden von gläubigen Menschen überall auf der Welt weitgehend akzeptiert. Die Sufis jedoch gehen noch einen Schritt weiter. Sie bemühen sich darum, im Hier und Jetzt zu sterben, auferweckt zu werden und noch in dieser Welt das Treffen mit Gott zu erleben. Dazu machen sie spirituelle Übungen und steigen den Pfad der Perfektion hinauf.

Diejenigen, die das Ziel bereits erreicht haben, sind im tiefsten Sinne schon gestorben, auferweckt worden, haben den Herrscher am Tag des Jüngsten Gerichts getroffen, wurden vom Obersten Richter abgeurteilt und ruhen nun im Paradies der göttlichen Nähe.

Der Prophet Mohammed wurde einst nach Tod und Auferstehung gefragt. Er antwortete: "Seht mich an; ich bin viele Male gestorben und wieder auferweckt worden."

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Seyyed Hossein Nasr von der George Washington University inf Washington D.C., USA, zu Sure 1 Vers 4.

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"Ist denn etwa einer, der erkennt, dass die von Deinem Herrn herabgesandte Offenbarung die Wahrheit ist, gleich einem, der blind ist? – (Doch) Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen."

Von Prof. Dr. Sebastian Günther, Universität Göttingen

Dieser Vers findet sich in Sure beziehungsweise Kapitel 13 des Korans. Die Sure trägt den Titel "Der Donner": bezogen auf eine in diesem Textabschnitt enthaltene Aussage, dass selbst Naturgewalten – wie Donner, Blitz und Regen – Gott preisen. Die Bekräftigung von Gottes Allmacht ist daher ein Hauptthema dieser Sure.

Ein zweiter Grundgedanke betrifft den prophetischen Anspruch Mohammeds. Es wird deutlich, dass Mohammed – der Prophet des Islams – zwar keine Wunder auf Verlangen vollbringen kann – wie dies einige frühere Propheten von sich behaupteten. Vielmehr wird Mohammed einmal mehr als der Prophet beschrieben, der ein "Wunder" ganz besonderer, das heißt göttlicher Art vollbringt, indem er der Menschheit das nach islamischem Verständnis "letzte und unverfälschte Gotteswort" überbringt: den Koran.

Vers 19 der Sure 13 ist eingebettet in eindrucksvolle sprachliche Bilder zum Wirken Gottes in der Natur und im Universum. Gepriesen werden das Wachstum der Pflanzen und die Früchte des Feldes ebenso wie die Bewegungen der Gestirne und die Abfolge von Tag und Nacht, die Gott in den Dienst der Menschen stellte und die deutliche Zeichen seiner Macht seien.

In diesem Kontext erfolgt dann der Aufruf, die Menschen sollten ihren Verstand benutzen, um Gottes Schöpfung wertzuschätzen und seine Botschaft zu begreifen: Die Menschen sollten doch erkennen, dass der Koran denjenigen, die den Islam annehmen, menschliche Erfüllung im Diesseits und ewiges Heil im Jenseits verheiße. Die Ungläubigen hingegen hätten nichts als die Strafen der Hölle zu erwarten.

Dieser Mahnruf wird in diesem Vers der Sure 13 – wie auch an anderen Stellen im Koran – als rhetorische Frage formuliert: "Sind denn etwa jene Menschen, welche die Wahrheit der koranischen Offenbarung anerkennen und an Gott glauben, jenen gleich, die blind gegenüber seiner Schöpfung und ungläubig sind?" Die Antwort folgt umgehend: Nein, "nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen!"

Der Kerngedanke, dass – neben der spirituellen Gotteserfahrung – der Verstand zum Erwerb religiöser Bildung unbedingt erforderlich ist, ist auch in Sure 59 Vers 2 evident. Hier heißt es: "Denkt nach, die ihr Einsicht habt!" Das ist übrigens ein koranischer Aufruf, der den mittelalterlichen muslimischen Theologen und Philosophen besonders nachdrückliche Denkanstöße gab.

Unter anderem war es Ibn Ruschd – oder Averroes, wie der spanisch-arabische Philosoph des 12. Jahrhunderts in Europa heißt – der diese Betonung des rationalen Lernens im Koran als wichtige Grundlage für sein Verständnis von Religion und Philosophie erachtete: Denn Ibn Ruschd stellte prominent fest, dass im Islam das göttliche Gesetz "zum Studium der existenten Dinge mit Hilfe der Vernunft" nicht nur auffordere, sondern dass es das rationale Denken und die wissenschaftliche Erforschung der Welt ausdrücklich schütze.

Die Bedeutung, die im Koran dem Verstand und der rationalen Erkenntnis zugemessen wird, war für muslimische Gelehrte in der Blütezeit des Islams, also vom 9. bis 13. Jahrhundert, intellektueller Anstoß und religiöse Verpflichtung zugleich. So ermöglichte die hohe koranische Wertschätzung des Intellekts, dass Gelehrte im Einflussbereich des Islams ihren Forschungen relativ frei von religiösen Restriktionen nachgehen konnten.

Davon zeugen bis heute ihre beachtlichen Leistungen in den Geistes- und Naturwissenschaften sowie in den Bereichen der Medizin und der Technik – Errungenschaften, die nicht nur im Orient, sondern auch in Europa den wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungen ganz entscheidende Impulse verliehen.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Sebastian Günther von der Universität Göttingen zu Sure 13 Vers 19.

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"Siehe, diejenigen, die glauben, die sich zum Judentum bekennen, die Christen und die Sabier – wer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag und rechtschaffen handelt, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, sie brauchen keine Furcht zu haben und sollen auch nicht traurig sein!"

Von Prof. Dr. Fred M. Donner, University of Chicago, Illinois, USA

Der Koran spricht in erster Linie Menschen an, die er "Gläubige" nennt - arabisch: "mu’minûn". Er definiert sie als diejenigen, die die Einzigkeit Gottes und die Unvermeidbarkeit des bevorstehenden Tags des Jüngsten Gerichts anerkennen und die rechtschaffen in Übereinstimmung mit Gottes offenbartem Wort leben. Gläubigen wird nach dem Tod ewiges Leben im Himmel versprochen, den der Koran gewöhnlich nur "den Garten" nennt - arabisch: al-dschanna.

Der Koran spricht in zahlreichen Passagen auch über die sogenannten "Leute der Schrift" oder "Schriftbesitzer" (ahl al-kitâb). Es handelt sich dabei um einen Sammelbegriff für Christen und Juden. Sie werden so genannt, weil man anerkennt, dass sie frühere Offenbarungen der Worte Gottes empfangen haben - und zwar über Propheten, die aus koranischer Sicht Mohammeds Vorgänger sind.

Die Äußerungen im Koran über die Schriftbesitzer sind jedoch widersprüchlich: Manchmal werden sie scharf kritisiert und ihre Vorstellungen verworfen - vor allem die von der Gottessohnschaft Jesu. Dann wiederum werden positive Ansichten über die Schriftbesitzern geäußert.

Der Vers, um den es heute geht, gehört zu den "positiven". Er gibt eindeutig an, dass Juden und Christen, die rechtschaffen sind und an Gott und den Jüngsten Tag glauben, dieselbe Belohnung im Jenseits erhalten wie die Gläubigen. In der Tat besagt der Vers mit Nachdruck, dass solche redlichen Schriftbesitzer wirklich Gläubige sind.

Weitere Verse bekräftigen die Vorstellung, rechtschaffene Christen und Juden hätten als Teil der Gläubigen zu gelten - auch wenn das nicht auf alle zutreffe. Was vermutlich daran liegt, dass sich manche von ihnen nicht ausreichend fromm verhalten - dass sie keine guten Dinge verrichten, wie es an anderen Stellen im Koran heißt (z.B. Sure 3 Vers 199).

Wie lassen sich die Widersprüche erklären zwischen jenen Versen, die Juden und Christen als Gläubige einschließen, und jenen, die sie pauschal verurteilen? Muslimische wie nicht-muslimische Koran-Kommentatoren treibt das seit Jahrhunderten um.

Manche versuchten, Zusammenhänge mit den verschiedenen Phasen in Mohammeds Propheten-Laufbahn aufzuzeigen. Sie meinten, in der Zwiespältigkeit spiegele sich Mohammeds dynamisches Verhältnis zu den Juden und Christen seiner unmittelbaren Umgebung wider.

Dieser Ansatz wird mitunter benutzt, um feindliche Haltungen zu Christen und Juden zu begründen. Die traditionelle Propheten-Biographie legt nämlich nahe, dass Mohammeds Verhältnis zu den Schriftbesitzern im Laufe der Zeit feindseliger geworden ist.

Manche Koran-Kommentatoren argumentierten auch, gewisse Koranverse - zumeist die negativen - hätten nur bezogen auf ein spezifisches historisches Ereignis Relevanz. Andere Verse dagegen sollten universelle und ewige Gültigkeit haben. Dieser Ansatz wiederum wird mitunter benutzt, um eine eher tolerantere Vorstellung vom Islam zu begründen, in der Juden und Christen als monotheistische Partner eingebunden werden.

Mit dem Koran ist es mithin wie mit allen Heiligen Schriften: die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Und die Diskussionen werden zweifelsohne noch lange anhalten.

Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Fred M. Donner von der University of Chicago in Illinois, USA, zu Sure 2 Vers 62.

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Chabbi
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"Und die Geister (dschânn) haben wir (schon) vorher aus dem Feuer der sengenden Glut (samûm) geschaffen."

Von Prof. Dr. Jacqueline Chabbi, Universität Paris 8, Saint-Denis

Der Vers in der Übersetzung von Rudi Paret handelt von der Erschaffung übernatürlicher Wesen: den sogenannten Dschinnen (arab. dschânn). Und darüber braucht niemand erstaunt zu sein. Auch der Koran konnte den verbreiteten Vorstellungen seiner Epoche kaum entgehen. Und zu diesen gehörte, dass all jene leeren, unbewohnten Orte in der arabischen Wüstenlandschaft gewissermaßen von einer unsichtbaren Präsenz erfüllt sind: den Dschinnen.

Diese übernatürlichen Wesen galten als Pendant zu den Menschen. Die Menschen sind zum Überleben an die Oasen oder Wasserstellen gebunden. Den Dschinnen wurde dagegen nachgesagt, dass sie in den sonnenverbrannten Weiten Arabiens leben konnten, ohne Schaden zu nehmen. Zudem hieß es, sie könnten sich, ohne einen festen Weg nutzen zu müssen, selbst in der tiefsten, mondlosen Nacht sicher fortbewegen.

Angesichts dieser Unterschiede maßen die Menschen den Dschinnen Kräfte bei, die sie selbst nicht besaßen - zum Beispiel das Verborgene zu kennen (arabisch: al-ghayb). Damit ist das Wissen gemeint, das nur Gott besitzt und das den Menschen vorenthalten bleibt.

Wegen solcher den Dschinnen zugeschriebener Fähigkeiten war es eminent wichtig für den Gott des Korans, seine Macht auch auf diese Wesen auszuweiten. Die Menschen sollten davon abgebracht werden, sich in ihrem Glauben am Ende auf sie zu berufen. Indem der Koran die Dschinnen wie die Menschen als erschaffen einstuft, unterwirft er auch sie dem Schöpfer und dem Jüngsten Gericht (6:128).

Anders aber als es der Koran von den Menschen sagt, wurden die Dschinnen nicht aus feuchter Erde oder formbarem Ton erschaffen. Das Wesen der Dschinnen wird an das Bild geknüpft, das man sich von ihrem Lebensraum mit seiner extremen Hitze macht. So erfahren wir im eingangs zitierten Vers, dass die Dschinnen aus "nâr as-samûm" geschaffen wurden, wie es im arabischen Originaltext heißt.

Was bedeutet das? Lassen wir uns nicht von der Bedeutung des Wortes "nâr" täuschen. Es verweist keinesfalls auf ein Feuer aus Flammen, wie es viele Koranübersetzer meinen - Rudi Paret eingeschlossen. Es verweist auf die Hitze des Samum. Das ist ein bestimmter Wüstenwind. Er weht über große Entfernungen hinweg in Arabien ebenso wie in der Sahara. Der Samum ist glühend heiß und unmöglich einzuatmen.

In einer anderen Koranpassage (55:15) heißt es, die Dschinnen seien aus "Feuer ohne Rauch" erschaffen. Auch hier muss man wieder verstehen, dass es nicht um Flammen geht, sondern um die intensive Hitze, die im Hochsommer vom Boden der Wüste reflektiert wird.

Auch der Teufel - Iblîs im Koran genannt - geht laut Sure 38 Vers 76 davon aus, dass er aus derselben Materie wie die Dschinnen geschaffen ist. Auch der Ursprung jenes übernatürlichen Rebellen, der sich weigerte, vor dem aus Erde geschaffenen Menschen niederzuknien, liegt also in der Hitze der Sonne und nicht in einer Flamme.

Anders ist das in der Bibel. Dort entstehen übernatürliche Wesen tatsächlich aus einer Flamme. Es existiert hier eine Art Grenze zu der Vorstellungswelt Arabiens mit seiner überhitzten Erde.

Im Koran ist das Göttliche nicht mit Arabisch "nâr" - also Feuer oder Sonne - verbunden, sondern mit Arabisch "nûr" - Licht. Der Begriff bezeichnet speziell die Klarheit des Mondscheins. An dessen kühlem Licht wird im Koran all das gebunden, was dem Göttlichen entweicht, um dem Menschen nützlich zu sein.

Chabbi
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Jacqueline Chabbi von Universität Paris 8 in Saint-Denis zu Sure 15 Vers 27.

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"Sein Schemel reicht weit über die Himmel und die Erde."

Von Prof. Behnam Sadeghi, ph.d., University of California, Los Angeles, USA

Mit Schemel ist hier das gemeint, was ein König vor seinen Thron stellte, um seine Füße drauf ruhen zu lassen. Wenn man sagt, das Universum sei in Gottes Schemel enthalten, illustriert das seine Größe im Vergleich zum Menschen und zur Welt.

Vormoderne Koranexegeten stimmten darin überein, dass der Vers Gott glorifiziere. Bei der Frage, ob der Schemel oder - weitergefasst - der gesamte Thron tatsächlich existiert oder ob es sich um eine Metapher handelt, vertraten sie indes unterschiedliche Auffassungen. Die Interpretationen lassen sich in ein Spektrum einordnen, das von der rein metaphorischen bis zur rein buchstabengetreuen und gegenständlichen Auslegung reicht.

Auf der einen Seite des Spektrums stehen einige frühe Vertreter der sogenannten ahl al-hadith – zu Deutsch: Anhänger der prophetischen Tradition. Sie überlieferten Berichte, die besagen:Als Gott auf dem Thron saß, "blieb davon so viel Platz übrig, wie vier Finger einnehmen" und "es gab ein Knirschen ähnlich dem eines neuen Kamelsattels unter der Last eines Reiters." Indem solche Überlieferungen Dimensionen und Geräusche beschreiben, implizieren sie, dass Gott in einem physikalischen Sinn auf einem Thron sitzt.

So eine Auffassung dürfte allerdings nur eine Minderheit unter den "Anhängern der prophetischen Tradition" vertreten haben. Für die meisten hat Gott keinen Körper und sitzt nicht auf einem Thron, wie ein Mensch es tun würde. Die Mehrheit ging zwar auch davon aus, dass Gott prinzipiell auf einem Thron sitzt, sie lehnte es aber ab, darüber zu spekulieren, wie oder in welchem Sinn er das tut.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht die metaphorische Auslegung einer Gruppe, die Mu’taziliten genannt wurde. Die Mu’taziliten interpretierten Verse, die Gott menschenähnlich (anthropomorph) beschreiben, stets metaphorisch. Sie glaubten, dass koranische Aussagen wie, Gott habe Hände, befindet sich an einem Ort oder bewege sich von einem Ort zum anderen, im übertragenen Sinn verstanden werden müssen. Sie verneinten also, dass es einen Thron beziehungsweise einen Schemel gibt. Für sie steht der Schemel für Gottes Würde, Wissen oder Herrschaft, nicht für einen echten Gegenstand.

Das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Ansichten führt oft zum Entstehen von Zwischenpositionen, die jeweils Elemente beider Seiten kombinieren. So kamen zwei neue Gruppierungen auf, genannt Aschariten und Maturiditen.

Sie interpretierten den Begriff "Thron" wortwörtlich, Gottes Sitzen jedoch metaphorisch. Sie glaubten zwar wie die Anhänger der prophetischen Tradition (ahl al-hadith), dass es tatsächlich einen Thron und einen Schemel gibt. Aber wie die Mu’taziliten glaubten sie nicht, dass Gott wirklich auf dem Thron sitzt, denn Gott ist weder physisch noch nimmt er Raum ein.

Was mag die ascharitischen und maturiditischen Theologen zu dieser Annahme bewogen haben? Ihr Prinzip bestand darin, die wortwörtliche Bedeutung so lange zu akzeptieren, bis diese mit dem menschlichen Wissen kollidiert.

Die Existenz eines kosmischen Throns und Schemels widersprach vor tausend Jahren nicht dem menschlichen Wissen. Schließlich konnte die Existenz weder durch Beobachtung widerlegt noch gestützt werden. Folglich konnte man die wortwörtliche Bedeutung akzeptieren.

Aber die Idee, dass Gott auf einem Thron sitzt, verletzte nach Auffassung dieser Theologen das durch menschliche Vernunft gewonnene Wissen: Denn ein ewiges Wesen kann nicht physischer Natur sein. Um ihre These vom ewigen Wesen zu belegen, nutzten sie philosophisches Denken, das griechischen Vorstellungen der Antike ähnelt.

Es hat sehr verschiedene Ansätze zur Interpretation des Korans gegeben. Aber eines haben alle gemein: Sie gründen auf früheren Vermutungen über die Sprache, die Welt und über Gott. Denn letztlich ist es schlicht unmöglich, einen Text zu interpretieren, ohne dabei Vermutungen zu tätigen.

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Vertonung der Erläuterungen von Professor Behnam Sadeghi, ph.d., von der University of California in Los Angeles, USA, zu Sure 2 Vers 255.

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Melchertoxfordst14
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"Sprich: ‚Betet zu Gott oder zu Rahmân: Bei welchem Namen ihr ihn auch immer ruft, ihm gehören die schönsten Namen."

Von Prof. Dr. Christopher Melchert, Oxford Universität, England

So lautet der Vers, wenn man die englische Übersetzung von Abdallâh Yûsuf Alî sinngemäß ins Deutsche überträgt.

Etwas anders lautet der Vers in einer englischen Koranübersetzung von 1975, auf deren Umschlag zu lesen ist: "Herzliche Grüße vom Ministerium für Religionsangelegenheit, die Regierung von Pakistan" - dort heißt es: "Sprich: ‚Betet zu Allâh oder zu Rahmân: Bei welchem Namen ihr ihn auch immer ruft, ihm gehören die schönsten Namen.‘"

Ist es richtig, das arabische Wort "Allâh" mit "Gott" zu übersetzen? Oder ist "Allâh" ein Eigenname, der beibehalten werden muss?

Es ist das Argument vorgebracht worden, eine Übersetzung von "Allâh" sei nicht angebracht – schließlich würde man ja auch nicht den Namen "Mohammed” mit "einer, der gepriesen ist" übersetzen. Tatsächlich ist es durchaus möglich, den eingangs zitierten Vers folgendermaßen zu verstehen: Betet zu Allâh oder zu ar-Rahmân – egal, welchen dieser beiden Eigennamen ihr verwendet.

Aber wie das so üblich ist, kann eine Heilige Schrift auf mehr als eine Art interpretiert werden. Möglich ist mithin auch die Bedeutung: Betet zu Gott oder betet zu ar-Rahmân – entweder ihr benutzt einen universellen Namen wie "Gott" oder eine lokale arabische Bezeichnung wie "ar-Rahmân".

Dem Koranausleger al-Qurtubî aus dem 13. Jahrhundert zufolge ist die Mehrheit der Gelehrten der Ansicht, dass es sich bei dem arabischen Ausdruck "Allâh" um eine abgeleitete Bezeichnung handele. Uneinig war man sich, wovon sie abgeleitet ist.

Manche seien der Ansicht, so al-Qurtubî, "Allâh” sei zusammengezogen aus dem Artikel "al" und dem Wort "ilâh". Auf Deutsch würde "Allâh” dann bedeuten: "der - Gott". Andere seien der Auffassung, "Allâh” sei aus "al" und "wilâh" zusammengezogen und bedeute "derjenige, der einen benommen macht und verwirrt”. Schließlich verwiesen einige Gelehrte auf "al" und "lâh", mit der möglichen Bedeutung "der - Hohe".

Vielen Muslimen liegt die Frage sehr am Herzen. Saudi-Arabien förderte den Druck einer modifizierten Koranübersetzung von Abdallâh Yûsuf Alî, in der das ursprüngliche Wort ‚Gott' durch den Eigenamen ‚Allâh' ersetzt wurde.

In Malaysia ist es Nicht-Muslimen verboten, in Veröffentlichungen "Allâh" in arabischen Buchstaben zu schreiben. Ein solcher Besitzanspruch erscheint insofern absurd, als dass der Koran "Allâh" an keiner Stelle als neu offenbarten Namen einführt. Vielmehr geht der Koran davon aus, dass die mekkanischen Heiden - die die ersten Empfänger des Korans sind - schon genau wissen, auf wen sich der Name "Allâh" bezieht.

Zudem dokumentieren vorislamische Inschriften, dass christliche Araber den Begriff "Allâh" als Übersetzung des griechischen Ausdrucks "ho theos" - also "der Gott" – verwendeten. Ferner ist "Allâh" das Wort, das üblicherweise in arabischen Bibeln benutzt wird, wenn im Originaltext "elohim" oder eben "ho theos" steht.

In der Vergangenheit pflegten christliche Autoren zu sagen, Muslime beteten Allâh an. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass Muslime irgendeiner nicht recht verstandenen Gottheit dienten, die dem Schöpfergott der Christen und Juden unterlegen sei. Jüngst wurde ein Fakultätsmitglied des Wheaton College, einer prominenten evangelikalen Hochschule in den USA, suspendiert, weil es erklärt hatte, Christen und Muslime beteten zum selben Gott.

Umgekehrt beharren aber auch muslimische Autoren häufig darauf, sie würden Allâh anbeten, womit sie einen genau entgegengesetzten Anspruch markieren: nämlich dass sie den Eigennamen des Schöpfers kennen würden, wohingegen Christen und Juden eine falsch verstandene, unterlegene Gottheit anbeteten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Übersetzung von "Allâh" mit "Gott" einer universalistischen Haltung entspricht, einer, die von der Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit der Weltreligionen ausgeht. Dagegen entspricht die Beibehaltung des Begriffs "Allâh" als Name einer exklusivistischen Haltung, welche die Unähnlichkeit der Religionen betont.

Aus der Perspektive eines Wissenschaftlers und Historikers neige ich dazu, die Übersetzung "Gott" zu bevorzugen.

Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen leicht gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Christopher Melchert von der Oxford Universität in England zu Sure 17 Vers 110,

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Teil 1: Die Verfälschung der Heiligen Schrift

Moezzi
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"Euch hat er als Religion verordnet, was er Noah geboten hatte, was dir offenbart worden ist und was wir Abraham, Moses und Jesus geboten haben."

Von Prof. Dr. Mohammad-Ali Amir Moezzi, Sorbonne, Paris

Hinter diesem Vers steckt die grundsätzliche Idee, dass die Botschaft Mohammeds jener der großen Propheten vor ihm gleicht und dass der Prophet des Islams ebenso wie seine Vorgänger damit auf den Widerstand der Ungläubigen in seinem Volk gestoßen ist.

Die bis heute gültige Standardausgabe des Korans nennt man den "Kodex des Uthmân". Uthmân war der dritte Kalif. Nach den Glaubensvorstellungen der Schiiten, der zweiten großen Konfession im Islam neben den Sunniten, gingen während der ersten drei, vier Jahrhunderte des Islams zahlreiche Anhänger der Schiiten davon aus, dass diese offizielle Version des Korans eine zensierte und verfälschte Ausgabe der Offenbarungen an den Propheten Mohammed gewesen sei. Ihnen zufolge gibt es in der Quellenliteratur dafür viele Hinweise.

Nach dieser Sichtweise war der "ursprüngliche Koran" dreimal so umfangreich wie der offizielle. Zudem war er in der chronologischen Reihenfolge der Offenbarungen geordnet.

‘Alî Ibn Abû Tâlib war der Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Zugleich war er dessen Vertrauter und Vater des einzigen männlichen Erben und legitimen Nachfolgers Mohammeds. ‘Alî allein war es, der dieser Sichtweise zufolge die ursprüngliche und ungekürzte Ausgabe des Korans besessen hat.

Ebenso wie die vorkoranischen Heiligen Schriften ihre Überbringer und deren Zeitgenossen benennen, soll auch dieser ‚echte Koran‘ Mohammed, seine Familie, seine Freunde oder Feinde häufig namentlich erwähnt haben.

Zahlreiche Passagen waren demnach ‘Alî gewidmet, seiner Ehefrau Fâtima - also Mohammeds Tochter -, ihren beiden Söhnen Hasan und Husain sowie der ‚walâya‘ von ‘Alî und seinen Nachkommen. Das sind all jene, die ‘Alî und seinen Nachkommen Freundschaft und Treue geschworen hatten, was sie zu wahren spirituellen und zugleich irdischen Führern der Gläubigen machte.

Nach dem Tod des Propheten Mohammed putschten sich jedoch ‘Alîs Feinde und die Feinde seiner Familie an die Macht. Sie unterdrückten die Mitglieder der Familie des Propheten - auf Arabisch: ahl al-bayt - und deren Anhänger.

Nach den alten schiitischen Quellen gingen die ersten Kalifen auf Basis dieses Verrats rasch dazu über, alle, wie sie meinten, ‚schädlichen‘ Stellen des Korans zu streichen. Das gilt insbesondere für die Stellen, die ‘Alî und dessen Nachkommen als Verbündete Gottes darstellen, und für die Stellen, die die nun an die Macht gelangten Feinde ‘Alîs und dessen Nachkommen verurteilen. So kam es, dass eine große Zahl von Textpassagen aus dem Koran getilgt wurde. Dazu gehören auch jene, die die Namen von Zeitgenossen Mohammeds enthielten.

Um ihr Vorgehen zu verschleiern, brachten die Kalifen, genau genommen die Angehörigen der Omajjaden-Dynastie, die chronologische Reihenfolge der Offenbarungen des Korans völlig durcheinander.

Diese Eingriffe trugen dazu bei, dem Koran seinen fragmentarischen, zusammenhanglosen Charakter zu geben, mit vielen schwer verständlichen Teilen, in denen das Leben Mohammeds und seiner Zeitgenossen mit einigen wenigen unbedeutenden Ausnahmen völlig fehlt.

‘Alî und seine Nachfahren hielten derweil die Originalausgabe des Korans vorsichtshalber versteckt. Nach der schiitischen Tradition wird sie erst am Ende aller Tage wieder enthüllt, wenn der eschatologische Erlöser kommt.

Trotzdem sind in schiitischen Quellentexten hunderte Verse überliefert, die zu diesem "Kodex des ‘Alî" gehören sollen und die anders lauten als die offizielle Version des Korans.

Beispiele dafür hören wir nächste Woche.

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Vertonung des 1. Teils der Erläuterungen von Prof. Dr. Mohammad-Ali Amir Moezzi von der Sorbonne in Paris zu Sure 42 Vers 13.

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Teil 2: Die Verkörperung des Wortes Gottes durch die Prophetenfamilie

Moezzi
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"Euch hat er als Religion verordnet, was er Noah geboten hatte, was dir offenbart worden ist und was wir Abraham, Moses und Jesus geboten haben. Ihr sollt die Religion aufrechterhalten und nicht darüber streiten. Die Ungläubigen sind zu überheblich, um das anzunehmen, wozu ihr sie aufruft. Gott erwählt, wen er will und leitet zu seinem Weg, wer sich andächtig und bußfertig ihm zuwendet."

Von Prof. Dr. Mohammad-Ali Amir Moezzi, Sorbonne, Paris

Dieser Vers wurde unzählige Male kommentiert, zunächst von muslimischen Religionsgelehrten, später von Orientalisten.

Weniger bekannt ist, dass es eine schiitische Version dieses Verses gibt und welche Bedeutung sie für die Glaubensdoktrin der - nach den Sunniten - zweiten großen Konfession im Islam hat.

Hören wir uns daher die schiitische Version dieses Verses einmal an - Passagen, die im offiziellen Koran nicht enthalten sind, sind fett gedruckt: "Euch, oh Familie des Mohammed, hat er als Religion verordnet, was er Noah geboten hatte, was dir offenbart worden ist, oh Mohammed, und was wir Abraham, Moses und Jesus geboten haben. Ihr sollt die Religion der Familie Mohammeds aufrechterhalten und nicht darüber streiten, ihr sollt geeint bleiben. Die Ungläubigen sind es, die dem göttlichen Bund mit ‘Alî andere Bünde beigesellen. Sie sind zu überheblich, um das anzunehmen, wozu ihr sie aufruft, nämlich zum Bund mit ‘Alî. Gott, oh Mohammed, leitet zu seinem Weg, wer sich andächtig und bußfertig ihm zuwendet, wer seinem Aufruf zum Bund mit ‘Alî Folge leistet."

Diese Version wird durch zahlreiche traditionelle Quellen gestützt. Demnach besteht die "ewige Religion", also der Schwerpunkt aller prophetischen Botschaften, im Bund mit der Familie des Propheten (walâyat ahl al-bayt). Dieser Bund ist ein Bund mit theophanen Menschen - also Menschen, durch die sich Gott in der Welt manifestiert. Durch deren Existenz und durch deren Weitergabe der Attribute Gottes, kommt dieser Bund zum Ausdruck.

Die Schiiten übernehmen hier Begriffe, die die Kommentatoren des Johannes-Evangeliums (besonders Kapitel 1 Vers 15 und Kapitel 8 Vers 58) sowie die Logos-Theologen um Ignatius von Antiochien und Justin den Märtyrer für Jesus Christus geprägt haben. Mohammed, ‘Alî, Fâtima und ihre Nachkommen verkörpern demnach das Wort Gottes, das von Anbeginn der Schöpfung an als eines der letzten Mysterien allen Daseins besteht und das die Grundlage der göttlichen Botschaft bildet.

Das wird auch in der schiitischen Version anderer Koranverse ausgedrückt, etwa in Sure 20 Vers 115 - wieder im Sprecherwechsel vorgetragen: "Wir haben einst den Menschen verpflichtet auf die Worte von Mohammed, ‘Alî, Fâtima, Hasan, Husain und den Imamen aus deren Nachkommenschaft, doch er vergaß die Verpflichtung".

Die Verkörperung des Wortes Gottes durch die Prophetenfamilie und die Imame kommt auch in der schiitischen Version des berühmten Verses zum Urvertrag zwischen Gott und seinen Geschöpfen zum Ausdruck - Sure 7 Vers 172: "Dein Herr hat aus dem Rückgrat der Kinder Adams Generationen hervorgebracht, die aufeinander folgten. (…) Er fragte sie: ‚Bin ich nicht euer Herr, ist Mohammed nicht von Gott gesandt, ist ‘Alî nicht der Fürst der Gläubigen?’ Darauf antworteten sie: ‚Doch, wir bezeugen es!‘"

Neben der Verkörperung des Wortes Gottes in seiner letzten Ausprägung personifizieren ‘Alî und die Imame unter seinen Nachkommen auch die Mysterien. Und deren Kenntnis ist das ultimative Ziel aller prophetischen Botschaften im Allgemeinen und der Botschaft Mohammeds im Speziellen.

Indem die Vertreter des offiziellen Mehrheits-Islams ‘Alîs Nachkommen von der Nachfolge im Kalifenamt ausschlossen und den Koran verfälschten, verrieten sie nach schiitischer Auffassung Mohammed und entstellten die Religion ihres Propheten.

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Vertonung des 2. Teils der Erläuterungen von Prof. Dr. Mohammad-Ali Amir Moezzi von der Sorbonne in Paris zu Sure 42 Vers 13. 

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Kane %282%29
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"Darin sind klare Zeichen: Abrahams Platz. Wer ihn betritt, ist sicher. Es ist von Gott den Menschen aufgetragen, zum Haus die Pilgerfahrt zu vollziehen - wer einen Weg dorthin zu finden in der Lage ist. Doch wer ungläubig ist - Gott ist nicht auf die Weltbewohner angewiesen!“

Von Prof. Dr. Ousmane Oumar Kane, Harvard University, Cambridge, Massachusetts, USA

Dieser Vers gebietet den Muslimen, mindestens einmal im Leben den Hadsch, also die große Pilgerfahrt nach Mekka zu machen - sofern ihnen das möglich ist.

Zwar gibt es kein Einvernehmen, was mit der erwähnten Fähigkeit zum Vollziehen der Pilgerfahrt gemeint ist. Die meisten muslimischen Theologen glauben allerdings, die Voraussetzungen seien erfüllt, wenn jemand das Beförderungsmittel für sich und eine ausreichende Versorgung für die Reise sicherstellen kann.

Vergangenes Jahr begaben sich rund zwei Millionen Muslime auf Pilgerfahrt. Das ist eine kleine Minderheit der Muslime weltweit. Ihre Gesamtzahl wird auf mehr als eineinhalb Milliarden geschätzt. Dennoch ist der Hadsch einer der größten und völkerverbindendsten Versammlungen von Menschen an einem Ort zur selben Zeit. Die zwei Millionen Pilger im Jahr 2015 kamen aus 188 Ländern.

Neben seinen Ausmaßen und seiner weltweiten Reichweite ist der Hadsch auch wegen seiner historischen Kontinuität und seiner zentralen Bedeutung für die Glaubenslehre einzigartig unter den Pilgerfahrten der Welt. Araber pilgerten schon vor dem Islam zum Heiligtum der Kaaba. Dann erhielt das Ritual seine islamische Prägung, und seit der Zeit des Propheten Mohammed unternahmen jedes Jahr Muslime die Pilgerfahrt.

Zentral für die Lehre ist sie, weil ein Muslim, der sie vollzieht, so rein nach Hause zurückkehrt, wie er am Tag seiner Geburt war. Der Hadsch bietet Gläubigen also die Chance auf Vergebung der Sünden, die sie im Leben angesammelt haben.

Er besteht aus sechs Hauptritualen:

Für das erste zieht man sich zwei nicht genähte Tücher an. Das symbolisiert die Gleichheit und die Demut aller Gläubigen. Ferner ist es ein bildlicher Ausdruck dafür, wie sich die Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts aus ihren Gräbern erheben werden.

Das zweite Ritual besteht aus dem Gang um die Kaaba herum. Die Kaaba ist das spirituelle Zentrum, dem sich alle Muslime während eines Gebets zuwenden. Mit der Umrundung, so heißt es, ahmen die Menschen die Engel nach, die zu Ehren Gottes um seinen Thron kreisen.

Beim dritten Ritual läuft man eiligen Schrittes zwischen Safa und Marwa hin und her, den zwei Hügeln nahe der Kaaba. Dadurch erinnert man an die Suche von Abrahams Ehefrau Hagar nach Wasser, als Abraham gezwungen war, sie und ihren Sohn Ismael in der Wüste zurückzulassen.

Für das vierte Ritual müssen sich die Gläubigen am Berg Arafat, 25 Kilometer von Mekka entfernt, aufhalten. Viele Muslime glauben, dass Gottes Geist dort zur vorgeschriebenen Zeit für den Hadsch der Erde am nächsten kommt. Das macht es einfacher, mit Gebeten seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Für das fünfte werfen die Gläubigen in der Stadt Mina sieben Kiesel auf einen Stein, der den Teufel symbolisiert. Dadurch empfinden sie Abraham nach, der nach dem Satan warf, als dieser versuchte, ihn davon abzubringen, seinen Sohn zu opfern.
Das sechste und letzte Ritual besteht aus dem Opfern eines Schafbocks. Auch dadurch erlebt der Pilger die Geschichte Abrahams nach.

Der Hadsch muss in der zweiten Woche des Monats Dhu ‘l-Hidscha gemacht werden, dem letzten im islamischen Kalender.

Es gibt im Islam auch eine kleinere Pilgerfahrt nach Mekka. Sie heißt ‘Umra. Das ‘Umra -Ritual entspricht in seinem Ablauf dem Hadsch mit einer Ausnahme: Die Station am Berg Arafat entfällt.

Weitere Unterschiede zum Hadsch sind, dass man die ‘Umra zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Jahr machen kann und dass sie einem nicht den Ehrentitel Hadschi einbringt.
 


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Version.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Ousmane Oumar Kane, Harvard University, Cambridge, USA, zu Sure 3 Vers 97.

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Dakake
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"Eure wahren Beschützer sind Gott, sein Gesandter und die Gläubigen; jene, die das Gebet verrichten, die Almosen geben und sich verneigen."

Von Dr. Maria Massi Dakake, George Mason University, Fairfax, Virginia, USA

In diesem Vers steht das Wort "Beschützer" als Übersetzung für das arabische Wort "walî". Man könnte es auch mit "Freund" oder "Verbündeter" wiedergeben.

Im Arabien der Stammes-Gemeinschaften bezeichneten walî-Beziehungen Arrangements zwischen Stämmen und Klanen zum gegenseitigen Schutz - oder zwischen Einzelpersonen und einem Klan oder einem Stamm.

In Sure 5 Vers 51 werden die Gläubigen gewarnt, solche Allianzen nicht mit Juden und Christen zu bilden, da einzelne externe Bündnisse die Einheit der unerfahrenen muslimischen Gemeinde untergraben könnten. Die junge Gemeinde war in ihren frühen Jahren in Medina existenziellen Gefahren ausgesetzt.

Der hier behandelte Vers ist nun dazu gedacht, die Muslime dahingehend zu beruhigen, dass sie sich hinsichtlich Unterstützung auf Gott, den Gesandten und aufeinander verlassen können und das auch tun sollten.

Koran-Kommentatoren erklären, das Wort "Beschützer" stehe hier im Singular, auch wenn der Vers eine Mehrzahl von Beschützern auflistet. Sie argumentieren, Gott sei die Quelle allen Schutzes. Der Schutz, den man durch den Gesandten und die Glaubensgeschwister genieße, gehe von jenem ursprünglich göttlichen Schutz aus.

Der Vers ist Teil einer längeren Koran-Passage, die von Vers 51 bis Vers 59 reicht. Darin geht es um die Förderung von Solidarität unter der muslimischen Gemeinde. Das ist nötig sowohl wegen Gefahren von Außen als auch wegen möglichen Verrats im Inneren durch die Heuchler in Medina, die sich der muslimischen Gemeinde nur vordergründig verschrieben haben oder sie insgeheim sogar bekämpften.

Der konkrete Anlass, auf den die Offenbarung des eingangs zitierten Verses zumeist bezogen wird, hat mit dem Juden Abdallâh Ibn Salâm zu tun. Er war einst Rabbi in Medina und konvertierte dann zum Islam. Abdallâh beklagte sich beim Propheten, weil seine früheren Klan-Mitglieder den Kontakt zu ihm vollständig abgebrochen hatten. Der Koranvers versichert nun ihm und seinen Mit-Konvertiten, dass die einzig wahren Beschützer, die ein Muslim habe und brauche, Gott, der Gesandte und die Glaubensgeschwister seien.

Diese Gruppe der Gläubigen beschreibt der Vers als diejenigen, die das "Gebet verrichten" und "Almosen geben". Die wahren Gläubigen sind demnach jene, die ihren Glauben zeigen, indem sie diese beiden fundamentalen religiösen Pflichten verrichten.

Die Aussage "und sich verneigen" könnte schließlich ein Hinweis auf die Demut sein, die man haben soll, wenn man betet und Almosen gibt. Viele Gelehrte verknüpfen sie aber mit einer weit verbreiteten Geschichte über Alî Ibn Abî Tâlib, dem Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, dem späteren Kalifen und ersten Imam der Schiiten. Alî gab einst während der Verneigung beim Gebet in einer Moschee einem Bettler Almosen, indem er ihm diskret signalisierte, er könne den Ring von seinem Finger nehmen.

Da das Wort "walî" auch in Verbindung mit Obrigkeitsvorstellungen steht, lesen Schiiten den erläuterten Koranvers typischerweise auch als Zeichen für Alîs Macht über die muslimische Gemeinde. Demnach ist Alî nach Gott und Mohammed der wahre "walî" der Gläubigen.

Die Verbindung des Verses mit Alîs außergewöhnlichem Beispiel fürs Almosen-Geben wird von sunnitischen wie schiitischen Koran-Kommentatoren überliefert. Die Interpretation hinsichtlich Alîs Machtstellung jedoch lehnten die sunnitischen Koran-Kommentatoren ab. Einige von ihnen bezweifelten auch die Authentizität der Geschichte des gespendeten Rings.

Derweil empfehlen diejenigen, die einen Bezug zwischen dem Koranvers und der Spenden-Geschichte herstellen, allen Muslimen, Alîs Handlung als Beispiel für die Dringlichkeit zu verstehen, mit der man spenden sollte, wenn man darum gebeten wird.

Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen leicht gekürzt werden.  

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Maria Massi Dakake von der George Mason University in Fairfax im US-Bundesstaat Virginia zu Sure 5 Vers 55.

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Portret kees versteegh
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"Und wir haben keinen Gesandten (zu irgendeinem Volk) geschickt, außer (mit einer Verkündigung) in der Sprache seines Volkes, damit er ihnen Klarheit gibt. Gott führt nun irre, wen er will, und leitet recht, wen er will. Er ist der Mächtige und Weise."

Von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen

Der Vers legt dar, dass sich niemand auf Wissenslücken in Bezug auf die Gebote Gottes berufen kann: Jeder Gesandte brachte die Botschaft Gottes in der Sprache seines eigenen Volks. Somit hatten alle die Chance, die Worte zu hören und zu verstehen. Moses unterwies die Juden in Hebräisch, der Prophet Saleh, der lange vor dem Aufkommen des Islams zu den Thamud auf der arabischen Halbinsel gesandt worden war, sprach Thamudisch, und Mohammed sprach Arabisch, um den Mekkanern die Botschaft Gottes zu erklären.

Üblicherweise reagierten die Völker mit Skepsis und Gespött auf die Gesandten. Die Mekkaner bildeten dabei keine Ausnahme. Auch sie machten sich über Mohammed lustig und wiesen seine Botschaften zunächst zurück.

Darüber hinaus geht der Vers auf eine der kompliziertesten Aspekte im Koran ein: das Verhältnis zwischen Gottes Allmacht und dem freien Willen des Menschen. Einer der zentralen Motive im Koran besagt, dass Gott gerecht sei, angemessene Urteile bei der Bestrafung von Missetätern vollziehe und Gläubige belohne. Seine Urteile können aber nur dann als gerecht bezeichnet werden, wenn ein Mensch für seine Taten voll verantwortlich ist.

Nun betont der Koran aber zugleich Gottes Allmacht und erklärt, dass Gott entscheide, wer ihm gehorchen und wer ihm nicht gehorchen werde. Zudem unterstreichen viele Koranverse, dass das Schicksal eines Menschen vorherbestimmt sei: Gott kenne jeden Gedanken eines Menschen, bevor er entstehe, und jede Tat, bevor sie ausgeführt werde. Er bestimme, wer ins Paradies eingehe und wer in der Hölle bestraft werde.

Es ist nicht einfach, beide Botschaften zusammenzuführen. Durch die Geschichte des Islams hindurch bemühten sich Theologen, diese vermeintlichen Widersprüche aufzulösen.

Rationalistische Theologen nahmen Gottes Gerechtigkeit zum Ausgangspunkt für ihre Argumentation. Sie verfochten die Meinung, Menschen müssten einen freien Willen haben, andernfalls könne Gottes Urteil niemals als gerecht bezeichnet werden. Gott befähige die Menschen zwar zum Handeln, aber sie selbst müssten zwischen Gut und Böse auswählen. Da Gott gerecht sei, sei es undenkbar, dass er sie für etwas bestrafe, dass sie nicht selbst gewählt hätten.

Eher traditionalistische Theologen stellten Gottes Macht ins Zentrum ihres Glaubens. Sie legten dar, Gott sei der Schöpfer aller Dinge, inklusive jedes individuellen menschlichen Handelns, egal ob gut oder böse. Trotzdem behaupteten die Menschen, all ihr Handeln entspringe ihrem eigenen Tun. Durch diese Behauptung eigneten sie sich das Handeln an. Und deshalb seien die Menschen auch verantwortlich für ihr Verhalten und verdienten es, entsprechend belohnt oder bestraft zu werden.

Einfache Gläubige haben sich damals wenig um solche theologischen Feinheiten gekümmert und tun es heute ebenso wenig. Sie glauben, dass Gott barmherzig, gerecht und allmächtig zugleich ist, und dass all ihre Taten und Gedanken auf Gottes Gnade beruhten. Zudem wissen sie um ihre Pflicht, die Regeln des göttlichen Rechts zu befolgen, und um ihre Verantwortlichkeit für ihr Tun.

Wenn Muslime über die Zukunft sprechen, gebrauchen viele von ihnen im Alltag den Ausspruch: "in scha’a llah" (zu Deutsch: "so Gott will"). Das verdeutlicht, wie sehr sie spüren, dass ihr Leben in Gottes Hand ist. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte ist es der rationalen Theologie gelungen, diesen tiefverwurzelten Glauben zu erschüttern

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

Portret kees versteegh
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Kees Versteegh von der Uni Nijmegen zu Sure 14 Vers 4.

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Badawi
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"Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt, und auch die Gläubigen: Ein jeder glaubt an Gott und seine Engel, seine Bücher und seine Gesandten - wir unterscheiden zwischen keinem seiner Gesandten! Sie sprechen: ‚Wir hören und gehorchen! Vergib uns, unser Herr!‘ Und: ‚Zu dir hin ist das Ziel.‘"

Von Dr. Emran El-Badawi, Universität Houston, Texas, USA

Auf diesen Koranabschnitt bezieht sich das, was hier das Glaubensbekenntnis des Gesandten genannt wird.

In der späteren islamischen Tradition erklärt das Hadith-Schrifttum, also die Bücher zu den Überlieferungen Mohammeds, die doktrinären Elemente dieses Verses zu den Grundsätzen des Glaubens - arabisch: arkân al-îmân.

Das sind Gott, die Engel, die Heiligen Schriften, die Gesandten und die Vorherbestimmung. Offenkundig gibt es eine Entwicklung vom "urmuslimischen" Glauben auf Basis des Korans hin zu einem feststehenden Gebilde des "muslimischen" Glaubens auf Basis des Hadith.

Jahrhunderte nach der Offenbarung entstand die Auslegungsliteratur zum Koran. Sie liefert wertvolle kleine Hinweise auf den intertextuellen und historischen Hintergrund von Sure 2 Vers 285. Aber sie erläutert wenig zu den rechtlichen, philologischen und hagiographischen Details.

Dieser Vers ist einer von mehreren Glaubensbekenntnissen im Koran. Um die Doktrin zu bekräftigen, benutzt er die klar umrissene Terminologie der christlichen Glaubensbekenntnisse - und zwar so, wie sie am Vorabend des Islams vorgetragen wurden; oder allgemeiner gesprochen, wie sie in der Spätantike etwa vom 2. bis 7. Jahrhundert kursierten. Hören wir Auszüge aus dem Nicäanischen Glaubensbekenntnis:

"Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
….
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
…..
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen."

Ähnlich klingt das heute verbreitetere apostolische Glaubensbekenntnis. So wie das Glaubensbekenntnis des Gesandten bezeugen das nicäanische und apostolische Glaubensbekenntnis erstens den Glauben an Gott, zweitens den Glauben an die Vergebung der Sünden und drittens den Glauben an die Auferstehung und das Leben nach dem Tod.

Wenig überraschend widerspricht das Bekenntnis des Gesandten in Bezug auf Jesus Christus und den Heiligen Geist. Die Menschwerdung Gottes und die Trinitätslehre werden zurückgewiesen. Ganz eindeutig heißt es: "Wir unterscheiden zwischen keinem seiner Gesandten!"

Ferner werden das nicäanische wie das apostolische Bekenntnis als Akt einer gemeinschaftlichen Rede verkündet. Es heißt: "WIR glauben an…." Darin spiegeln sich die Ursprünge in den Konzilen und Synoden der Ostkirchen wider.

Dieser Brauch wird im Bekenntnis des Gesandten und dessen Abwandlungen bewahrt. Hier heißt es: "WIR" beziehungsweise "ALLE glauben an…." Gelehrte argumentierten, bestimmte Koran-Passagen seien in Form theologischer Glaubensbekenntnisse ausgedrückt worden, um die christlichen Bekenntnisse, wo sie Trinität und Menschwerdung umfassen, zu widerlegen. Es kann gut sein, dass die vier Verse aus Sure 112 mit Namen "Das reine Gottesbekenntnis" eine solche "Widerlegung" darstellen.

Wohingegen einige längere und diskursivere Koran-Passagen ebenfalls in Form theologischer Bekenntnisse in den Suren 2, 3 und 4 gut als Bestätigung der Doktrin dienen können. Wie in dieser Sendung gezeigt, ist der erläuterte Vers eine dieser Bestätigungen.

Die Audio-Version musste aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt werden.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Emran El-Badawi von der Universität Houston in Texas, USA, zu Sure 2 Vers 285.

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Khoury
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"Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung. Ihnen und euch bescheren Wir doch den Lebensunterhalt. Sie töten ist eine große Sünde."

Von Prof. i.R. Dr. Adel Theodor Khoury, Universität Münster

Der Koran gebietet den absoluten Respekt des Lebens. Sein allgemein gültiger Grundsatz steht in Sure 5 Vers 32 und lautet: "Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet".

So verbietet der Koran mit Entschiedenheit den Mord (Sure 4:29), und er mahnt, wie im eingangs zitierten Vers, die Eltern, ihre Kinder nicht aus Verarmung zu töten, denn Gott wird für sie und für die Kinder sorgen.

Der Kindesmord ist ein großer Verlust für die Eltern, weil sie ohne richtiges Wissen ihre Kinder töten, wie es im Koran heißt (Sure 6: 140). Er sei auch eine schlimme Verordnung der Satane bzw. der Götzen (6: 137).

Es ist hier nicht eindeutig klar, ob es sich um Kindestötung als Opfergabe an die Götter handelt. An anderer Stelle spricht der Koran davon, dass die Heiden ihre Kinder aus Angst vor Verarmung töteten (6: 151; 60: 12) oder die ihnen geborenen Mädchen verscharrten (81: 8-9), wohl weil die Kosten ihrer Erziehung und Verheiratung einfach zu hoch sind.

Ein besonderes Problem stellt sich in Bezug auf die Abtreibung. In der klassischen Zeit im Mittelalter gründeten die Rechtsgelehrten ihr Urteil auf die damaligen Kenntnisse vom Entstehen des Menschen im Schoß seiner Mutter.

Sie gingen davon aus, dass der empfangene Embryo erst nach 120 Tagen zu einem beseelten Fötus und damit zu einem Menschen wird. Daher betrachteten sie nur den Fötus als absolut schutzwürdig, während das werdende Leben vor dem Einhauchen der Seele in Ausnahmefällen bzw. aus einem triftigen Grund geopfert werden durfte.

Ausgehend vom heutigen Stand der ärztlichen Kenntnisse vom werdenden Leben vertreten die modernen muslimischen Gelehrten in ihrer Mehrheit eine strenge Auslegung der Bestimmungen der traditionellen Gesetze. Sie treten für die unbedingte Schutzwürdigkeit des werdenden Lebens ein und lassen einen Schwangerschaftsabbruch nur für den Fall zu, in dem es um die Rettung des Lebens der Mutter geht.

So überwiegt auch die Meinung, dass das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Zeugung geschützt werden soll. Denn ein menschliches Leben sei von Anfang an Schöpfung Gottes, heißt es im Koran. (23: 12-14; 56: 57-59). Und jeder Mensch, auch in diesem Stadium der Entwicklung und des Wachsens, sei nicht der Verfügungsgewalt des Menschen, nicht einmal der Eltern, unterworfen, sondern er sei Sklave, Diener und Eigentum seines Schöpfers. Daher besitze niemand das Recht, ihn nach eigenem Gutdünken zu töten.

Ein Schwangerschaftsabbruch sei also nur dann zulässig, wenn mit Sicherheit feststeht, dass das Leben der Mutter in Gefahr ist, wenn dabei keine andere Möglichkeit besteht, das Leben der Mutter zu retten als durch die Abtreibung, und endlich wenn der Eingriff nach ärztlichem Dafürhalten auch den gewünschten Erfolg bringt. Der Grund für diese Ausnahme sei das Prinzip, dass man von zwei Übeln das geringere zu wählen habe.

Die Kinder, geborene und ungeborene, stehen somit nach dem Koran unter dem besonderen Schutz Gottes, ihres Schöpfers und Wohltäters.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. i.R. Dr. Adel Theodor Khoury von der Uni Münster zu Sure 17 Vers 31.

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Basol
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"Tatsache ist, ihr habt im Gesandten Gottes ein schönes Beispiel, für den, der auf Gott und das Jenseits hoffte und viel an Gott dachte."

Von Dr. Ayşe Başol, Universität Frankfurt am Main

Dieser Vers ist ein Auszug aus einer längeren Koran-Passage. Der Vers spricht die Gemeinschaft Mohammeds an und preist den Propheten für dessen Verhalten während des sogenannten Grabenkrieges im Jahr 627.

Die frühen Quellen der Geschichtsschreibung berichten uns folgenden Hintergrund: Mohammeds Feinde vom Stamm der Quraisch aus Mekka waren mit ihren Bündnispartnern nach Medina in den Krieg gegen ihn gezogen.

Als Mohammed von dem Unternehmen und der Überzahl seiner Gegner erfuhr, ließ er einen Graben um die Stadt ausheben. Aus diesem Grund wurde die Stadt belagert. Die Belagerung soll länger als zehn Tage, nach anderen Angaben bis zu einem Monat gedauert haben. Bis auf einige Zweikämpfe und Bogenschießereien kam es zu keinen Kriegshandlungen.

Den Quraisch gelang es nicht, den Graben zu überwinden. Zudem sollen Interessenkonflikte zwischen ihnen und ihren Bündnispartnern sowie schlechte Wetterverhältnisse dazu geführt haben, dass sie schließlich die Belagerung abbrachen und zurückkehrten.

Das Lob, das Mohammed im eingangs zitierten Vers ausgesprochen wird, steht zunächst in diesem spezifischen Kontext.

Für Mohammed und seine Gemeinschaft muss die Belagerung eine außerordentlich große Herausforderung gewesen sein. Aus den Versen der gesamten Koran-Passage geht hervor, dass der Zusammenhalt der Glaubenden aus verschiedenen Gründen gefährdet gewesen sei. Die zentralen Gründe scheinen die Überzahl der Quraisch sowie Mohammeds Entscheidung für eine defensive Kriegsstrategie gewesen zu sein. Einige seiner Anhänger suchten daher nach Möglichkeiten, ihre Stellungen, ja sogar die Stadt Medina zu verlassen. Andere sprachen offen über das nicht eingelöste Versprechen eines sicheren Sieges und einer ertragreichen Beute.

Die Koran-Passage ist im Grunde eine Kritik an Mohammeds Gemeinschaft. Sie richtet sich vor allem an jene, die sich in einer Zeit der Bedrohung dem Propheten gegenüber illoyal verhalten haben. Der eingangs zitierte Vers hebt deshalb Mohammeds Vorbildfunktion hervor und würdigt jene, die während dieser Tage treu an seiner Seite gestanden und unabhängig von ihrem persönlichen Schicksal auf Gott und auf Mohammed vertraut haben.

In zahlreichen Versen im Koran wird Mohammed gelobt. Dieser Vers ist allerdings überaus bedeutsam. Mohammeds Vorbildlichkeit hat sich über den ursprünglichen Kontext hinaus zu einem alle Lebensbereiche umfassenden und im islamischen Glauben fest verankerten Richtwert entwickelt.

Mohammeds Bedeutung für das Leben der Muslime ist deutlich größer als seine Aufgabe, Diener und Gesandter Gottes zu sein. Als solcher erfüllte er den Auftrag, Botschaften an die Menschen in Mekka heranzutragen. Zugleich aber begann er dadurch, die Menschen, die sich um ihn scharten, zu formen. So entstand eine neue Gemeinschaft. Sie entfaltete eine Überlebenskraft, welche bis heute anhält.

Mohammed war (und ist) so bedeutsam, weil er beispielhaft den Willen Gottes auf Erden verkörperte. Wissen zu wollen, wie er gelebt hat, und wissen zu wollen, was er gesagt beziehungsweise empfohlen hat, gibt seit jeher für viele Muslime den besten Zugang zu Gott vor.

Dieses Wissen-Wollen bezieht sich – vom Politischen bis ins Private – auf alle möglichen Lebensbereiche Mohammeds. An seinen Worten und seiner Praxis meinen Muslime, eine Orientierung zu finden, die ihr diesseitiges und jenseitiges Leben schützen kann. Und so versuchen sie, ihr Leben nach seinem Vorbild auszurichten.

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Vertonung er Erläuterungen von Dr. Ayşe Başol von der Universität Frankfurt am Main zu Sure 33 Vers 21.

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"So gedenkt meiner, damit (auch) ich euer gedenke, und seid mir dankbar und nicht undankbar!"

Von Dr. Mohammed Rustom, Carleton University, Ottawa, Kanada

Eine Aussage, die vielen frühen Korankommentatoren zugeschrieben wird, besagt: "Gott gedenkt, wer immer ihm gedenkt, erhöht, wer immer ihm dankbar ist, und bestraft, wer immer auch an ihn nicht glaubt."

Einigen Koraninterpretationen zufolge gedenkt man Gott*, indem man ihn preist oder ihm Gehorsamkeit erweist. Im Gegenzug gedenkt Gott einem durch Vergebung.

Ein verbreitetes Mittel, um diesen Vers zu verstehen, ist der Hinweis auf einen berühmten "Hadith qudsi" - einem sogenannten heiligen Hadith, einer Aussage Gottes, die der Prophet Mohammed zwar zitiert hat, die aber nicht Eingang in den Koran gefunden hat.

Dieser besagte "Hadith qudsi" lautet: "Gott, der Erhabene, sagt: ‚Ich bin, wie mein Diener es von mir annimmt. Und ich bin mit ihm, wenn er meiner gedenkt. Gedenkt er meiner in seinem Inneren, gedenke ich seiner in meinem Inneren. Gedenkt er meiner in einer Gruppe, gedenke ich seiner in einer besseren Gruppe. Nähert er sich mir um eine Handbreit, nähere ich mich ihm um eine Elle. Nähert er sich mir um eine Elle, nähere ich mich ihm um einen Klafter. Kommt er mir gehend entgegen, komme ich ihm laufend entgegen."

Einige Korankommentatoren meinen, obwohl der eingangs zitierte Koranvers anzudeuten scheint, dass Gott seinem Diener erst gedenken wird, wenn dieser ihm gedenkt, ist es in Wahrheit so, dass der Diener überhaupt erst kraft Gottes Gedenkens seiner die Fähigkeit hat, Gott zuerst zu gedenken. Wenn er Gott dann aber gedenkt, wird dieser sich auf noch speziellere Weise an ihn erinnern, als er es allgemein mit seinen Kreaturen macht.

In der Sprache der spirituellen Alchemie wird das Gedenken Gottes als Elixier beschrieben. Es verwandelt das Basismetall der Seele am Ende in reines Gold. Wird ein Elixier auf Kupfer angewandt, gestaltet es das Kupfer mit der Zeit in reines Gold um. Eine ähnliche Wirkung wird erzielt, wenn sich Gottes Name in der Seele seines Dieners durch den Akt des Gedenkens fest verwurzelt. Der göttliche Name wirkt wie ein Elixier für die Seele und wandelt sie nach und nach von einer dunklen, trüben Substanz in eine reine, leuchtende und unveränderliche Substanz um.

Der Koranvers 2:152 kann sich auch darauf beziehen, dass sich kraft Gottes Gedenkens der Menschen Frieden entfaltet. Eine entsprechende Auslegung besagt: "Es gibt Menschen, deren Herzen Frieden gefunden haben, weil sie Gott gedenken. Und es gibt Menschen, deren Herzen Frieden gefunden haben, weil Gott ihrer gedenkt."

Auch der Versabschnitt "und seid mir dankbar" steht im Kontext des Gedenkens Gottes. Jemand, der sich der Gnaden seines Wohltäters vergewissert, wir ihm nämlich mit höherer Wahrscheinlichkeit für diese Gnaden dankbar sein. Und indem man Gott dankbar ist, nährt man eine positive seelische und geistige Haltung zu all den Segnungen, die einem gewährt wurden - selbst wenn sie im Alltag oft unbewusst bleiben wie die einfache Tatsache des Atmens.

Die geistige Tugend der Dankbarkeit gegenüber Gott ist so essenziell, dass viele Koranexegeten sie als eine der bestimmenden Eigenschaften des Islams hervorgehoben haben. Sie verbanden sogar den Begriff für "Unglaube”, der am Ende dieses Verses im arabischen Original benutzt wird, etymologisch mit der Vorstellung, Gott undankbar zu sein, beziehungsweise mit der "Undankbarkeit” gegenüber Gott. 
 

*zum besseren Hörverständnis dieses Textes steht das Wort "gedenken" an einigen Stellen entgegen der üblichen grammatikalischen Regelung nicht mit dem Genetiv, sondern mit dem Dativ.





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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Mohammed Rustom von der Carleton University in Ottawa, Kanada zu Sure 2 Vers 152.

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Hochaufl%c3%b6send karimi
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"Nicht ist Frömmigkeit, wenn ihr euer Angesicht wendet nach Osten oder Westen. Vielmehr ist Frömmigkeit, dass man an Gott glaubt, den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten, dass man das Geld – obwohl man es liebt – für den Verwandten, den Waisen, den Armen, den Reisenden, den Bettlern und für die Sklaven hergibt, dass man das Gebet verrichtet und entrichtet die Armenspende."

Von Prof. Dr. Milad Karimi, Universität Münster

Diese Verse bestehen aus zwei Gedankeneinheiten. Der erste Gedanke beginnt mit einer Verneinung. Verneint wird zunächst ein Habitus. Sein Angesicht nach Osten oder Westen zu wenden kann Ausdruck der Frömmigkeit sein, aber wovor hier gewarnt wird, ist der bloße Vollzug einer religiös beabsichtigten Handlung, die aber als Selbstzweck dient. Gerade darin besteht eben nicht Frömmigkeit, dass eine für fromm gehaltene Handlung bloß ausgeführt wird.

Die Erwartung, die nach der Verneinung der scheinbaren Frömmigkeit erzeugt wird, ist bedeutsam. Die eigentliche Frömmigkeit geht der bloßen Handlung voraus; sie steht gleichsam hinter der Handlung. Sachgemäß beginnt also die zweite Gedankeneinheit mit einer positiven Bestimmung der Frömmigkeit.

Frömmigkeit besteht demnach im Glauben an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und den Propheten. Sodann liegt die Frömmigkeit in der selbstlosen Zuwendung des Gläubigen zu anderen Menschen, den Verwandten, den Waisen, den Armen, den Reisenden, den Bettlern und den Gefangenen. Und schließlich ist die Frömmigkeit im Verrichten des Gebets verankert.

Diese Worte, die für das Entstehen einer islamischen Glaubenslehre von immenser Bedeutung gewesen sind, sehen Frömmigkeit als etwas Innerliches. Denn der Glaube, worin die Frömmigkeit zunächst und wesentlich bestehen soll, als Zustimmung des Herzens, entzieht sich jeder Äußerlichkeit, entzieht sich dem fremden Urteil.

Wer glaubt, der geht eine Bindung mit Gott ein, indem er das mit dem Herzen für wahr hält, was ihm durch die Offenbarung vermittelt ist. Der Gläubige wird damit in seinem Glauben geschützt, so dass allein sein Bekennen Gegenstand des Urteilens und Verurteilens sein kann. Ob er tatsächlich glaubt, darüber kann kein anderer Mensch verfügen. Frömmigkeit ist also die innere Entschiedenheit im Glauben.

Und doch bleibt die Frömmigkeit nicht im Innern des Gläubigen. Sie geht über zum Nächsten, zum Bedürftigen und Schwachen, zum Waisen und Unfreien, um Gerechtigkeit hervorzubringen, ohne dabei auf die eigene Belohnung zu achten. Damit scheint sich die Frömmigkeit im und für den Anderen zu bewahrheiten. Hier zeigt sich eine Grundhaltung der islamischen Religiosität, die nicht theoretisch oder praktisch orientiert ist, sondern stets eine ganzheitliche Haltung einnehmen will. Mithin zeigt sich die Frömmigkeit als eine Schlüsselfigur. Frömmigkeit fordert sowohl eine wahrhaftige innere Haltung als auch ethische Verantwortung und das Bemühen um Gerechtigkeit.

Hochaufl%c3%b6send karimi
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Die Erläuterungen zu Sure 2 Vers 177 von Prof. Dr. Milad Karimi von der Universität Münster.

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4 zu 3 dr. tuba isik
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"O ihr, die ihr glaubt, bleibt fest in der Gerechtigkeit, wenn ihr Zeugnis ablegt gegenüber Gott, und sei es auch gegen euch selber oder eure Eltern und Verwandten, handle es sich um arm oder reich, denn Gott steht näher als beide. Und folgt nicht der Leidenschaft, sodass ihr abweicht vom Recht. Ob ihr euch auch hin und her wendet und abkehret, siehe, Gott weiß, was ihr tut."

Erläutert von Dr. Tuba Isik, Universität Paderborn

Die Sure 4 gehört zu den medinensischen Suren, d.h. den Offenbarungsversen, die dem Propheten Muhammad in der Stadt Medina offenbart wurden. Eine Zeit, in der ein Gemeinwesen unter Muslimen, Juden und Andersgläubigen etabliert wurde und folglich sich praktische Fragen des Zusammenlebens ergaben. Dieser Sure wurde der Name an-Nisa gegeben, was die Frauen bedeutet, weil es in dieser Sure an vielen Stellen explizit um die Frauen und Fragen rund um das Familienleben geht.

Viele Verse drehen sich auch um rechtliche Fragen, also um Gesetzgebung sowie die Beziehung zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen. Im zitierten Vers werden zwei Punkte angesprochen, die sowohl in der Rechtsprechung als auch im alltäglichen Miteinander eine wichtige Rolle spielen: Alle gottgläubigen Menschen sind angehalten, erstens gerecht zu handeln und zweitens aufrichtig Zeugnis abzulegen und zwar ausdrücklich ohne Berücksichtigung der Umstände, des Gegenübers und der Folgen für einen selbst.

Gerechtigkeit ist eine der zentralen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens. Ist allerdings gerecht zu sein so einfach wie man es sagt? Sind wir gerecht? Befinden wir uns nicht immer in einem Abwägungsprozess, in dem eigene und fremde Interessen und Bedürfnisse abgewogen, Pro und Contra erörtert, Argumente ausgetauscht werden? Beeinflussen uns positive oder negative Gefühle dem anderen gegenüber nicht bei der Entscheidungsfindung?

Abwägungsprozesse sind von verschiedenen Motiven und Emotionen getragen, und das führt oft dazu, dass am Ende keine faire und gerechte Entscheidung getroffen wird. Es ist allzu menschlich, dass andere als edle Motive gerechtes Handeln torpedieren. Darauf macht Gott die Leser in diesem Vers überdeutlich aufmerksam.

Jeder Gläubige ist für seine Taten verantwortlich und muss bei der Entscheidungsfindung fortlaufend in sich gehen und sich versichern, dass er nicht eine Meinung oder eine Position bevorzugt, weil sie von einem Familienangehörigen, Verwandten oder Freund vertreten wird. Auch darf weder die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Position eines Gegenübers, noch Eigennutz eine Rolle spielen.

An einer anderen Stelle im Koran in Sure 5 Vers 8 wird Gerechtigkeit selbst in besonders schwierigen Situationen als Handlungsmaxime eingefordert - nämlich dann, wenn man einen anderen Menschen verabscheut oder sogar hasst. Es heißt: "O ihr, die ihr glaubt, steht fest in Gerechtigkeit, wenn ihr vor Gott Zeugen seid, und nicht verführe euch Hass gegen Leute zur Ungerechtigkeit. Seid gerecht. Das ist Näher der Gottesfurcht."

Der Koran verlangt noch mehr von den Menschen: Sie sollen nicht schweigen, wenn sie Unrecht sehen. Das macht der letzte Teil des eingangs zitierten Verses deutlich. Sich herauszuhalten, wegzuschauen ist keine Option. Im Gegenteil: So ein Verhalten steht mit der Verdrehung der Wahrheit auf einer Stufe, denn es fördert Ungerechtigkeit.

4 zu 3 dr. tuba isik
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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Tuba Isik von der Universität Paderborn zu Sure 4 Vers 135.

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Peters
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"Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf."

Von Prof. Dr. Ruud Peters, Universität von Amsterdam, Niederlande

Das Prinzip der Abrogation - also das Aufheben eines Gesetzes durch ein neues - ist ein zentrales Interpretationsinstrument, um die Botschaften des Islams in Einklang zu bringen. Wenn sich zwei Koranverse widersprechen und durch Interpretation nicht harmonisiert werden können, nimmt man an, dass der später offenbarte Vers den früheren abrogiert. Dieses Prinzip spielt eine entscheidende Rolle für die Doktrin des Dschihads.

Der eingangs zitierte Vers wird fürgewöhnlich als Schwertvers bezeichnet. Er wurde kurz vor dem Ableben Mohammeds offenbart. Die Muslime werden hier bedingungslos aufgerufen, die Polytheisten - arabisch: "muschrikûn" - zu bekämpfen und zu töten.

Frühere Verse indes knüpfen den Kampf gegen die Polytheisten an Rechtfertigungen wie feindliche Aggressionen, Vertragsverletzungen oder die Vertreibung Mohammeds aus Mekka. Die Korankommentatoren und Rechtsgelehrten argumentierten, Sure 9 Vers 5 hebe all diese früheren Verse zur Kriegsführung auf. Sie lasen aus dem Vers sogar eine bedingungslose Pflicht der gesamten Gemeinde zum Kampf gegen die Polytheisten heraus. Demnach wird solange gekämpft, bis die Polytheisten den Islam annehmen - im Fall von Juden und Christen: bis diese die muslimische Herrschaft anerkennen und bereit sind, eine Kopfsteuer zu zahlen. So besagt es Sure 9 Vers 29, der ebenfalls Schwertvers genannt wird: "Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und an den Jüngsten Tag glauben […] bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten."

Die Kriegsführung des islamischen Staates wurde hierbei ganz allgemein mit der Ausweitung des muslimischen Territoriums gerechtfertigt. Die Kriegsführung des islamischen Staates wurde ganz allgemein mit der Ausweitung des muslimischen Territoriums gerechtfertigt.

Diskutiert wurde unter den Rechtsgelehrten die Frage, ob die Nicht-Muslime jenseits des muslimischen Territoriums allesamt bekämpft und getötet werden können oder nicht. Einige machten geltend, der Unglaube - arabisch: "kufr" - diene als Begründung für das Bekämpfen und Töten von Nicht-Muslimen.

Gerettet werden könnten die verschiedenen Gruppen der Nicht-Muslime daher nur, wenn es dafür eindeutige Hinweise in den Quellen gebe - also im Koran oder in den Hadithen, den Überlieferungen über das Leben und Handeln Mohammeds. Das ist zum Beispiel kraft mehrerer authentischer und unbestrittener Hadithe bei Frauen und Kindern der Fall.

Andere Rechtsgelehrte verfochten den Standpunkt, nur Kombattanten dürften bekämpft und getötet werden. Zum Beleg verwiesen sie auf Sure 2 Vers 190: "Und kämpft auf dem Weg Gottes gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht. Wahrlich, Gott liebt nicht diejenigen, die übertreten."

Jene Rechtsgelehrten argumentierten auch, dieser Koranvers biete keine Begründung für den Eintritt in einen Krieg - also kein "ius ad bellum" -, der Vers liefere vielmehr eine Verhaltensmaßregel für diejenigen, die sich bereits im Krieg befänden - also ein "ius in bello".

Die Ansicht einer bedingungslosen Pflicht zum Kampf gegen Nicht-Muslime wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angezweifelt. Die Islamgelehrten Muhammad Abduh und Rashid Rida führten den Gedanken in ihrem Korankommentar "al-Manâr" aus. Sie hielten es für nicht plausibel, dass allein zwei Schwertverse zig andere Verse abrogieren sollten, die eine Kriegsführung nur dann erlauben, wenn es dafür eine Rechtfertigung gibt.

Abduh und Rida lehnten den Gebrauch der Abrogation in diesem Kontext ab. Kriegsführung ist ihnen zufolge nur legitimiert, wenn zum Beispiel Nicht-Muslime Aggressionen begehen, Verträge verletzen oder Muslime daran hindern, die Botschaft des Islams zu verbreiten. So gesehen muss die Beziehung zwischen dem Islam und dem Rest der Welt auf einer friedlichen Koexistenz basieren.

Heutzutage ist die Vorstellung, dass der Dschihad mit einem gerechtem Krieg identisch ist, unter weiten Teilen der muslimischen Gelehrten verbreitet.


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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Ruud Peters von der Universität Amsterdam in den Niederlanden zu Sure 9 Vers 5.

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"Er gibt die Weisheit, wem er will, und wem da Weisheit gegeben wurde, dem wurde hohes Gut gegeben; doch niemand bedenkt dies außer denjenigen, die Verstand haben."

Von Prof. Dr. Bülent Uçar, Universität Osnabrück

Wir haben verlernt, den Glauben mit Weisheit anzunehmen, mit Hingabe zu vertiefen und mit Liebe zu praktizieren. Die Muslime unserer Zeit sind geneigt, ihre persönlichen Vorstellungen von Gut und Böse als maßgeblich zu sehen. Sie verabsolutieren gerne ihre eigenen Erfahrungen als verbindliche Größen für Wertefragen und Glaubensangelegenheiten wie auch für die konkrete Lebenspraxis.

Abweichende Positionen werden oft als häretisch und abtrünnig beziehungsweise als extremistisch und reaktionär abgestempelt. Der Bezug auf das "Allâhu a’lam" – also die Überzeugung davon, dass Gott es am besten weiß - ist verloren gegangen.

Trotz aller Verschiedenheit verbindet die Muslime der Bezug auf eine Instanz, die sie im Diesseits auf verschiedene Normen verpflichtet und sie hierdurch rechtleitet: Es handelt sich dabei um das "kitab", wie es im Arabischen heißt: den Koran als zusammengehöriger Korpus aller göttlichen Offenbarungen in concreto für die Muslime unserer Zeit

Im eingangs zitierten Vers wird eine weitere Komponente eingeführt: "hikma", als Weisheit übersetzt, wird häufig neben dem "kitab" genannt. "Hikma" deutet darauf hin, dass zusätzlich zur expliziten göttlichen Botschaft noch etwas anderes im Leben der Menschen besteht.

In der traditionellen Exegese wurde "hikma" häufig der Sunna gleichgesetzt, dem nachahmenswerten Verhalten des Propheten Mohammed. Ein anderer - eher von muslimischen Philosophen präferierter Zugang - verband mit "hikma" die Erkenntnisse, welche der Mensch mit Hilfe der Ratio - also seines Verstandes - ermitteln konnte.

Meines Erachtens bildet das keinen Gegensatz. Vielmehr ergänzen sich Sunna und Ratio. So wird durch die Sunna und all jene Gelehrten, die in dieser Tradition stehen, die Glaubenspraxis, die in den Texten steckt, also der "lebende, vermenschlichte Koran" von Generation zu Generation erfahrbar gemacht und weiterentwickelt.

Der Text alleine ist also nicht die normative Bezugsgröße. Er ist lediglich die Quelle, aus der Normen abgeleitet werden. Die Erkenntnisse der Gelehrten und die Traditionen geben dem Ganzen eine dynamische Komponente. Über diesen Anschluss an den Gelehrtendiskurs wird ein anachronistischer Zugang zum Glauben verhindert. Ebenso wird eine eklektizistische Beliebigkeit in der Textrezeption verhindert, wie wir es heute bei bestimmten Reformtheologen wie auch extremistischen Gruppierungen, etwa der IS-Terrormiliz, methodologisch ähnlich beobachten können.

Der Rückgriff alleine auf die Texte bietet noch keine Gewähr für einen ser iösen und methodisch sauberen Zugang. Diese Art des Quellenverständnisses und der Ableitung von konkreten Normen war den muslimischen Gelehrten bis in die Moderne auch weitgehend fremd.

Zudem bietet die Einrahmung durch die plurale Tradition alleine noch keine ausreichende Absicherung. Denn Traditionen sind nicht davor geschützt, notwendige und legitime Entwicklungen zu verpassen.

Daher kann als Korrektiv die menschliche Ratio an dieser Stelle eingreifen und mögliche Fehlentwicklungen im Gesamtgefüge anmahnen. Die Ratio ist zwar unabhängig, wird sich aber in dem skizzierten Kontext bewegen aus "kitab" - also dem Koran -, "hikma" - der Weisheit - und Sunna beziehungsweise der Gelehrtentraditionen. In diesem Sinne kann man die Ratio nach meinem Ermessen sehr wohl als koranisch legitimierten Teil der "hikma" bezeichnen.

Diese "hikma" haben wir heute verlernt. Muslime benötigen legitime, innovative Entwicklungen innerhalb der etablierten Traditionen. Die Wiederbelebung der Sunna und der Ratio, also des Verstandes bilden keine Widersprüche. Sie sind vielmehr zwingende Notwendigkeit.

Doch: "Allâhu a'lam" - Gott weiß es am besten!


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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Bülent Uçar von der Universität Osnabrück zu Sure 2 Vers 269.

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"Und wir sandten dich nur als Barmherzigkeit zu den Weltbewohnern."

Von Dr. Sahiron Syamsuddin, Gadjah-Mada-Universität, Yogyakarta, Indonesien

Sure 21 trägt den Namen: "Die Propheten". Sie umfasst 112 Verse und wurde vor der Auswanderung des Propheten Mohammed nach Medina offenbart.

Der zitierte Vers kombiniert zwei zentrale Begriffe miteinander: "rahma" – zu deutsch: Barmherzigkeit - und "‘âlamîn" – zu deutsch: Weltbewohner. Über den Kontext gibt es zwei verschiedene Interpretations-Richtungen.

Der berühmte Korankommentator az-Zamachscharî erklärte im 12. Jahrhundert, der Begriff für Weltbewohner sei in seiner Bedeutung eingeschränkt. Die Entsendung Mohammeds sei ein Akt der Barmherzigkeit allein für jene Weltbewohner, die auch an seine Prophetenschaft glaubten. az-Zamachscharî schreibt: "Gott hat den Propheten Mohammed aus Barmherzigkeit gesandt, denn Gott bringt alle Dinge hervor, die den Weltbewohnern Fröhlichkeit geben, sofern diese ihm folgen. Wenn aber jemand Mohammed aus freien Stücken ablehnt und ihm nicht folgt, kommt die Ablehnung von ihm selbst. Er wird Barmherzigkeit nicht erlangen."

Zur weiteren Erläuterung zieht az-Zamachscharî einen Vergleich mit einer Wasserquelle heran. Wer Nutzen aus der Quelle ziehen will, nimmt Wasser zum Trinken oder Bewässern heraus. Wer das Wasser nicht genießen will, greift nicht zu. Nach az-Zamachscharî erfahren also nur die Muslime Barmherzigkeit.

Anders sieht das Muhammad at-Tabarî. Aus Sicht des großen Gelehrten aus dem 9. Jahrhundert erstreckt sich die Barmherzigkeit auf alle Weltbewohner, egal, ob sie Muslime sind oder nicht sind. at-Tabarî sagt: "Diejenigen, die die Prophetenschaft Mohammeds anerkennen, erhalten dadurch 'hidâya' - göttliche Führung. Sie kommen nachher ins Paradies, weil sie Mohammed folgen und sich an die Belehrungen halten, die er mitgebracht hat. Die Barmherzigkeit gegenüber den Ungläubigen ergibt sich daraus, dass sie durch Mohammeds Präsenz vor den Strafen Gottes bewahrt wurden, die frühere Völker in dieser Welt noch getroffen hatten."

Eine ähnliche Auslegung findet sich bei Ibn Kathîr, der im 14. Jahrhundert wirkte. Er erklärt: "Gott hat Mohammed als Gnadenerweis zu allen Menschen geschickt." Allerdings kommt auch Ibn Kathîr wieder zu der Schlussfolgerung: "Wer auch immer diese Barmherzigkeit annimmt und dafür dankbar ist, wird im Diesseits und im Jenseits glücklich sein. Jeder, der sie ablehnt, wird aber im Diesseits wie im Jenseits verloren gehen.”

Ein weiterer wichtiger Korankommentator ist Mahmûd al-Âlûsî. Er lebte im 19. Jahrhundert. Er vertritt die gleiche Interpretation, benutzt allerdings freundlichere Worte. al-Âlûsî schreibt: "Es ist klar, dass das Wort Weltbewohner Ungläubige einschließt. Mohammed wurde schließlich gesandt, um das zu bringen, was die Basis des Glücks in beiden Welten darstellt. Aber die Ungläubigen haben diese Basis nicht genutzt."

Obwohl al-Âlûsî, Ibn Kathîr und az-Zamachscharî auf der einen Seite und at-Tabarî auf der anderen Seite ein unterschiedliches Verständnis des Kontexts vertreten, interpretieren alle das Wort Barmherzigkeit auch als eschatologischen Gewinn.

Muhammad Ibn 'Âschûr, ein tunesischer Gelehrter aus dem 20. Jahrhundert, interpretiert Barmherzigkeit hier nicht eschatologisch, sondern als Charakteristikum des Propheten Mohammed and des Islams. Er begründet das mit zwei Argumenten: Erstens, den Propheten zeichne Barmherzigkeit aus und zweitens, die Religion des Islams ermögliche Frieden und Sicherheit für alle und alles - nicht nur für Menschen, auch für die Natur als Ganzes. Zudem lasse sich das islamische Recht stets in Übereinstimmung mit der jeweiligen Zeit interpretieren.

Ich persönlich stimme Ibn 'Âschûr zu. Die Lehren des Islams wurden gegeben, damit die Menschen und die Natur als Ganzes einen Nutzen davon haben.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Sahiron Syamsuddin von der Gadjah-Mada-Universität in Yogyakarta, Indonesien, zu Sure 21 Vers 107.

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"Und gedenke, als Abraham sagte: ‚Mein Herr, lass mich sehen, wie du die Toten wieder zum Leben bringst.‘ Er sprach: ‚Glaubst du denn nicht?‘ Er sagte: 'Doch! Aber ich frage, um mein Herz zu beruhigen.'"

Erläutert von Prof. Dr. Maha El-Kaisy Friemuth, Universität Erlangen-Nürnberg

Der Erzähler dieser Verse verweist auf eine interessante Szene. Abraham bittet Gott, ihm zu zeigen, wie er Tote wieder zum Leben erweckt. Gott antwortet ihm darauf mit einer Gegenfrage: "Glaubst du denn nicht?"

Wir treffen hier auf ein schwieriges Thema im Koran, das nur im Glauben zu erfassen ist. Mit rationalen Argumenten ist leibhaftige Auferstehung kaum zu erklären. An die Auferstehung als Wunsch des Weiterlebens zu glauben, ist möglich, nicht aber der tatsächliche Nachweis.

Für den Propheten Mohammed zählte die Auferstehung zu den Streitfragen bei seiner Mission in Arabien. Anders als bei den alten Ägyptern, in deren Religion das Weiterleben nach dem Tod eine zentrale Rolle spielte, hatte sich die Idee von einem Leben nach dem Tod im arabischen Kernland nicht entwickelt. Ganz im Gegenteil; hier war man realistisch und fand die Vorstellung unglaubwürdig, dass sich um tote Knochen lebendiges Fleisch legen würde.

Der Koran spiegelt diese Diskussion an mehreren Stellen wider - etwa in Sure 36 Verse 78 bis 79: "'Wer kann die Gebeine beleben, wenn sie morsch geworden sind?' Sprich: 'Er, der sie das erste Mal erschuf - er wird sie beleben; denn er kennt jegliche Schöpfung.'"

Die Vorstellung von Gott als Neuschöpfer ist ein wichtiges Element im Koran und tritt dort im Zusammenhang mit den häufigen, sehr lebhaft beschriebenen Vorstellungen von Hölle und Paradies auf.

In den Versen vor Abrahams Frage nach der Auferstehung wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der ein Leben nach dem Tod bezweifelt und es für unmöglich hält. Damit er am eigenen Leib erfahren kann, was Auferstehung ist, lässt Gott ihn sterben und erweckt ihn nach einhundert Jahren wieder zum Leben.

Dieses Beispiel zeigt, dass es an dieser Stelle nicht um Abrahams persönlichen Zweifel an der Auferstehung geht, sondern um die Gläubigen an sich, die mit diesem Thema ihre Schwierigkeiten haben.

Ein zweites Thema in diesem Vers ist die Auseinandersetzung damit, ob Abraham tatsächlich als Zweifler anzusehen ist, wie es Gottes Gegenfrage: "Glaubst du denn nicht?" nahelegen könnte.

Der scheinbare Konflikt besteht darin, dass Propheten - also auch Abraham - keine Sünden begehen, und das heißt eben auch, nicht an Gott und seinen Fähigkeiten zweifeln. Den Glauben zu stärken und Gottes Allmacht zu verkünden, ist der Kern prophetischer Weisheit und Vernunft.

In Wirklichkeit aber sehen wir am Beispiel von Abrahams Frage nach der Auferstehung etwas ganz anderes, nämlich dies, dass der Koran auch Zweifel am Glauben thematisiert.

Er tut es auch an anderer Stelle, etwa in Sure 7 Vers 143 im Hinblick auf Moses Wunsch, Gott sehen zu wollen: "'Mein Herr, zeige Dich mir, auf dass ich Dich schauen mag.’ Er sprach: ‚Du wirst mich nicht sehen'".

Anzunehmen, dass jemand vollkommenen Glauben hat und keine Fragen stellt, ist naiv. Das zeigt hier der Koran indem er zweifelnde Fragen nicht nur zulässt, sondern sie vielmehr direkt stellt. Er verlegt sie in die Stimmen großer Propheten wie Abraham und Mose. Nicht um diese als glaubensschwach dastehen zu lassen, sondern umgekehrt: Ihre höchste prophetische Autorität wird in Anspruch genommen, um zu zeigen, dass Fragen und Zweifel durchaus legitim sind.

Gott setzt sich mit dem was die Gläubigen bewegt auseinander und gibt anschauliche Beispiele. Und so wird klar: Was schon ein Prophet sich fragte, das darf und soll auch ein Gläubiger tun, denn ein Wachsen im Glauben geht nicht ohne Zweifel und Fragen. Die Propheten selbst sind dafür das beste Beispiel.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Maha El-Kaisy Friemuth von der Universität Erlangen-Nürnberg zu Sure 2 Vers 260.

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"Und wahrlich, wir erschufen den Menschen aus einer Substanz aus Lehm. Alsdann setzten wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte. Dann bildeten wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten wir es zu einer anderen Schöpfung."

Von Prof. Dr. Thomas Eich, Universität Hamburg

Die Koranverse über die Erschaffung des Menschen stehen im Kontext mit einer der zentralen Lehren, die Mohammed an sein soziales Umfeld herantrug. Es war die Idee der körperlichen Wiederauferstehung am Ende der Welt. Hiermit verbunden war die Vorstellung, dass an diesem Tag alle Menschen Rechenschaft ablegen werden über ihre Taten.

Keineswegs handelte es sich hierbei um Ideen, die dem Umfeld Mohammeds völlig neu waren. Immer wieder setzt der Koran die Existenz von Religionsgruppen wie Juden, Christen oder anderen als bekannt voraus, die durchaus vergleichbare Ansichten vertraten.

Die Kritik an der Vorstellung der körperlichen Wiederauferstehung hatte jedoch nie abgerissen, durchaus auch innerhalb der jeweiligen religiösen Traditionen. Im Kern zielte sie immer wieder auf die gleiche Frage: "Wie soll das gehen, wenn der Körper doch nach dem Tode zerfällt?"

Die Antwort, die der Koran in der zitierten Stellen gibt, ist letztendlich der Verweis auf die Allmacht Gottes: "Gott kann das!" Gott vermochte es am Anfang der Welt Adam aus irdener Materie zu schaffen und er lässt jeden Menschen aus einem Tropfen entstehen. Natürlich kann er dann auch am Jüngsten Tag die Körper wieder erstehen lassen! So die Überzeugung.

Ähnliche Äußerungen wie in den zitierten Versen lassen sich in Sure 22 Vers 5 lesen. Betrachtet man die Passagen unmittelbar vor und nach den beiden Koranstellen, so wird der eschatologische Zusammenhang überdeutlich. Beide Male ist vom Ende der Welt die Rede und beide Male werden die Zuhörer aufgefordert, ihr Verhalten zu ändern. Im Koran finden sich noch weitere Beispiele, in denen dieser Themenkomplex mit dem Motiv der Entstehung menschlichen Lebens im Mutterleib verknüpft wird.

Nirgendwo sonst jedoch ist das Bild vorgeburtlichen Lebens so vergleichsweise differenziert wie in den Versen 23: 12 bis 14 und 22: 5. Hier ist von einem Prozess in mehreren Stadien die Rede, der vor allem Tropfen, Blutklumpen und Fleischklumpen durchläuft. Sure 22 Vers 5 bezeichnet den Fleischklumpen noch zusätzlich als "teils geformt" und "teils ungeformt".

Der Koran benutzt hier ein Konzept vorgeburtlicher Entwicklung, das auf griechisch-antike Medizin zurückgeht. Offenkundig wird das wiederum bei der Zuhörerschaft als bekannt vorausgesetzt.

Auch in dieser Hinsicht kann der Koran klar in den großen theologischen Debatten seiner Zeit verortet werden. In ihnen wurden durchaus öfter Konzepte der griechisch-antiken Medizin sozusagen illustrativ in Bezug zu theologischen Kernaussagen gesetzt.

Neben den evidenten Gemeinsamkeiten der beiden Passagen gibt es aber auch Unterschiede. Während Sure 22: 5 ganz explizit vom Leben sowohl vor als auch nach der Geburt spricht, ist in den eingangs zitierten Versen explizit nur vom Ungeborenen die Rede. Dann heißt es weiter: "Dann entwickelten wir es zu einer anderen Schöpfung".

Was war hiermit gemeint? Die Geburt? Die Wiederauferstehung? In den ersten Jahrhunderten der Koranauslegung wurden hier durchaus unterschiedliche Antworten diskutiert. Weitgehend durchgesetzt hat sich schließlich die Interpretation, dass die individuelle Beseelung des Embryos gemeint sei. Diese Idee findet sich auch explizit in den überlieferten Aussprüchen Mohammeds.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Thomas Eich von der Universität Hamburg zu Sure 23 Vers 12 bis 14. 

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"Haltet die Gebete ein, auch das mittlere Gebet!"

Von Prof. Dr. George Saliba, Columbia University, New York

Von frühester Zeit an sorgte die Formulierung "das mittlere Gebet" für Diskussionen. Praktizierende Muslime verrichten fünf Gebete am Tag: nach Sonnenaufgang, nach der Mittagsstunde, am Nachmittag, nach Sonnenuntergang und am Abend. Welches davon ist also das mittlere Gebet?

Selbst die Genossen des Propheten vertraten unterschiedliche Auffassungen. Das heute allgemein akzeptierte Verständnis, wonach das Nachmittagsgebet gemeint sei, erzielten erst spätere Generationn.

Der Überlieferung zufolge hat der Prophet Mohammed das so festgelegt. Demnach beginnt der Zeitraum, in dem man das Nachmittagsgebet verrichten soll, wenn ein Schatten genauso lang ist wie das Objekt, das ihn wirft. Und der Zeitraum endet, wenn der Schatten doppelt so lang ist.

Diese Definition bedurfte jedoch genauerer Bestimmungen. Damit kommt die Wissenschaft ins Spiel. Die Muslime mussten diverse Aspekte gänzlich neu erfinden. Zwar haben frühere Zivilisationen die islamischen Wissenschaften stark inspiriert, bei diesem Problem waren sie aber keine Hilfe. Niemand hatte bislang seine Gebetszeiten durch Schattenlängen bestimmt.

Schatten ist im Grunde ein astronomisches Phänomen. Der eingangs zitierte Koranvers wurde damit zu einem Türöffner für die Astronomie.

Die Muslime stellten zunächst fest, dass Mohammeds Regelung nur nahe Medina angewandt werden konnte. Der Breitengrad, auf dem die Stadt lieg, befindet sich kurz vor der Grenze des nördlichen Wendekreises bei ungefähr 24 Grad 28 Minuten.

Als die ersten Muslime in nördlichere Gegenden wie Damaskus kamen, fanden sie rasch heraus, dass dort der Schatten eines Gegenstands an manchen Tagen im Spätherbst und Frühwinter nie gleich lang war wie die Höhe eines Objekts. Die Sonne steht zu dieser Zeit nämlich zu tief und wirft folglich einen viel längeren Schatten. Menschen in Nordeuropa kennen das.

Was sollte ein Muslim also tun? Eines der Pflichtgebete aufgeben? Natürlich nicht. Die Lösung lag darin, die Überlieferungen des Propheten etwas zu modifizieren.

Die heute allgemein anerkannte Regelung besagt: Der früheste Zeitpunkt für das Nachmittagsgebet ergibt sich, wenn der Schatten so lang ist, wie der Schatten irgendeiner Person zur Mittagsstunde plus deren Größe.

Das bedeutete allerdings, man musste stets die Länge des Mittagsschattens bestimmen - auch an regnerischen und wolkigen Tagen. Die Grundlagenastronomie lehrte die frühen muslimischen Beobachter, dass der Mittagsschatten eine mathematische Funktion aus der Höhe der Sonne zur Mittagsstunde und dem Breitengrad der jeweiligen Ortschaft ist, wo die Schattenlänge gesucht wird.

Während der Breitengrad einer Ortschaft immer gleich blieb, veränderte sich die Höhe der Mittagssonne von Tag zu Tag. Sie musste also für jeden Tag neu berechnet werden.

So wurden schon früh mathematische Lösungen, einschließlich Gesetze der sphärischen Trigonometrie, und Beobachtungstechniken entwickelt, bloß um solche Werte zu bestimmen.

So fanden die Muslime unter anderem heraus, dass die Schiefe der Ekliptik circa 23,3 Grad beträgt. Dieser Wert gibt die Neigung der Erdachse an. Er wird noch heute allgemein benutzt und unterscheidet sich deutlich von dem Ergebnis, das die Alten Griechen und die Alten Inder überliefert hatten.

Viele solcher von Muslimen ermittelten Werte stellen bis heute Grundparameter der modernen Astronomie dar, viele ihrer entwickelten astronomischen Techniken sind bis heute elementar.

So wie es scheint, wurden all diese Erkenntnisgewinne durch einen ziemlich kurzen Vers im Koran angestoßen.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. George Saliba von der Columbia University in New York zu Sure 2 Vers 238. 

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Pink
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"Der König sagte: ‚Bringt mir Josef, damit ich ihn für mich persönlich ausersehen kann.‘ Als er ihn dann gesprochen hatte, sprach er: ‚Siehe, ab heute bist du bei uns hoch angesehen und vertrauenswürdig.‘ Josef sagte: ‚So setze mich an die Spitze der Vorratshäuser des Landes! Siehe, ich bin achtsam und wissend.‘"

Von Prof. Dr. Johanna Pink, Universität Freiburg

Die Verse entstammen der längsten erzählenden Passage des Korans, der zwölften Sure, die sich der Figur des Josef aus dem Alten Testament widmet und seinen Namen trägt.

Sie hat große Ähnlichkeit mit der biblischen Geschichte des Josef, aber identisch ist sie nicht. Manches führt sie aus, das im Alten Testament nicht enthalten ist, und anderes fehlt. Teile der Geschichte fasst die Sure lediglich knapp zusammen, offenbar in der Annahme, dass den Zuhörern die Erzählung bekannt ist.

So verhält es sich auch mit der Begegnung zwischen dem Pharao, der hier als König Ägyptens vorgestellt wird, und Josef. Am Ende wird Josef zum Regenten Ägyptens ernannt. Die Sure liefert keine Details, und das eröffnet den Zuhörern und Exegeten viel Spielraum für Ausschmückungen und Auslegungen.

So schreibt die Überlieferung Ibn ʿAbbās, einem Cousin des Propheten, eine ausführliche Schilderung des Ereignisses zu. Demnach legt der Pharao Josef nach biblischem Vorbild eine Goldkette um den Hals und bekleidet ihn mit einem Ehrengewand.

Der Wagen, den Josef im Alten Testament besteigt, wird bei Ibn ʿAbbās durch ein gesatteltes Pferd ersetzt. Das kam wohl der Vorstellungswelt seiner Zuhörer auf der arabischen Halbinsel eher entgegen, ebenso wie der arabische Name, mit dem viele Überlieferungen den ägyptischen König versehen.

Fundamentalistische Exegeten weisen solche im Koran nicht genannten Details als überflüssige Spekulationen zurück. Sie lehnen sie auch wegen ihres jüdischen oder christlichen Ursprungs als unzuverlässig ab.

Dafür diskutieren sie eingehend die Frage, wie ein Prophet – denn als solchen stufen die Muslime Josef ein – sich eigentlich darauf einlassen könne, für einen heidnischen Herrn zu arbeiten, ja, ihm dies sogar anzubieten. Das scheint aus ihrer Sicht nur dadurch erklärlich, dass Josef das Amt als Chance gesehen habe, den wahren Glauben zu verbreiten oder zumindest Gerechtigkeit walten zu lassen und den Armen zu helfen.

Warum aber machte der Pharao Josef dieses Angebot überhaupt? Die Geschichte lässt sich so lesen, wie es die Bibel andeutet, nämlich dass der Herrscher die enge Beziehung Josefs zu Gott erkannt hat und ihm deswegen eine so hohe Stellung verleiht.

Sie lässt sich aber auch so verstehen, dass es Josefs Tugenden, sein Wissen, seine Vertrauenswürdigkeit und seine Güte sind, die die denkbar höchste Belohnung erhalten – schließlich weist Josef selber darauf hin, achtsam und wissend zu sein.

Es wären also keine prophetischen, sondern menschliche Eigenschaften, die Josef zu seinem Amt verhelfen. Solche Eigenschaften aber sind grundsätzlich für alle Menschen erreichbar, und damit kann die Geschichte auch erzieherisch genutzt werden.

Zum Beispiel betont der Korankommentar des indonesischen Religionsministeriums Josefs Loyalität zum Herrscher, die von diesem belohnt werde; die Figur des Josef wird damit als Rollenvorbild für einen treuen Staatsdiener interpretiert.

Überhaupt nutzen moderne Korankommentatoren die Verse gern, um den Wert des Dienstes an der Nation zu unterstreichen: Wer dessen fähig sei, der dürfe nicht nur, sondern der müsse sogar seine Dienste von sich aus anbieten, so wie es Josef getan habe.

Er hätte ja auch einfach Geld oder andere persönliche Vorteile fordern können; stattdessen habe sich Josef aber zur Verfügung gestellt, um die Hungernden mit Nahrung zu versorgen. Daran, so sind sich die meisten heutigen Exegeten einig, sollten sich die Muslime ein Beispiel nehmen.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Johanna Pink von der Universität Freiburg zu Sure 12 Vers 54-55.

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Saleh bearb
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"Es mag wohl sein, dass diejenigen, die ungläubig sind, es dereinst gern hätten, wenn sie in ihrem Erdenleben Muslime gewesen wären."

Von Prof. Dr. Walid Saleh, Universität Toronto, Kanada

Der Anfang von Sure 15 klingt zunächst nach einem vertrauten Koranthema: Aufmüpfige und Ungläubige werden irgendwann einen Tag erleben, an dem sie ihre Unnachgiebigkeit und ihre Weigerung, an Gott zu glauben, bedauern werden. An jenem Tag werden sie sich wünschen, doch gläubig gewesen zu sein und ein rechtschaffenes Leben geführt zu haben.

Die Syntax und die Formulierungen im Arabischen aber kommen bei dieser Übersetzung nicht zum Tragen. Wörtlich besagt der Vers nämlich: "Die Ungläubigen könnten sich manchmal (oder selten) wünschen, Muslime gewesen zu sein."

Die gängige Übersetzung richtet sich nach dem Tafsîr - also der Interpretationstradition im Islam. Danach besagt der Vers eben, dass alle Ungläubigen eines Tages, wenn sie von den Toten auferstehen, ihren Unglauben bedauern werden. Und so übersetzt auch Rudi Paret, der große deutsche Koranwissenschaftler, den Vers wie eingangs zitiert.

al-Tabarî ist einer der frühesten Korankommentatoren. Er hat den Grundstein für die traditionelle Interpretation gelegt und den Zusammenhang mit der Situation der Menschen im Jenseits hergestellt. al-Tabarî schreibt, nach der Auferstehung erfolge Gottes Urteil. Die Geretteten kämen ins Paradies, die Verdammten in die Hölle. Auch Muslime, die schwere Sünden begangen hätten, würden so wie die Ungläubigen in die Hölle geschickt.

In der Hölle, so al-Tabarî weiter, begannen die Ungläubigen alsbald, die verurteilten Gläubigen zu verspotten. Dies habe Gott missfallen. Durch seine Gnade zum Handeln bewegt, erlöste er die sündigen Muslime und errettete sie. Sodann hätten die Ungläubigen ihren Wunsch geäußert.

Wie lässt sich nun aber die grammatikalische Konstruktion des Satzes, wonach die Ungläubigen sich nur manchmal wünschen, Gläubige gewesen zu sein, mit der traditionellen Auslegung in Einklang bringen, wonach sie alle einmal zu diesem Wunsch kommen? Waren die klassischen Gelehrten unfähig, sich mit dem Vers kritisch auseinanderzusetzen?

Es gibt einen Korankommentator, der zur gleichen Zeit wie al-Tabarî gelebt hat. Sein Name ist al-Mâturîdî. Er erkannte das Problem und wandte sich mit rationalen Argumente gegen die Auslegung. Es sei sehr weit hergeholt, argumentierte al-Mâturîdî, dass sich die Ungläubigen nach der Vergebung der sündigen Muslimen nur manchmal danach gesehnt hätten, Monotheisten und Muslime gewesen zu sein. Man würde doch erwarten, dass sich jede vernünftige Person in diesem Moment wünsche, anders gehandelt zu haben.

al-Mâturîdî führte aus, es gehe also in dem Vers vermutlich gar nicht ums Jenseits, sondern um den Zustand der Menschen im Diesseits: Darum, wie ein Nicht-Gläubiger sich möglicherweise manchmal flüchtig mit dem Gedanken des Glaubens und des Monotheismus trage, nur um dann wieder in den Bequemlichkeitszustand dessen zurückzukehren, an das er eh schon glaube. So verharrten viele Menschen aus Angst, die Annehmlichkeiten des Lebens zu verlieren oder etwas Begehrenswertes zu versäumen, in ihrer Weigerung zu konvertieren.

Wie al-Mâturîdî weiter ausführt, bezieht sich der Vers konkret auf den Zustand jener Menschen in Mohammeds Umfeld, die sich der neuen muslimischen Gemeinde nicht anschließen wollten. Somit wird hier also die Schwierigkeit thematisiert, die eigenen Angewohnheiten und Vorstellungen zu ändern. Der Vers ist eine schlichte Erinnerung daran, dass Glaube beschwerlich ist und einen gewissen Mut erfordert. Einen Mut, den offenbar nur eine Minderheit aufbrachte - zumindest zu Lebzeiten des Propheten Mohammed.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Walid Saleh von der Universität Toronto zu Sure 15 Vers 2. 

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Hallaq
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"Keiner, dem Gott das Buch, die weise Urteilskraft und das Prophetentum gegeben hat, wird zu den anderen Menschen sagen: 'Betet mich anstelle von Gott an!' Er wird eher sagen: 'Seid Gottesanhänger [rabbâniyyûn] aufgrund des Buches, um das ihr wisst, und des Studiums, das ihr betrieben habt!'"

Von Prof. Dr. Wael B. Hallaq, Columbia University, New York, USA

Das ist einer der wichtigsten Verse des Korans. Er läuft auf ein Grundprinzip des islamischen Staatsrechts hinaus. Im Kern geht es um die böse Natur der Menschen, die nach Launen regieren oder nach Launen über andere herrschen.

Gott fordert in dem Vers, sobald einer Gemeinschaft ein göttlicher Wille offenbart wurde, muss diese auf menschliches Handeln - inklusive politisches Handeln - als gesetzgebende Macht verzichten. Das "Gesetz" und seine Durchsetzung, egal ob weltlich oder nicht, ist allein Gottes Angelegenheit.

Der eingangs zitierte Vers verknüpft menschliches Wissen und Handeln mit rechtsstaatlichen Strukturen. Der Mensch selbst ist eine unzulässige Mittelsperson für Gottes Willen. Er soll durch eine geistige Leitung ersetzt werden, die für die irdische Welt eine Regierung der Gerechtigkeit herstellt.

Statt einzelnen Menschen das Recht beizumessen, dass viele andere ihnen gehorchen sollen, verlangt der Koran hier die Übernahme des Prinzips der sogenannten rabbâniyya.

Ein Vertreter dieses Prinzips heißt im Arabischen rabbânî, mehrere heißen rabbâniyyûn. Der Begriff "rabbâniyyûn", im Vers mit "Gottesanhänger" übersetzt, ist in seiner Bedeutung ziemlich nah an der hebräischen Entsprechung: Rabbiner. Nach weitgehendem Konsens der Gelehrten - inklusive der frühesten Koran-Interpretatoren - wird der Begriff so verstanden, dass damit die "ulamâ’ oder "fuqahâ’" gemeint sind.

"Ulamâ’ oder "fuqahâ’" bilden eine Gruppe fachkundiger Menschen, die Kenntnis von den göttlichen Rechtsurteilen (hukm) und den religiösen Schriften haben. Diese Kenntnisse erlauben es ihnen, die Allgemeinheit zu unterrichten. Als Lehrer, sprich als Wegweiser bilden sie eine Führungsschicht (wulât al-amr) in der Gemeinschaft aller Muslime. Mit Blick auf die Erkenntnistheorie und die Politik verfügen sie über die höchste Stellung.

Ihr Wissen ist nicht auf das begrenzt, was man normalerweise mit dem Wort "Kenntnis" meint. Ihr Wissen ist ein Spiegelbild der göttlichen Rechtsurteile. Damit haben sie die Fähigkeit, die Belange der Öffentlichkeit zu handhaben und die weltlichen sowie religiösen Angelegenheit der Menschen zu überwachen.

Der große Koran-Interpretator al-Tabarî fasst die Vorstellung stellvertretend für die Mehrheit der Korankommentatoren mit seiner Definition von "rabbâniyyûn" zusammen. Sie lautet: "Die ‚rabbâniyyûn‘ sind die Stütze der Menschen in Angelegenheiten des göttlichen Rechts (fiqh) und des göttlichen Wissens (‘ilm) sowie bei religiösen und weltlichen Fragen. Ein rabbânî ist jemand, der das religiöse Wissen und das religiöse Recht anreichert mit feinem Gespür für Verwaltung und Ordnung. Zudem beaufsichtigt er die Angelegenheiten der Untertanen, indem er sich darum kümmert, was in Bezug auf religiöse und weltliche Dinge in ihrem Interesse liegt."

"Kenntnis" ist in diesem Kontext nicht allein theoretisch, sondern auch praktisch zu verstehen. Die Krönung des weitreichenden Bedeutungsspektrums von Sure 3 Vers 79 ist Folgendes: Die Aufforderung, rabbâniyyûn zu sein, gründet unmittelbar auf Lernen und Unterrichten (dars).

Das Studium, also die Kenntnis des Korans ermöglicht das Unterrichten. Und erst die erworbenen Kenntnisse und die Kompetenz, diese zu lehren, schaffen die nötigen und hinreichenden Bedingungen dafür, Menschen zu guten, tief moralischen Handlungen anzuleiten.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Wael B. Hallaq von der Columbia University in den USA zu Sure 3 Vers 79. 

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Farid 2
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"O ihr, die ihr glaubt! Steht als Zeugen für Gott ein für die Gerechtigkeit, auch wenn es gegen euch selber ist oder die Eltern und Verwandten! Ob es ein Reicher oder ein Armer ist - Gott ist beiden näher."

Prof. Dr. Farid Esack, Universität Johannesburg, Südafrika

Dieser Vers, von dem ein Teil am Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York eingraviert ist, ist wahrscheinlich mein Lieblingsvers im Koran und spiegelt zugleich wider, was für ein schwieriger Gläubiger ich selbst bin.

Pflanzen und Tiere haben verschiedene Mechanismen entwickelt, um sich gegen Fressfeinde zu verteidigen: Dornen, abscheuliche Gerüche. Für die meisten Geschöpfe ist Selbstverteidigung eine natürliche Angelegenheit. Menschen bilden da keine Ausnahme.

Aber sich zu erheben, um sich selbst, seinen Stamm oder seine Familie zu verteidigen, ist weder besonders lobenswert noch ein Beweis dafür, dass wir auf die Würde der Menschheit eingeschworen sind. Dass wir moralische Wesen sind, können wir nur aufrichtig unter Beweis stellen, wenn wir uns - sollten sie sich ungerecht verhalten - gegen die eigene Familie, den eigenen Klan, die eigene Nation oder die eigene Religionsgemeinschaft erheben - und sogar "wenn es gegen euch selber ist", wie der Vers betont. Es reicht nicht, zu sagen: "Nie wieder!" Und damit ist dann nur gemeint: "Es soll nie wieder uns treffen, wenn es aber andere trifft, na, dann ist es eben so."

Ich sehne mich nach dem Mut, die Wahrheit darüber zu sagen, was Muslime Christen und jenen Gruppen antun, die wir in meinem zweiten Heimatland Pakistan willkürlich als Nichtmuslime definieren. Ich sehne mich nach dem Mut, die Wahrheit über die Mitschuld der Muslime an den Verbrechen gegen die Palästinenser zu sagen und über die muslimische Judenfeindlichkeit. Dieser Vers fordert mich heraus, das zu tun, auch wenn ich dafür womöglich materiellen Schaden hinnehmen müsste oder meine weiteren Karriereaussichten deshalb getrübt würden.

Doch natürlich geht es hier nicht um mich und meine Religionsgemeinschaft - es geht um Gerechtigkeit. Ich mag die Kraft des Aufbegehrens in diesem Vers, seinen Aufruf zum Handeln. Er nährt meine Ruhelosigkeit und mein Verlangen danach, ein Ende der Ungerechtigkeit zu erleben, und danach zu forschen, wie ich selbst an dieser Ungerechtigkeit beteiligt sein könnte.

Als muslimischer Mann kann ich in der Öffentlichkeit am helllichten Tag Opfer von Islamfeindlichkeit sein, und in der Nacht können meine Frau und meine Schwestern zuhause Opfer meiner Frauenfeindlichkeit und meines Patriarchats sein. Als Mensch mit dunklerer Hautfarbe bin ich vielleicht Opfer von weißem Rassismus und gleichzeitig Rassist bei Menschen mit noch dunklerer Hautfarbe.

Dieser Vers verlangt, dass ich in meiner Selbstreflexion unnachgiebig bin. Er drängt mich dazu, mich daran zu erinnern, dass Gott über mich wacht - und all meine Doppelzüngigkeit und meine Spielchen kennt.

Allerdings enthält der Vers auch eine seltsame Wendung, die mir Unbehagen bereitet: "Ob es ein Reicher oder ein Armer ist - Gott is beiden näher." So heißt es im zitierten Vers. Ich kann nicht verstehen, warum Gott Beschützer der Reichen sein will. Sie haben Macht, Systeme und Mittel, um sich selbst zu beschützen. Wieso sollten sie darüber hinaus Schutz brauchen? Ist Gott nicht derjenige, der es vorzieht, die Unterdrückten und an den Rand Gedrängten ausfindig zu machen und zu begünstigen? So wie es in Sure 28 Vers 5 heißt: "Wir entschieden, den Menschen, die im Lande unterdrückt waren, Unsere Huld zu erweisen."

Warum also würde Gott jetzt Vermittler zwischen Reichen und Armen sein wollen?

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Farid Esack von der Universität Johannesburg in Südafrika zu Sure 4 Vers 135. 

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"Nein, es ist der ruhmreiche Koran auf einer wohl verwahrten Tafel."

Von Dr. Devin Stewart, Emory University, Atlanta, Georgia

Wenn der Koran der heilige Text ist, den die Muslime gewohnheitsmäßig lesen, warum weisen diese Verse dann auf eine geheimnisvolle "wohl verwahrte Tafel" hin?

Ein Gläubiger kann heutzutage eine Abschrift des Korans - auf Arabisch heißt sie "mus’haf" - in die Hand nehmen, und seinen Text zwischen zwei Buchdeckeln untersuchen. Dabei vergisst man leicht, dass das damals, als der Prophet die Offenbarungen der ursprünglichen Zuhörerschaft in Mekka und Medina überbrachte, unmöglich war. Der Koran selbst stellt klar, dass er während der Prophetenschaft Mohammeds nicht in Buchform aufgezeichnet wurde. Mohammeds Gegner kritisieren ihn in Sure 25 Vers 32 dafür, dass er die Offenbarung nicht als komplettes Buch überbringt.

Man muss sich folglich vergegenwärtigen, was dann damit gemeint ist, wenn der Koran von sich selbst als "Buch" oder "Schrift" spricht.

Das Buch, von dem hier die Rede ist, ist ein Text, den man sich in überirdischen Sphären vorstellte. Er konnte sich nur manifestieren, indem Zitate daraus durch den Prozess einer Offenbarung an die irdische Sphäre übermittelt wurden. Sure 56 Vers 78 bekräftigt diese Vorstellung. Sie besagt, der Koran sei in einem "verborgenen Buch" verzeichnet, den alltäglichen Blicken der Menschen entzogen.    

Dieses Verständnis hilft, verschiedene rätselhafte Eigenschaften des Korantexts zu erklären. Die zweite Sure mit Namen "Die Kuh" beginnt mit der Aussage: "‘Alif, Lâm, Mîm. Jenes ist das Buch, an dem nicht zu zweifeln ist."

Im Gegensatz dazu heißt es in fast jeder Übersetzung des Korans: "Dieses ist das Buch…" Der Originaltext benutzt aber eindeutig das Demonstrativpronomen der Ferne, also: "Jenes ist das Buch..." - auf Arabisch: "dhâlika". Er benutzt nicht das Demonstrativpronomen der Nähe: "dieses". Denn das heißt auf Arabisch "hâdha".

Die Übersetzung ist also technisch falsch. Der entscheidende Punkt ist aber, dass ein wichtiges Konzept verschleiert wird. Die Formulierung "jene/jenes" zeigt nämlich an, dass die besagte Schrift nicht unmittelbar präsent, sondern eben ein himmlisches Buch ist, zu dem der Prophet durch göttliche Inspiration Zugang hat.

Berücksichtigt man diese Überlegungen, legen die arabischen Buchstaben "‘alif, lâm, mîm" zu Anfang der Sure die Vermutung nahe, dass sie die göttlichen Aufzeichnungen repräsentieren, die auf der himmlischen Tafel eingraviert sind. Diese "geheimnisvollen" Buchstaben stehen am Anfang von 29 der insgesamt 114 Suren.

Korankommentatoren und Theologen spekulierten auch über die speziellen Eigenschaften der wohlverwahrten Tafel. Sie beschrieben sie als Tafel, die aus weißen Perlen besteht und sich rechts neben Gottes himmlischem Thron befindet. Diese Assoziation wird durch die Erwähnung des Throns einige Verse zuvor in Sure 85 Vers 15 angedeutet.

Die wohlverwahrte Tafel kann auch mit zwei weiteren koranischen Ausdrücken in Verbindung gebracht werden. Diese sind: "das verborgene Buch" und "die Mutter des Buchs". In Sure 56 Verse 77 bis 78 heißt es: "Das ist wahrlich ein edler Koran in einem verborgenen Buch." Diese Aussage kommt der aus dem hier besprochenen Vers sehr nah. Die beiden Ausdrücke "verborgenes Buch" und "wohl verwahrte Tafel" sind synonym.

Der Ausdruck "Mutter des Buchs" taucht in drei Koranversen auf (3:7, 13:39, 43:4), die jeweils betonen, dass sich diese "Mutter des Buchs" in Gottes Besitz befindet. Nach Ansicht vieler Kommentatoren handelt es sich dabei nicht nur um die Quelle für den Koran, sondern auch für alle anderen Heiligen Schriften.

Die Ausdrücke "wohl verwahrte Tafel", "verborgenes Buch" und "Mutter des Buchs" sind in jedem Fall miteinander verwandt. Zudem dürften sie sich auf ein und dasselbe himmlische Buch beziehen, dass sich in übersinnlichen Gefilden befindet und die Botschaft des Korans enthält.



Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Sendezeitgründen leicht gekürzte Version.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Devin Stewart von der Emory University in Atlanta, USA, zu Sure 85 Verse 21-22.

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Kane %282%29
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"O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr euch untereinander verschuldet für eine festgelegte Frist, dann schreibt es auf! Ein Schreiber schreibe es in eurem Beisein auf, wie es recht ist! Und kein Schreiber darf sich weigern zu schreiben, so wie ihn Gott gelehrt hat. Er soll schreiben, und der Schuldner soll diktieren und dabei Gott fürchten, seinen Herrn: Er soll nichts von ihr abziehen! Wenn der Schuldner schwachsinnig oder minderjährig ist oder nicht selbst diktieren kann, dann soll sein Beistand diktieren, wie es recht ist. Nehmt zwei eurer Männer euch zu Zeugen! Wenn zwei Männer nicht vorhanden sind, dann einen Mann und zwei Frauen, von solchen, die euch als Zeugen tauglich dünken: Irrt eine von den beiden, dass sie die andere erinnern kann. Die Zeugen dürfen sich nicht weigern, wenn sie gerufen werden. Lasst es euch nicht verdrießen, es aufzuschreiben, ob Kleines oder Großes, bis zur Frist dafür! Vor Gott entspricht das dem Recht eher und ist geeigneter für die Bezeugung und naheliegender, damit ihr keine Zweifel hegt. Doch wenn es sich um Ware handelt, mit der ihr gerade unter euch ein Geschäft abwickelt, dann sündigt ihr nicht, wenn ihr sie nicht aufschreibt. Doch nehmt Zeugen, wenn ihr miteinander Handel treibt! Und kein Schreiber oder Zeuge soll zu Schaden kommen. Wenn ihr es dennoch tut, dann ist das eine Schandtat von euch. Fürchtet Gott! Gott wird euch lehren! Gott weiß um alle Dinge."

Von Prof. Dr. Ousmane Oumar Kane, Harvard University, Cambridge, Massachusetts

Es handelt sich bei diesem Vers um den längsten im gesamten Koran.

Viele Koranverse wurden offenbart, um der muslimischen Gemeinschaft im Hinblick auf spezifische Themen und Herausforderungen eine Rechtleitung zu geben. Der gesamte Vers 282 aus Sure 2 wurde im Zusammenhang mit Terminkäufen in der Landwirtschaft offenbart.

Zu Lebzeiten des Propheten Mohammed waren solche Handelsgeschäfte üblich. Bei einem Terminkauf erhielt der Verkäufer Geld für Waren, die erst ein oder mehrere Jahre später ausgeliefert wurden. Solche Terminkäufe waren sinnvoll bei landwirtschaftlichen Gütern, wenn der Verkäufer Geldmittel für Saatgut und für die Aufwendungen während der Kultivierung benötigte.

Zweimal drängt der Vers die Gläubigen dazu, Gott zu fürchten. Am Ende stellt er fest, dass Gott jene, die ihn fürchten, Wissen lehrt. Diese Verbindung von Gottesfurcht und Wissen ist von zentraler Bedeutung für die islamische Erkenntnistheorie.

Das wirft die Frage auf: Was ist Gottesfurcht - arabisch: taqwâ? Muslimische Theologen stimmen darin überein, dass sich Gottesfurcht beziehungsweise Frömmigkeit an religiöse Pflichten und an das Unterlassen von Übertretungen anschließt. Ein frommer Muslim ist also einer, der Gott so sehr fürchtet, dass er alle Pflichten erfüllt und alle Übertretungen unterlässt. Sure 49 Vers 13 hält hierzu fest, der frömmste Gläubige habe den höchsten Status vor Gott.

Das führt uns zur Besprechung der verschiedenen Glaubensstufen im Islam. Muslime sind sich einig, dass es drei Stufen des Glaubens gibt, die sie erreichen können.

Die erste ist die Unterwerfung – arabisch: "islâm". Man akzeptiert, dass es keinen Gott außer Gott gibt und Mohammed sein Prophet ist, dass man fünfmal am Tag betet, im Monat Ramadan fastet, jedes Jahr den islamischen Zehnt entrichtet und wenn möglich mindestens einmal im Leben die Pilgerfahrt nach Mekka macht.

Die zweite Stufe ist der Glaube – arabisch: "imân". Man glaubt an Gott, seine Engel, seine Bücher, seine Propheten, den Tag des Jüngsten Gerichts und an Gottes gerechte Bestimmung aller Dinge.

Die dritte und höchste Stufe des Glaubens im Islam heißt auf Arabisch "ihsân". Das bedeutet, der Gläubige verehrt Gott so, als würde er ihn immer sehen. Denn selbst wenn er ihn nicht sieht, Gott sieht ihn. Erreicht ein Muslim die Stufe des "ihsân", wird er Gott sehr nahe kommen. Eine solche Nähe ermöglicht es ihm dann, unmittelbar von Gott Wissen zu erlangen.


Es handelt sich hierbei um eine aus sendetechnischen Gründen leicht veränderte Version.

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Vertonung der Erläuterungen zu Sure 2 Vers 282 von Prof. Dr. Ousmane Oumar Kane von der Harvard University in den USA: 

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Hoyland
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"Besiegt sind die Byzantiner im nächstgelegenen Land. Doch siegen werden sie nach ihrer Niederlage in ein paar Jahren. Bei Gott liegt die Entscheidung - vorher und nachher. Freuen werden sich die Gläubigen an diesem Tag".

Von Prof. Dr. Robert G. Hoyland, New York University, USA

Erzählungen über die Taten früherer Propheten und die Zerstörung antiker Zivilisationen tauchen im Koran häufig auf. Aber diese Verse sind die einzige Anspielung im Koran auf ein damals zeitgenössisches Ereignis, das sich außerhalb der Heimatregion des Propheten Mohammed zugetragen hat.

Ferner haben wir hier die einzige Erwähnung eines damals zeitgenössischen Volks vorliegen. Es geht um die "Römer" beziehungsweise die "Byzantiner", wie wir heute jene Menschen nennen, die durch christliche Kaiser von Konstantinopel aus regiert wurden; sie selbst nannten sich übrigens weiterhin Römer.

Dass nur so wenig Geschichtliches erwähnt wird, ist nicht allzu überraschend. Das Interesse des Korans an der Historie beschränkt sich auf die Heilsgeschichte. Das heißt, auf die Entsendung der Propheten und die Strafen der Vergangenheit, auf Mohammeds Mission in der Gegenwart und auf den Tag des Jüngsten Gerichts in der Zukunft. Warum also dieses Interesse an den Byzantinern?

Die Standardsichtweise, die bis heute währt, ist diese: Die Verse weisen auf Gottes Macht hin. Die zeigt sich durch Mohammeds Handeln, denn Mohammed sagt etwas voraus, das dann auch eintritt.

Aus dieser Sicht heraus erfolgte die Offenbarung kurz nachdem die Byzantiner 614 von den Persern in Palästina besiegt worden waren. Der zweite Teil der Offenbarung bezieht sich demnach auf den Sieg von Byzantiner-Kaiser Herakleios über die Perser gegen Ende des Jahres 627 im Nordirak.

Die Koranverse an sich sind freilich zu vage, um zu klären, welche Geschehnisse genau gemeint sind. Für die Details muss man sich daher an die späteren Korankommentatoren halten.

Diese vertraten allerdings keine einheitliche Interpretation. Manche nutzten den Umstand, dass aktive und passive Formen eines Verbs im Arabischen nur durch die Veränderung kurzer Vokale unterschieden werden.

Kurzvokale schreibt man im Arabischen nicht. Es gibt nur Buchstaben für Langvokale. Besagte Exegeten veränderten also die Kurzvokale und lasen den Koranverse wie folgt: "Die Byzantiner waren im nächstgelegenen Land siegreich. Doch nachdem sie (andere) besiegt haben, werden sie (selbst) besiegt werden."

Der Kommentator al-Tabarî zum Beispiel beruft sich bei dieser Lesart auf die hohe Autorität des Sohns des zweiten Kalifens Abdallâh Ibn Umar.

Geschichtlich ließen sich diese Verse auf den Sieg der Byzantiner über die Muslime im Jahr 629 beziehen, gefolgt wiederum von den Siegen der Muslime über die Byzantiner 5 Jahre später im Jahr 634. Beide Schlachten trugen sich in Mu’ta im heutigen Jordanien zu.

Mohammeds Heimat dem Hedschas angrenzt. Der Nordirak, wo sich die Schlacht zwischen Byzantinern und Persern zutrug, ist dagegen weiter weg. Zudem erläutern viele Kommentatoren, dass mit dem arabischen Ausdruck für "ein paar Jahre" der konkrete Zeitraum von drei bis neun Jahren gemeint sei. Das würde den Abschnitt von 629 bis 634 abdecken, nicht aber die 13 Jahre zwischen Sieg und Niederlage der Perser gegen die Byzantiner.

Ferner dürfte man erwarten, dass Mohammeds Anhänger eher über einen eigenen Sieg frohlocken würden als über einen Sieg von anderen.

Trotzdem wurde aber die byzantinisch-persische Erklärung zur dominierenden Sichtweise. Vielleicht weil die Diskussion darüber zu einem Zeitpunkt stattfand, als sich die Einstellung zur damals in Persien verbreiteten Religion des Zoroastrismus verhärtet hatte beziehungsweise eine starke antipersische Stimmung herrschte. Womöglich klang es da einfach plausibler und befriedigender, wenn Mohammed vorhersagen würde, dass seine Gemeinschaft dereinst über einen Sieg der monotheistischen Byzantiner gegen die dualistischen Zoroastrier frohlocken werde.


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Sendezeitgründen leicht gekürzte Version.

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Vertonung der Erläuterungen zu Sure 30 Verse 2-4 von Prof. Dr. Robert G. Hoyland von der New York University. 

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„Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor [qawwâmûn], weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben.“

Von Dr. Asad Q. Ahmed, University of California, Berkeley, USA

Die Diskussion über die Stellung der Frau im Islam hat eine lange Geschichte. Zur Analyse wurden vormoderne, moderne und postmoderne Ansätze gewählt. Es wurden literarische, feministische und philologische Perspektiven eingenommen.

In dieser Sendung geht es nun um zwei miteinander verknüpfte Fragen, nämlich ob man Frauen als Männern gleichgestellt betrachten kann und ob Männer aus einer Position der Macht heraus Frauen führen können. Beide Fragen werden aus Sicht der vor -modernen und modernen Auslegungstraditionen thematisiert, die aus der islamischen Gemeinschaft selbst hervorgegangen sind.

Historisch betrachtet, konzentrierte man sich auf zwei Aspekte. Das war zunächst die Bedeutung des Begriffs „qawwâmûn“ - hier übersetzt mit „in Verantwortung“. Der Begriff kann sich darauf beziehen, dass eine Person gegenüber einer anderen vorgesetzt ist, dass eine Person über eine andere herrscht oder dass eine Person einer anderen überlegen ist. Je nach Begriffsverständnis versuchten die muslimischen Koranausleger also zuerst zu klären, ob der Vers eine gesellschaftlich determinierte Führungsrolle empfiehlt oder ob irgendwelche Vorrangstellungen der Männer gemeint sind.

Das zweite Interesse der klassischen Gelehrten bestand in der Klärung der Frage, warum ein solcher Status von Männern in der Heiligen Schrift überhaupt erwähnt wird. Sind Männer, wie der Vers besagt, „qawwâmûn“ aufgrund äußerer Faktoren oder aufgrund ihrer ureigenen Natur? Die traditionellen islamischen Gelehrten gelangten in keiner dieser Fragen zu einem Konsens.

Einige argumentierten, der Begriff „qawwâmûn“ beziehe sich auf eine von Natur aus angelegte Überlegenheit der Männer gegenüber den Frauen. Zum Beleg zogen sie die unmittelbar folgende Aussage in dem Vers heran: „Weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat“. Dieselben Gelehrten verwiesen auf ähnlich lautende Aussprüche des Propheten Mohammed, um ihre Sichtweise zu untermauern.

Andere Gelehrte meinten, der Begriff „qawwâmûn“ hebe im Grunde darauf ab, dass sich der Mann um die Angelegenheiten der Frau kümmere, weil er ihren Unterhalt aus seinem Vermögen bestreite. Sie fügten hinzu, dass der erste Teil der Aussage, nämlich dass Gott einigen den Vorzug vor anderen gegeben habe, dem zweiten Teil untergeordnet sei, nämlich der Tatsache, dass Männer ihr Vermögen für Frauen aufwendeten. Mit anderen Worten, weil in einer patriarchalischen Gesellschaft, Männer die Ausgaben für ihre Frauen übernehmen, hat Gott den Männern Vorrang gegeben und ihnen eine Weisungsbefugnis eingeräumt.

Ein Teil dieser Gelehrten betonte ferner, weil den Männern eine solche bevorzugte Rolle gegeben worden sei, verlange Gott von ihnen, dass sie sich auch wie Männer verhielten. Das heißt, sie müssten Frauen würdevoll, bescheiden und ehrwürdig behandeln. Sollten sie dazu nicht in der Lage sein, werde ihnen der bevorzugte Status in der Beziehung zu den Frauen entzogen.

Aus dieser Haltung heraus haben moderne Koranausleger sogar schon geschlossen, da eine Frau in den gegenwärtigen Wirtschaftssystemen bisweilen mehr verdiene als ihr Mann und damit de facto die Ernährerin der Familie sein könne, müsste die Weisungsbefugnis eigentlich ihr zufallen. Die Geschichte der Auslegung dieses Verses zeigt, wie breit gefächert die islamische Tradition bei der Interpretation des Korans ist. Aus den verschiedenen Analysen kann sogar - wie gehört - auf die Überlegenheit von Frauen geschlossen werden.

Allerdings wurde die Geschlechtergerechtigkeit in vielen Fällen weder von den Koranauslegern in vor-moderner noch in moderner Zeit überhaupt als ein Problem wahrgenommen.

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Vertonung der Erläuterung von Dr. Asad Ahmed von University of California, Berkeley, USA, zu Sure 4 Vers 34.

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Chabbi
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"Und weil sie sprachen: 'Wir haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes getötet!' - Aber sie haben ihn nicht getötet und haben ihn auch nicht gekreuzigt […] vielmehr hat Gott ihn zu sich erhoben."

Von Prof. Dr. Jacqueline Chabbi, Universität Paris 8, Saint-Denis

Dieser Koranauszug gehört zu einer Sequenz, die vier Verse früher beginnt. Der Korantext antwortet auf eine Bitte der sogenannten Schriftbesitzer. Das ist die Bezeichnung für Juden und/oder Christen beziehungsweise Nazarener, wie sie im Koran der medinensischen Periode genannt werden.

Die Bitte der Schriftbesitzer bestand darin, dass sie einen nicht näherbenannten Gesprächspartner aufforderten, ihnen als Zeichen der Bewährung eine neue himmlische Schrift (kitâb) zu bringen. Dass der Gesprächspartner nicht benannt wird, ist im Koran eine übliche Vorgehensweise. Gemeint ist der Überbringer der Offenbarung, also Mohammed.

Der Korantext reagiert auf die Bitte der Schriftbesitzer mit einer Anschuldigung. Er beschuldigt sie, den Urvertrag der Menschheit mit Gott (mîthâq), den Mose in ihrem Namen geschlossen hatte, wiederholt und in betrügerischer Weise gebrochen zu haben (naqd). Die angeblichen Verstöße - angefangen mit der Anbetung des "Goldenen Kalbs" - werden in den vorausgehenden Versen 153 bis 156 aufgezählt.

Das Volk Mose wird somit als ein Volk gebrandmarkt, das permanent die Zeichen Gottes leugnet (al-kufr bi-l-ayât). Die jüngste Leugnung bezieht sich auf ihre Behauptung, Jesus getötet zu haben - eine Darstellung, die der Koran zurückweist. Der Koran versichert, Jesus sei zu Gott emporgehoben worden.

Hintergrund dieser Verse könnte ein Dialog zwischen Mohammed im Exil in Medina und jenen Juden gewesen sein, die sich weigerten, seiner Offenbarung zu folgen. Mohammed stellte zwar seine Offenbarung in eine Reihe mit den früheren Offenbarungen, die der Koran biblischen Figuren wie Mose zuschreibt. Offensichtlich geschieht das aber ohne jede Verbindung zur jüdischen Realität der damaligen Zeit.

Man kann sich nämlich nur schwer vorstellen, dass sich die Juden von Medina in einem Austausch mit Mohammed die Kreuzigung Jesu selbst zugeschrieben hätten. Im Gegenteil. Man kann eher von einer Totalverweigerung eines solchen Dialogs ausgehen.

Das führte dann wohl dazu, dass der koranische Diskurs sozusagen zu einem Selbstgespräch wurde. Sowohl die Fragen als auch die Antworten in dieser Koranstelle werden formuliert, um den zeitgenössischen Juden ihre Verfehlungen vorzuhalten. Das Ganze scheint sich auf zwei Ebenen zu vollziehen: einmal auf der der Stammesgemeinschaft, die jeden unerlaubten Bruch des Zusammenhalts zu einem Verbrechen erklärt, und einmal auf der Ebene der koranischen Rhetorik selbst.

Jeder "Überbringer einer göttlichen Botschaft", arabisch: "rasûl", und jeder "Prophet", arabisch: "nabî", steht unter dem allumfassenden Schutz des göttlichen Verbündeten. Schließlich hat er ihnen ihren Status verliehen. Das macht es aus koranischer Sicht völlig undenkbar, ihre Tötung oder ihr Martyrium anzunehmen.

Aufgrund der eingangs zitierten Koranpassage wurde die Frage aufgeworfen, ob man eine Verbindung zu Spekulationen bestimmter frühchristlicher Strömungen ziehen könnte. Im zweiten Jahrhundert behaupteten Vertreter des Doketismus oder Gnostiker wie Basilides von Alexandria, Jesus sei bei der Kreuzigung durch Simon von Cyrene ersetzt worden, den die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas als denjenigen erwähnen, der für Jesus das Kreuz getragen habe. Es ist aber nicht zu erkennen, auf welchen Wegen diese Vorstellung mehrere Jahrhunderte später Eingang in den Koran gefunden haben könnte.

Dem Koran genügt mithin seine eigene Logik, um in einem imaginären Dialog Mohammeds mit den Juden von Medina zu dem Schluss zu kommen: Jesus ist nicht am Kreuz gestorben.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Jacqueline Chabbi von der Universität Paris 8 in Saint-Denis zu Sure 4 Verse 157-158.

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Tamer1
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"Wenn auf Erden aus [allen] Bäumen Schreibrohre würden und das Meer [Tinte] wäre, und [wenn es erschöpft ist], sieben weitere Meere ihm Nachschub brächten, so wären Gottes Worte [dennoch] unerschöpflich. Gott ist mächtig, weise."

Von Prof. Dr. Georges Tamer, Universität Erlangen-Nürnberg

Auf eindrucksvoll rhetorische Art bringt dieser Vers die theologische Lehre zum Ausdruck, dass Gottes Worte unendlich sind. Selbst wenn alle Bäume der Welt Stifte und die Meere Tinte wären, würden sie nicht ausreichen, um Gottes Worte schriftlich zu erfassen.

Die arabische Formulierung des Versanfangs lässt keinen Zweifel daran, dass die Gesamtheit der Bäume auf Erden gemeint ist; ebenfalls deutet die Zahl sieben symbolisch auf die unendliche Zahl der Meere hin.

Damit macht der Koran klar, dass nichts auf der Welt die Worte Gottes uneingeschränkt erfassen kann. Die Unendlichkeit Gottes wird so mit der Begrenztheit der Welt kontrastiert und auf diese Weise prägnant hervorgehoben.

Ähnlich lautet Vers 109 aus Sure 18: "Wenn das Meer Tinte wäre für die Worte meines Herrn, würde es noch vor ihnen zu Ende gehen, selbst wenn wir es an Masse verdoppeln würden."

Die exegetische Literatur berichtet, dass der Vers, den wir heute besprechen, infolge eines Gesprächs verkündet worden sei, das Mohammed mit jüdischen Gelehrten über den Umfang des in der Thora enthaltenen Wissens geführt habe. Mohammed solle dabei die Ansicht vertreten haben, dass das in der Thora enthaltene Wissen nur einen kleinen Teil des unendlichen Wissens Gottes ausmache. Der Vers des Korans ist demnach zur Bestätigung dieser Überzeugung verkündet worden.

Indem der Koran die von Menschen und Materie unfassbare Unendlichkeit der Worte Gottes lehrt, erschließt er dem heutigen Leser neue Horizonte hinsichtlich der Betrachtung der Offenbarungen Gottes. Diese kann keine heilige Schrift – auch nicht der Koran selbst – ausschöpfend erfassen. Dementsprechend enthalten die heiligen Schriften nicht die Fülle der Rede Gottes, sondern jeweils nur Teile davon.

Gottes Worte sind unendlich, unfassbar, wie er selbst. Zu Ende gedacht, wird mit diesem Vers eine neue Ebene des interreligiösen Dialogs erschlossen. Alle heiligen Schriften ähneln sich darin, dass sie nur Bruchteile der unendlichen Rede Gottes enthalten. Ein Monopol darauf, Gottes umfassendes Wort zu sein, wird vom Koran nicht nur in Bezug auf die Thora, sondern gleichermaßen auf sich selbst negiert. Dieser Gedanke findet sich zwar nicht in der islamisch-exegetischen Literatur. Aber er lässt sich vom Text ableiten und ist in der islamischen Mystik präsent.

Schließlich erinnert die hier erläuterte Koranstelle 31: 27 an den ähnlich strukturierten Vers 25 aus dem 21. Kapitel des Johannes Evangeliums: "Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; so sie aber sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären."

Für die Christen ist Jesus das leibgewordene Wort Gottes, von dem die Evangelien berichten. Allerdings wird für die Evangelien nicht der Anspruch erhoben, das Leben und Wirken Jesu restlos zu erfassen. Gott ist jenseits des menschlichen Auffassungsvermögens. Seine Offenbarungen können nach menschlichen Kriterien nur teilweise erfasst werden.

Tamer1
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Georges Tamer von der Uni Erlangen-Nürnberg zur Sure 31 Vers 27. 

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Hawting gr%c3%b6%c3%9fer
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"Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und überall im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, dass sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen wechselweise Hand und Fuß abgehauen wird, oder dass sie des Landes verwiesen werden."

Von Prof. em. Dr. Gerald Hawting, SOAS, Universität London

Dieser Vers wird oft als hirâba-Vers bezeichnet - hirâba ist ein arabisches Wort für Räuberunwesen beziehungsweise Brigantentum. Der Vers legt eine Reihe von möglichen Bestrafungen für diejenigen dar, die für schuldig befunden wurden, gegen Gott und seinen Gesandten Krieg zu führen und im Land auf Unheil bedacht zu sein.

Man muss den Vers zusammen mit dem nachfolgenden lesen. Der besagt, dass jeder von den Strafen ausgenommen ist, der bereut und seine unerlaubten Handlungen einstellt, bevor er gefangen genommen wird.

Koranvers 5:33 gibt nicht genau an, welche Sünden und Verbrechen gemeint sind. Der Vers scheint daher Herrschern und Regierungen die Möglichkeit zu bieten, die harte Bestrafung von allen möglichen Dissidenten und Gegnern zu rechtfertigen. In der Moderne haben diverse Unterstützer der Idee eines Islamischen Staates dieses breite Verständnis übernommen.

Dagegen tendierten traditionelle islamische Juristen dazu, den Rahmen dieses Verses zu begrenzen. In der Regel taten sie das, indem sie ihn so interpretierten, dass er sich hauptsächlich auf Straßenraub oder Wegelagerei beziehe.

Traditionelle Korankommentatoren stellten den Vers in den Kontext des vorhergehenden. Vers 32 berichtet davon, dass Gott als Folge des Mords von Kain an seinem Bruder Abel den Kindern Israels das Töten verboten habe. Ausnahmen wurden gemacht für Mord und für das Verbreiten von Unheil im Land. Koranvers 5:33 wird nun so verstanden, dass er die Bedeutung dessen für die Muslime klarstellt.

Alle Koranexegeten sind sich einig, dass der Vers in Medina offenbart wurde. Unterschiedliche Auffassungen hingegen gibt es über den Anlass für die Herabsendung. Manche meinten, der Vers sollte dem Propheten Mohammed mitteilen, wie er mit Juden und anderen Besitzern eines Heiligen Buchs zu verfahren habe, die ihre Vereinbarungen mit ihm gebrochen hätten. Andere Koranexegeten meinten, die Offenbarung habe mit Heiden zu tun gehabt, die Mohammed bekämpft hätten.

Am weitesten verbreitet ist derweil die Geschichte einiger arabischer Stammesangehöriger. Sie hatten den Islam für sich angenommen, doch das Leben in Medina gefiel ihnen nicht. So erteilte ihnen Mohammed die Erlaubnis, in die Wüste zu ziehen. Dort besaß er eine Kamelherde. Als die Araber diese erreichten, töteten sie den Viehhüter und nahmen die Tiere in Besitz.

Als die Männer gefangen genommen wurden, bestrafte sie der Prophet hart - härter als es die Strafen in Koranvers 5:33 vorsehen. Mohammed stach ihnen die Augen aus und setze sie zum Sterben der Sonne aus. Darauf hin wurde der Vers offenbart, um ihn über die korrekte Art der Bestrafung in solchen Fällen zu informieren.

Diese Darstellung warf aus Sicht der Kommentatoren mehrere Fragen auf: Bedeutete das, dass Gott seinen Propheten zurechtgewiesen hatte? Mohammed gilt als Vorbild, den Gott vor Sünden bewahrt habe.

Manche sahen in der Zurechtweisung kein Problem. Die meisten konnten sich das jedoch nicht vorstellen. Deshalb suchten nach nachvollziehbaren Erklärungen für das harte Vorgehen des Propheten gegen die Stammesangehörigen.

Ferner fragten sich die Korankommentatoren: Waren die arabischen Räuber Apostaten oder weiterhin Muslime? Einige Gelehrte meinten, das Töten des Viehhüters und der Diebstahl der Kamele kämen einer Lossagung vom Islam gleich. Andere argumentierten, die in Sure 5:33 erwähnten Strafen seien auf Apostaten nicht anwendbar. Das islamische Recht gehe anders mit ihnen um.

Es ergaben sich weitere Fragen zu diesem Koranvers: Müssen nur jene, die innerhalb einer Stadt morden oder töten bestraft werden, wie im Vers beschrieben, oder gilt das auch für Taten außerhalb einer Stadt? Wenn jemand gemäß dem Vers aus dem Land vertrieben werden soll, wie weit weg musste das sein? Galten die verschiedenen Strafen für bestimmte Umstände? Sollte also die Verbannung zum Beispiel auf Räuber angewendet werden, wenn niemanden getötet wurde?

Akademische Gelehrte gingen noch einmal anders an den Vers heran. Sie versuchten, ihn im Lichte der Erkenntnisse über die verschiedenen Strafformen zu betrachten, die zur Entstehungszeit des Islams im Nahen- und Mittleren Osten verbreitet waren.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Gerald Hawting von der Universität London zu Sure 5 Vers 33.

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Hochaufl%c3%b6send karimi
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"Und entschieden hat dein Herr: 'Ihr sollt Ihm dienen nur, und behandelt die Eltern gut! Wenn einer oder beide bei dir alt geworden, so sag nicht zu ihnen 'Oh!' und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen Worte, edle! Und senke für sie den Flügel der Demut in Barmherzigkeit und sag: 'Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich aufgezogen, als ich klein war!'."

Von Dr. Milad Karimi, Universität Münster

Diese Verse beginnen mit einer Entscheidung, einem Entschluss, den der Ewige nahelegt. Bemerkenswert wirken die Worte, die im gleichen Atemzug den Gottesdienst und den guten Umgang mit den Eltern ansprechen. Beides wird nicht voneinander getrennt. Seine Eltern nicht gut zu behandeln und zugleich einen guten Gottesdienst zu feiern, erscheint unmöglich. Was heißt aber: "Behandelt die Eltern gut!"? Dieser Imperativ wird hier näher erläutert, indem grundsätzlich die Haltung zu den Eltern umrissen wird.

Wenn die Eltern alt werden, verlieren sie im eigentlichen Sinne des Wortes ihr Elterndasein. Ihre Stärke entschwindet, ihre Beherrschung lässt nach; sie werden bedürftig und gebrechlich. All dies wird in diesem Vers mit dem Wort "alt" zusammengefasst. Das Alter hat einen vorzüglichen Wert, der im Koran besonders hervorgehoben wird. Die Eltern stehen für die Würde des Altwerdens. Ihre Schwäche wird zur Stärke. Sie mögen zuweilen lästig wirken, an Kleinigkeiten scheitern und nichts Gelingendes hervorbringen können, aber der Koran fährt mit dem Imperativ weiter: "so sag nicht zu ihnen "Oh!" und fahre sie nicht an"! Denn gerade dann, wenn die Eltern am schwächsten und bedürftigsten sind, "sprich zu ihnen Worte, edle!", ohne ihnen auch mit einem Seufzer zu begegnen.

Die Stimme des Korans schützt die Schwachen und Bedürftigen; der Blick ist nicht auf den Gewinn und auf die Produktivität gerichtet, sondern gewürdigt werden hier Menschen als Menschen – gerade in ihrer Eigenschaft als alte Menschen.

Die Güte und anmutige Haltung, die der Koran einem im Umgang mit den Eltern nahelegt, ist nicht direkt mit einem Lohnversprechen verbunden. Damit werden die Eltern nicht als Mittel zur eigenen Belohnung begriffen. Gut zu sein ist hier der Befehl Gottes - ohne dafür einen Lohn zu erwarten. Die zitternden Hände der Eltern mit Achtung zu halten ist selbst Belohnung. Bedürftigen Gutes zu tun, bereichert einen selbst unmittelbar. [Unzählige Überlieferungen dokumentieren, wie ernst und konsequent der Prophet Mohammad diese Worte in seinem Leben in die Tat umgesetzt hat.]

Mit einer der schönsten Wendungen, die dem Koran eigen sind, wird sodann das Verhältnis zu den Eltern präzise gefasst: "Und senke für sie den Flügel der Demut in Barmherzigkeit". Demut bestimmt also dieses Verhältnis. In einem Verhältnis, das aus dem Bewusstsein der Demut gewachsen ist, erwartet man nämlich keine Dankbarkeit. Der Koran beschreibt diese Beziehung zu den Eltern so:Weil sie auf Demut ruht, ist sie selbst ein Akt der Dankbarkeit. So lässt sich auch erklären, warum das Verhältnis zu Gott und das Verhältnis zu den Eltern am Anfang des Verses im gleichen Atemzug Erwähnung finden, basieren sie doch beide auf Dankbarkeit; obgleich das uneinholbar einzigartige Verhältnis des Menschen zu Gott keinen Vergleich duldet: "Ihr sollt Ihm dienen nur, und behandelt die Eltern gut!"

So dürfte nicht überraschen, dass die Verse in ein Gebet münden, das dem Menschen ans Herz gelegt wird: "Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich aufgezogen, als ich klein war!" Die Erinnerung an die eigene Bedürftigkeit und Schwäche, die einst im Schoße der Eltern Geborgenheit fanden, dienen hier als ein Gleichnis, in jeder Unzulänglichkeit zunächst die eigene Unzulänglichkeit zu erblicken.


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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Milad Karimi von der Uni Münster zu Sure 17 Verse 23-24.

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"Alle Lebewesen auf der Erde, die gehen oder sich mit Flügeln durch die Luft bewegen, sind Gemeinschaften wie ihr. Wir haben alles genau festgehalten im Buch. Vor ihrem Herrn sollen sie dann versammelt werden."

Von Assistant Professor Dr. Sarra Tlili, University of Florida, Gainesville, USA

Dieser Vers hat großen Einfluss auf die Stellung von nichtmenschlichen Tieren im Koran. Über die bemerkenswerte Gleichstellung mit Menschen hinaus unterstreicht er auf verschiedene Weise ihre Bedeutung.

Zum Beispiel wird die Aussage: "Wir haben alles genau festgehalten im Buch", oft dahingehend ausgelegt, dass Gott für andere Tiere dasselbe tun möchte, was er für Menschen tut - nämlich ihre Taten erschaffen und aufschreiben, ihr Leben organisieren und für sie sorgen.

Das arabische Substantiv "dâbba" – hier mit Lebewesen übersetzt - ist von dem Verb "dabba" abgeleitet, was "kriechen"/"sich bewegen" bedeutet. Die Ausleger des Korans stimmen darin überein, dass sich das Substantiv auf alle Kreaturen bezieht, die sich freiwillig fortbewegen.

Der Vers grenzt aber anscheinend "kriechende" von "fliegenden" Kreaturen ab. Deshalb klammern manche Koranausleger Vögel und andere fliegende Lebewesen aus der Kategorie "dâbba" aus.

Diese Haltung wurde jedoch angefochten und zwar unter der Annahme, dass "fliegende Kreaturen" in manchen Stadien sehr wohl "kriechen". Zudem wird an anderer Stelle im Koran (42:29) durchaus angezeigt, dass mit "dâbba" offenbar alle Tiere, inklusive Menschen, Engel und sonstigen metaphysischen Lebewesen gemeint sind.

Vermutlich geht es bei der vermeintlichen Unterscheidung einfach nur darum, die Aufmerksamkeit der ersten Hörer der koranischen Botschaft auf jene Kreaturen zu lenken, die sie tatsächlich umgeben. Wahrscheinlich erwähnt der Vers deshalb keine Meerestiere, weil die Araber über die Tierwelt sinnieren sollten, die sie in ihrem Alltag in der Wüstenregion um Mekka und Medina umgibt.

Die Analogie, die der Vers zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren zieht, hat interessante Kommentare hervorgerufen. Demnach besteht der Kern der Analogie darin, dass die Mitglieder einer jeden Spezies einander so verstehen, wie Menschen es untereinander tun.

Einer weiteren Meinung zufolge verstehen es andere Tiere gleichsam, ihr Leben zu organisieren, weil auch sie wissen, was sie machen und was sie bleiben lassen müssen.

Eine dritte Sichtweise behauptet, nichtmenschliche Tiere hätten ähnlich wie Menschen Kenntnis von diesseitigen und jenseitigen Dingen. Diese Koranausleger betonen auch, dass nichtmenschliche Tiere sich der Existenz und des Einsseins Gottes sowie seines exklusiven Rechts, angebetet zu werden, bewusst seien.

Man sieht, dieser Vers inspirierte diverse Kommentare, die nichtmenschlichen Tieren komplexe und positive Eigenschaften zuschreiben. Das weicht deutlich von den traditionellen Ansichten ab.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Versaussage, dass nichtmenschliche Tiere vor ihrem Herrn "versammelt" würden. Im Arabischen steht hier das Verb "ḥashara". Nach Auffassung vieler Koranausleger bezieht es sich auf die Versammlung am Tag des Jüngsten Gerichts (yawm al-ḥashr). Demzufolge werden also auch nichtmenschliche Tiere nach dem Tod auferweckt und für ihre Taten im Diesseits zur Verantwortung gezogen.

Der Vers spricht ferner von nichtmenschlichen Tiere als "Gemeinschaften" (arabisch: "umam"). An anderer Stelle des Korans in Vers 35:24 heißt es: "In jeder Gemeinschaft hat es einmal einen Warner gegeben."

Manche Koranausleger gelangten somit zu der Schlussfolgerung, dass zu jeder Tierart Warner - sprich: Propheten - gesandt worden seien.

Derartige Überzeugungen erlaubten es, nichtmenschliche Tiere als moralische und rechenschaftspflichtige Wesen zu sehen, mit reichen und vielschichtige Lebenserfahrungen und mit einem Reifegrad, der traditionellerweise auf die Menschheit beschränkt ist.

Obgleich sich der Vers nicht mit der Frage des Tierschutzes befasst, inspirierte er viele Ansichten hierzu. Aus der Erkenntnis, dass sich Gott auch aus nichtmenschlichen Kreaturen etwas macht, schlussfolgerten Koranausleger vor allem, dass Menschen sie gut behandeln sollten.



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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Sarra Tlili, University of Florida, Gainesville, USA, zu Sure 6 Vers 38.

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Kohlberg klein
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"Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen. [...] Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet."

Von Prof. em. Dr. Etan Kohlberg, Hebräische Universität Jerusalem

Der Koran verbietet in diesem Vers, Ungläubige anstelle von Gläubigen zu Freunden oder Alliierten zu erwählen. Dieselbe Botschaft findet sich in Sure 4 Vers 144.

Beide Verse unterscheidet jedoch der Zusatz im eingangs zitierten Vers, wonach es eine Ausnahme gibt. Wenn die Gläubigen Furcht vor Ungläubigen haben und sich gegen sie verteidigen müssen, ist das Verbot aufgehoben.

Der arabische Begriff für "Furcht", der in dieser Koranstelle benutzt wird, lautet "tuqāt". Einer anderen Lesart zufolge heißt er "taqiyya".

Das Wort "taqiyya" wurde früh zu einem theologischen Prinzip und erlangte die fachliche Bedeutung von "Vorsicht" oder "Verheimlichung". Demnach ist es Gläubigen bei Gefahr gestattet, ihren wahren Glauben zu verheimlichen. Manche sagen, sie dürften sich sogar verstellen und Unglaube vortäuschen. Die Grundlage für letztere Interpretation ist Vers 106 aus Sure 16. Er besagt:"Diejenigen, die nicht an Gott glauben, nachdem sie gläubig waren - außer wenn einer (äußerlich zum Unglauben) gezwungen wird [...] - [...] haben (dereinst) eine gewaltige Strafe zu erwarten."

Es heißt häufig, dieser Koranabschnitt sei in Verbindung mit ʿAmmâr ibn Yâsir offenbart worden. Er war einer der ersten Anhänger des Propheten Mohammed und wurde von den mekkanischen Ungläubigen solange gefoltert, bis er sich von seinem Glauben lossagte.

Als er Mohammed davon berichtete, ließ dieser laut Überlieferung ʿAmmârs Verhalten gelten und wies ihn an, künftig wieder so zu handeln, sollt er noch einmal in eine solche Situation geraten.

An anderer Stelle jedoch wird das Einwilligen in die Forderungen von Ungläubigen nur als Zugeständnis - arabisch: rukhṣa - anerkannt. Die Standhaftigkeit im Angesicht der Not wird dagegen als lobenswerteste Handlungsoption dargestellt. Ein solches Verhalten wird etwa ʿAmmârs Eltern zugeschrieben. Diese wurden umgebracht, weil sie es abgelehnt hatten, ihren Glauben preiszugeben.

Die Ausnahmeregelung in Sure 3 Vers 28 bezog sich vorrangig auf die ersten Jahre des Islams, als die kleine Gruppe von Mohammeds Anhängern, Ziel von Schikane und Verfolgung durch das ihnen feindlich gesinnte Umfeld gewesen ist.

Die Ausgangslage veränderte sich deutlich mit Mohammeds Siegen auf der arabischen Halbinsel und der raschen Expansion der Muslime nach seinem Tod. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gläubige Verfolgung erfahren mussten, ging stark zurück.

Innerhalb des sunnitischen Islams verlagerte sich die Frage nach einem angemessenen Verhalten in solchen Situationen somit weitgehend in den Bereich der theoretischen Rechtsdiskussionen.

Es gab allerdings Minderheitengruppen im Islam, für die Sure 3 Vers 28 ebenso wie Sure 16 Vers 106 eine unmittelbare Relevanz behielten. Das betraf insbesondere die Schiiten - die Anhänger des vierten Kalifen ʿAlî.

Sie fanden sich unter zunehmendem Druck der ur-sunnitischen Mehrheit wieder. Die Auseinandersetzung zwischen beiden Lagern gipfelte in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680, bei der mehrere Mitglieder von Mohammeds Familie starben. Im Anschluss an die Schlacht nahm ein Teil der Schiiten - die späteren sogenannten Zwölferschiiten - eine quietistische Grundhaltung zur Obrigkeit an. Sie hielten "taqiyya" als Hauptinstrument zum Schutz vor Gefahren aufrecht.

Mehrere Aspekte sind für die Auffassung von "taqiyya" unter den Zwölferschiiten charakteristisch. Erstens, "taqiyya" wurde zum Glaubensgrundsatz erhöht. Eine schiitische Tradition besagt: "Ein Gläubiger ohne ‚taqiyya' ist wie ein Körper ohne Kopf."

Zweitens,"taqiyya" ist nicht nur gegenüber Ungläubigen auszuüben, sondern auch gegenüber nicht-schiitischen Muslimen.

Drittens, sie wird ebenso benutzt, um das von den Imamen weitergegebene geheime Wissen - zum Beispiel über die wahre Bedeutung der Koranverse - vor Fremden zu verheimlichen.



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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Etan Kohlberg von der Hebräischen Universität Jerusalem zu Sure 3 Vers 28. 

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Zirker
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"Nicht gleichen einander die gute Tat und die schlechte. Wehre ab mit der besseren! Da ist der, mit dem du in Feindschaft lebst, wie ein inniger Freund und Beistand."

Von Prof. em. Dr. Hans Zirker, Universität Duisburg-Essen

Dieser Vers ist im Koran einzigartig, obwohl er mit einer Reihe vertrauter Momente einsetzt.

Da ist zunächst der entschiedene Gegensatz des Guten und des Schlechten. Zumeist wird er wie hier nicht weiter erläutert; im Grund sollte jeder selbst schon wissen, was auf die eine Seite gehört und was auf die andere.

Scharf wird die Grenze gezogen. Die im Koran mehrfach gebrauchte Formel "nicht gleichen einander ..." schließt Übergänge aus, bei Sehenden und Blinden, Lebenden und Toten, Finsternis und Licht. Nichts Vermittelndes mildert die Gegensätze.

Auch die Aufforderung, sich im Streit dadurch zu behaupten, dass man das Bessere tut – man könnte auch übersetzen "das Beste", "das möglichst Gute" –, finden wir im Koran andernorts.

Nur unser Vers aber bezieht sich dabei ausdrücklich auf wechselseitige Feindschaft, auf den Widersacher in bedrohlicher Lage. Und gerade dabei kommt es zu der überraschenden, ja bestürzend einfachen Wendung. Dem arabischen Wortlaut entsprechend könnte man auch übersetzen: "Und siehe da, dein Feind ist wie ein inniger Freund und Beistand."

Wie durch ein plötzliches Wunder ist die Situation in ihr äußerstes Gegenteil umgeschlagen.

Diesen Vers zu begreifen ist ebenso heikel, wie nach ihm zu handeln. Kann das realistisch sein? Ist es nicht eher leichtfertige Utopie? Ist hier der Koran, der doch so oft gewaltsame Maßnahmen fordert, noch mit sich selbst stimmig? Verweist der Satz vielleicht nur ins Private, lässt das Politische außer Acht?

Im folgenden Vers lesen wir, dass eine solche Überwindung von Feindschaft nur denen gelingen kann, "die standhaft sind", und "nur dem mit mächtigem Glück". Die Versöhnung soll nicht als Leistung begriffen werden, sondern als Gabe. Dennoch bleiben die gestellten Fragen. Gewiss ist unser Vers kein Beleg für eine schlechthin humane Grundhaltung des Koran. Wie die Sätze, die Gewalt rechtfertigen, hat auch diese Forderung ihre eigene Situation. Doch wir kennen sie nicht.

Nach allgemeiner Einschätzung stammt die Sure aus der späten mekkanischen Zeit; die großen politischen Zerwürfnisse und Aufgaben zeigen sich also schon am Horizont, aber stehen noch aus. Noch hat Mohammed nicht die Verantwortung für ein von Spannungen und Feindschaften betroffenes Gemeinwesen übernommen wie bald darauf in Medina.

Doch ist mit dieser Datierung dem verheißungsvoll versöhnlichen Aufruf keine Grenze gezogen; er ist nicht für die künftigen Verhältnisse erledigt. Die Sure wurde und wird ja weiterhin rezitiert; der Stachel ist gesetzt und bleibt über seinen ursprünglichen Anlass hinaus erhalten.

Auch wenn wir den Vers nicht eindeutig verstehen und in seiner Bedeutung festschreiben können, so trägt er doch gerade damit wesentlich zum Verständnis des Koran insgesamt bei. Deutlicher als sonst erkennen wir hier, dass auch das abgeschlossene Buch noch nicht fertig ist.

Es braucht diejenigen, die es hören und lesen, die sich von ihm berühren lassen, über es verhandeln, die ausmachen, wie sie seinem Anstoß folgen könnten, aber auch, womit es sie vielleicht überfordert.

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Vertonung der Erläuterung von Prof. em. Dr. Hans Zirker von Uni Duisburg-Essen zu Sure 41 Vers 34.

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Prof. dr. h%c3%bcseyin %c4%b0lker %c3%87%c4%b1nar
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"Auch vor dir entsandten wir nur (sterbliche) Männer, denen wir uns offenbarten. Fragt nur das Volk der Ermahnung, falls ihr es nicht wisst."

Von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar, Universität Osnabrück

Dass der Koran an vielen Stellen kein Buch ist, das sich durch einfache Lektüre erschließt, ist bekannt. Es gibt aber einige viel diskutierte Passagen, deren genaue Aussage nicht nur umstritten, sondern unklar ist. Oder anders gesagt: Mann kann nicht genau bestimmen, auf welches Ereignis sich ein bestimmter Vers tatsächlich bezieht.

Dieser Vers findet sich im gleichen Wortlaut und im gleichen Kontext zweimal im Koran. Einmal in der Sure al-Nahl (16: 43) und einmal in der Sure al-Anbiyâʾ (21: 7). Beide wurden in der mekkanischen Periode der Prophetie Mohammeds hinabgesandt.

Für die Auslegung und das richtige Verständnis dieser Passage ist der arabische Begriff "ahl al-dhikr" von entscheidender Bedeutung, welcher in der Regel als "das Volk der Ermahnung" oder als "die Leute der Ermahnung" übersetzt wird.

Daher ergeben sich folgende Fragen: Welches Volk ist mit dieser Bezeichnung konkret gemeint? Gibt es noch andere Auslegungsmöglichkeiten für diesen Begriff? Wenn ja, wie kann man diesen Vers unter Berücksichtigung der Koranwissenschaften anders verstehen und interpretieren?

Als Anlass für die Offenbarung dieses Verses wird in den Quellen der Koranexegese angeführt, dass die Polytheisten von Mekka Einspruch gegen die Prophetie Mohammeds erhoben hätten. Ein Prophet könne nicht aus den Reihen der Menschen kommen, Speisen essen und auf Märkten umhergehen, sondern müsse aus den Reihen der Engel stammen.

Als Antwort auf diesen Einwand der Mekkaner sei der genannte Vers offenbart worden, der den Polytheisten Unwissenheit in dieser Frage vorwirft. Denn Gott habe auch schon davor "sterbliche Männer" als Propheten gesandt. Die Polytheisten werden deshalb dazu aufgefordert, das "Volk der Ermahnung" zu befragen, um die Wahrheit bezüglich dieser Streitfrage zu erfahren.

Ausgehend von einer literarischen und kontextuellen Betrachtungsweise wird in den meisten Koranauslegungen erklärt, dass es sich bei diesem Volk um das "Volk des Buches", arabisch: "ahl al-kitâb", handele - also um Juden und Christen. Deren Propheten stammten ihren Büchern zufolge ebenfalls aus den Reihen der Menschen. Indem der Koran die Mekkaner auf die Erklärungen der Juden und Christen verweist, bezweckt er vermutlich, deren Einspruch und unhaltbaren Argumente gegen die Prophetie Mohammeds aus der Welt zu schaffen.

Unter Berufung auf Gelehrte wird in den Koranauslegungen aber auch berichtet, dass mit der Bezeichnung "Leute der Ermahnung" die "Leute des Korans" gemeint seien, sprich die gläubigen Gelehrten, die den Koran kennen und mit seinen Bedeutungen vertraut sind. Das Wort "Ermahnung" wird nämlich im Koran auch mehrere Male als ein Eigenname des Korans verwendet.

Die islamischen Mystiker indes verstehen unter dem Begriff "ahl al-dhikr" vielmehr die Leute, die die höchste Stufe der Gotteserkenntnis ("maʿrifat Allâh") erlangt haben und auf verschiedenen spirituellen Stationen durch göttliche Inspirationen von Gott berichten können.

Eine weitere Auslegung will unter der Bezeichnung die islamischen Rechtsgelehrten verstanden wissen. Demnach weist der Vers darauf hin, dass Rechtsauskünfte bei fachkundigen Gelehrten einzuholen seien. Der Vers gestatte Juristen die Ausübung des so genannten Idschtihâds, heißt es - also das Verfahren zur eigenständigen Meinungsbildung in einer juristischen Frage.

Im heutigen Sprachgebrauch der Muslime ist der Bedeutungsgehalt des Ausdrucks noch weiter ausgedehnt worden, sodass darunter allgemein die Fachkundigen und Experten eines beliebigen Wissenschaftszweigs beziehungsweise einer beliebigen Sache verstanden werden. Demnach hat man sich bei Angelegenheiten, mit denen man nicht vertraut ist, jeweils an diejenigen zu wenden, die sich damit auskennen. Also: "Wenn ihr nicht wisst, so fragt die Wissenden."

Prof. dr. h%c3%bcseyin %c4%b0lker %c3%87%c4%b1nar
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar von der Universität Osnabrück zu Sure 16 Vers 43 bzw. Sure 21 Vers 7

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Sch%c3%b6ller
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"Die Stunde ist nah, und der Mond hat sich gespalten."

Von Prof. Dr. Marco Schöller, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Dass der Koran an vielen Stellen kein Buch ist, das sich durch einfache Lektüre erschließt, ist bekannt. Es gibt aber einige viel diskutierte Passagen, deren genaue Aussage nicht nur umstritten, sondern unklar ist. Oder anders gesagt: Mann kann nicht genau bestimmen, auf welches Ereignis sich ein bestimmter Vers tatsächlich bezieht.

So etwa im eingangs zitierten ersten Vers der Sure 54. "Die Stunde" bezeichnet höchstwahrscheinlich die Stunde des Jüngsten Gerichts. Demnach beschreibt die Mondspaltung ein Ereignis, welches den nahenden Gerichtstag ankündigt. Es handelt sich somit um ein Anzeichen für den Beginn der Endzeit, wie es an vielen Stellen des Korans ähnlich geschildert wird.

Tatsächlich aber gehen die muslimischen Koranausleger mehrheitlich davon aus, dass es sich bei der erwähnten Mondspaltung um ein Wunder handelt, das sich zur Zeit des Propheten zugetragen haben soll. Als die Ungläubigen ihm nämlich nicht glaubten, der wahre Gottgesandte zu sein, ließ Gott ein Wunder sichtbar werden: Über den Bergen von Mekka teilte sich der Mond in zwei Hälften, die in den Osten und den Westen wanderten, um sich anschließend wieder zu vereinen.

Das wird in zahlreichen Überlieferungen von Leuten berichtet, die dieses Schauspiel gesehen haben wollen. Zugleich gilt die Mondspaltung – neben der Offenbarung des Korans selbst – als das wichtigste Wunder, welches für Muslime die Wahrhaftigkeit Mohammeds bezeugt.

Einige muslimische Koranausleger aber behaupteten stets, die in Vers 54:1 geschilderte Mondspaltung meine nicht ein historisches, also ein vergangenes Ereignis, sondern ein erst vor dem Anbruch des Jüngsten Tages stattfindendes Geschehen.

Der Kontext des Verses hilft im Übrigen nicht weiter, um die Frage zu klären, ob hier ein vergangenes oder künftiges Ereignis angesprochen ist. Wichtig ist das deshalb, weil hiervon abhängt, ob eines der wichtigsten Wunder, das die Prophetenschaft Mohammeds beglaubigen soll, im Koran erwähnt wird oder nicht.

Eine vergleichbare Problematik ergibt sich in Sure 59 Vers 2. Dort wird von einer Vertreibung von "Leuten der Schrift" gesprochen - so werden im Koran vor allem Juden oder Christen genannt. Die muslimische Überlieferung setzt diese Stelle mit der Vertreibung eines jüdischen Stammes aus Medina in Beziehung, die sich zu Mohammeds Lebzeiten zugetragen haben soll.

In der Mitte des Verses heißt es jedoch, diese Vertreibung habe "zu Beginn der Zusammenscharung" stattgefunden. Das arabische Wort für "Zusammenscharung" lautet al-hashr. Es ist dasjenige, welches im Koran sonst stets die Versammlung der Menschen am Jüngsten Tag bezeichnet.

Also auch hier kein Bezug auf ein historisches Ereignis, sondern auf ein künftiges, endzeitliches Geschehen? Der Kontext gibt erneut keine eindeutigen Hinweise.

Die große Mehrzahl der muslimischen Koranausleger bezieht diesen Vers dennoch auf das historische Ereignis – nämlich die Vertreibung eines jüdischen Stammes aus Medina. Sie erklären den Begriff "zu Beginn der Zusammenscharung" entweder damit, dass hier die Juden zum ersten Mal "zusammengeschart" wurden oder damit, dass sich die Truppen Mohammeds damals zum ersten Mal "zusammengeschart" hätten.

Doch in diesem Fall behaupten ebenfalls einige Exegeten, das angesprochene Ereignis beziehe sich sehr wohl auf die Endzeit und habe noch gar nicht stattgefunden. Es bleibt also offen, ob die Vertreibung von Juden zu Mohammeds Lebzeiten im Koran erwähnt ist oder nicht.

Wir können das aus heutiger Sicht nicht mehr klären. Der Koran bleibt in diesen Passagen ein besonders schwierig zu entschlüsselnder Text. Wenn es sich aber in beiden Fällen um endzeitliche Ereignisse handeln sollte, was nicht unwahrscheinlich ist, dann enthielte der Koran weit weniger historische Informationen als allgemein angenommen wird.

Sch%c3%b6ller
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Marco Schöller von der Uni Münster zu Sure 54 Vers 1.

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Munther younes  deutschlandfunk %281%29
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"1. Bei denen, die keuchend laufen
wa l-'ādiyāti ḍabḥā
2. (mit ihren Hufen) Funken stieben lassen
fa l-mūriyāti qadḥā
3. und am (frühen) Morgen einen Überfall machen,
fa l-muġīrāti ṣubḥā
4. dabei Staub aufwirbeln
fa 'aṯarna bihi naq'ā
5. und sich (plötzlich) mitten in einem Haufen (von Feinden) befinden!
fa wasaṭna bihi ǰam'ā."

Von Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA

Zu den Teilen des Korans, die muslimische Koranausleger wie moderne Wissenschaftler gleichsam herausgefordert haben, gehören die Eingangsverse einiger früh-mekkanischer Suren wie Sure 37, 51, 77, 79 oder eben Sure 100, deren erste fünf Verse wir gerade gehört haben. Diese Verse bilden ihrer Form nach eine Schwurserie.

Das erste Wort in all diesen Suren ist im Arabischen ein Partizip aktiv mit der weiblichen Pluralendung "ât": (al-ṣāffāt, al-dhāriyāt, al-mursalāt, al-nāzi'āt, al-'ādiyāt). Die muslimischen Koranausleger räumen ein, dass es schwer festzustellen ist, worauf sich diese Partizipien genau beziehen. Sie spekulieren über Pferde, Kamele, Engel, Sterne, den Wind, den Tod, die Seele, Bögen oder Schiffe.

Zur Unklarheit der Bedeutung und zu den Schwierigkeiten mit den Partizipien kommen mehrere grammatikalische Unregelmäßigkeiten. Dazu zählt, dass das Substantiv in Vers eins im Akkusativ steht (ḍabḥā), und dass das in den Versen vier und fünf aufgeführte Pronomen (bihi) gar kein Bezugswort hat.

Bei den frühesten Textzeugnissen des Korans in arabischer Sprache fehlen die für die arabische Schrift charakteristischen Punkte. Die Punkte über oder unter den Linien unterscheiden bestimmte Buchstaben. Das Fehlen führt dazu, dass manche Buchstabenpaare oder Buchstabengruppen komplett gleich aussehen, obwohl sie jeweils einen anderen Laut markieren.

Somit lassen sich viele Worte auf mehr als eine Weise lesen - je nachdem, wie man die Punkte setzt. Der muslimische Gelehrte Ibn Mudschâhid, der im Jahr 936 starb, hat diese Lesarten in seinem berühmten Buch "Die sieben Lesungen" niedergeschrieben.

Es gibt gute Argumente dafür, dass der dritte Vers: "und am frühen Morgen einen Überfall machen" erst später dem Originaltext beigefügt wurde. Dazu aber gleich mehr.

Wenn man bei den vier verbleibenden Koranversen die Punkte anders setzt, ergibt sich ein klarerer, kohärenterer und linguistisch fehlerfreier Text. Er lautet:

1. Bei denen, die früh am Morgen hinausgehen
wa l-ġādiyāti ṣubḥā
2. und ein Feuer anzünden,
fa l-mūriyāti qadḥā
3. mit dem sie Gutes tun wollen,
fa 'āṯarna bihi naf'ā
4. mit dem sie Scharen von Menschen begünstigen wollen.
fa wasaṭna bihi ǰam'ā.

Die neue Bedeutung der Verse beschreibt Frauen, die einen religiösen Dienst vollführen.

In diesem rekonstruierten Text sind die grammatikalischen Probleme gelöst. Der Akkusativ in Vers 1 entspricht nun den üblichen Regeln und das Bezugswort der Pronomen (bihi) in den letzten beiden Versen ist das "Feuer".

Kommen wir jetzt noch einmal zurück zum dritten Vers: "und am frühen Morgen einen Überfall machen". Drei Argumente sprechen dafür, dass er ursprünglich nicht zum Korantext gehörte.

1. Das arabische Wort für "die, die einen Überfall machen" ist ein so genanntes Hapaxlegomenon im Koran - also ein sprachlicher Ausdruck, der nur ein einziges Mal im Text vorkommt. Es gibt im ganzen Korantext auch weder ein Verb noch ein Substantiv, das von diesem arabischen Wort abgeleitet ist.

2. Das Wort ist auch das einzige in der Sure, das irgendetwas mit Kriegssituationen oder mit Kampf zu tun hat. Die anderen Worte, die die Koranausleger in ihren traditionellen Auslegungen mit "kämpfen" in Verbindung bringen, haben in ihrer Grundbedeutung nichts damit zu tun: Sie bedeuten "diejenigen, die laufen" ('ādiyāt) oder "Mitte, in die Mitte gehen, begünstigen" (wasaṭ) oder "Haufen, Menschenmenge" (ǰam').

3. In der traditionellen Interpretation baut der Vers nicht logisch auf den zwei vorherigen Versen auf: erst geht es um keuchende Pferde oder Kamele, dann um Funken schlagende Hufe und dann um einen Überfall am Morgen. Wenn dies die beabsichtigte Bedeutung gewesen wäre, würde es mehr Sinn ergeben, wenn erst die Pferde einen Überfall am Morgen gemacht und ihre Hufe dann Funken geschlagen oder die Tiere dann wegen des Rennens gekeucht hätten.


Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

Munther younes  deutschlandfunk %281%29
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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Munther A. Younes von der Cornell University in den USA zu Sure 100 Verse 1-5.

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Basol
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"Keine Enge lastet auf dem Propheten Mohammed in dem, was Gott ihm zur Pflicht gemacht hat. Das entspricht dem Vorgehen Gottes bezüglich derer, die zuvor dahingegangen sind. [...] Mohammed ist nicht der Vater von einem eurer Männer, sondern er ist der Gesandte Gottes und der Bestätiger der Propheten.“

Von Dr. Ayşe Başol, Universität Frankfurt am Main

Dies ist der Auszug aus einer Passage in Sure 33. Sie umfasst die Verse 38 bis 40. Die Passage spricht zuerst von einer Pflicht, die Mohammed auferlegt wurde. Dann stellt sie Mohammeds Position innerhalb seiner Gemeinschaft sicher und hebt ihn gleichzeitig als ihren Propheten hervor.

Zwei Botschaften in diesen Versen sind zentral. Die erste lautet: Gott legte Propheten schon immer Lasten auf, die sie zu tragen hatten, ohne dies zu hinterfragen. So ist das auch mit Mohammed. Die zweite Botschaft lautet: Mohammed ist für euch nicht der Vater von irgendjemandem, sondern der Prophet.

Propheten sind nach islamischem Glauben von Gott auserwählte Menschen. Der wichtigste göttliche Auftrag war, den Glauben an einen einzigen Gott, an die Auferstehung und an das Jüngste Gericht innerhalb ihrer Gemeinschaft wiederherzustellen. So war das auch mit Mohammed.

Diese Aufgabe war eine große Herausforderung für ihn. Sie erforderte - angesichts der vielen Widerstände in seiner Umgebung - viel Geduld und Durchhaltevermögen.

Gleichzeitig war Mohammed aber auch ein Mensch, der mitten im Leben stand. Er hatte eine Großfamilie. Das heißt, er hatte mehrere Frauen, Kinder, Enkel und Bedienstete im Haushalt. Auch das scheint ihn, wie aus den Versen hervorgeht, mitunter belastet zu haben.

Der Koran nimmt Mohammed nun vor seiner Gemeinschaft in Schutz. Aber was war geschehen, damit das passierte?

Die frühislamischen Quellen besagen, dass Mohammed unterstellt worden sei, die Frau seines Sohnes geheiratet zu haben. Tatsächlich handelte es sich aber um die Frau seines Adoptivsohnes Zayd, der sich von ihr getrennt hatte.

Die Offenbarung reagierte auf dieses Ereignis. Der unmittelbar vorhergehende Vers 37 erlaubt es früheren Schwiegervätern, Frauen zu heiraten, die sich von deren Adoptivsöhnen getrennt haben. Wie es scheint, führte das jedoch zu keiner zufrieden stellenden Lösung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft.

Mohammeds Gefährten berichten, dass den Propheten keine Offenbarung härter getroffen habe als diese. Im Detail lässt sich das Ereignis der Eheschließung nicht nacherzählen. Der Koran enthält nur Andeutungen. Wir können aber davon ausgehen, dass die Adressaten der Offenbarung die Zusammenhänge damals besser erkennen konnten als wir heute.

Auch die frühislamischen Berichte lassen Fragen offen. Sie sind lückenhaft und enthalten nur bestimmte Informationen. Zu berücksichtigen ist ferner, dass zwischen der Offenbarung der Passage und den ersten schriftlichen Zeugnissen dazu eine Lücke von mehr als 120 Jahren besteht.

Das nahmen manche Menschen als günstige Gelegenheit wahr, um ihren Fantasien freien Lauf zu lassen. Und so entstanden mannigfaltige Interpretationen.

Bei einer wissenschaftlichen Auswertung dieser Koranstelle und der späteren historischen Texten dazu lässt sich nur sagen: Es handelt sich um eine innere Familienangelegenheit, die aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung der Beteiligten alleine nicht gelöst werden konnte.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Ayşe Başol von der Uni Frankfurt am Main zu Sure 33 Verse 38-40.

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Basol
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"Und siehe! Als du demjenigen, dem Gott und du Gnade erwiesen hatten, damals sagtest: ‚Behalte deine Frau bei Dir und fürchte Gott!', und du in deiner Seele jedes Mal geheim hieltest, was Gott unausweichlich enthüllen würde, und du die Menschen dabei ständig fürchtetest – dabei steht es doch Gott zu, dass du ihn fürchtest!".'"

Von Dr. Ayşe Başol, Universität Frankfurt am Main

Die 33. Sure im Koran heißt "Die Gruppen". Sie besteht aus 73 Versen und wurde passagenweise ungefähr im 5. Jahr nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina offenbart.

Die Sure enthält zwei Hauptthemen: Erstens Reflexionen über den "Grabenkrieg", wie eine berühmte Schlacht um Medina im Jahr 627 genannt wird, und zweitens Neuordnungen der Beziehung von Mohammed zu seiner Familie und seiner Gemeinschaft.

Um eine dieser Neuordnungen geht es in dem eingangs zitierten Beginn von Vers 37. Dieser stellt den Anfang einer längeren Passage von mehreren zusammenhängenden Versen dar und wird unter muslimischen wie unter nicht muslimischen Gelehrten seit Jahrhunderten kontrovers diskutiert.

Die frühislamische Quellenliteratur besagt, dass Mohammed im Haus seines Ziehsohns Zayd gewesen und dort dessen Ehefrau Zaynab begegnet sei. Zaynab war zugleich Schwiegertochter und Cousine Mohammeds. In einem Moment dieser Begegnung soll Mohammed Gefallen an Zaynab gefunden haben.

Als Zayd davon erfuhr, wollte er sich von seiner Frau trennen. Wie aus dem Vers hervorgeht, versuchte Mohammed jedoch, diese Trennung zu verhindern - aber vergeblich, wie der weitere Verlauf von Vers 37: "Folglich dann nachdem Zayd sich von ihr getrennt hatte, haben wir sie mit dir verheiratet, damit auf den Gläubigen künftig keine Bedrängnis mehr liegt, die Gattinnen der Nennsöhne zu ehelichen, wenn diese die Ehe mit ihnen beendet haben. Was Gott befohlen hat, ist bereits vollzogen."

Die Eheschließung fand offenkundig keinen Zuspruch innerhalb der Gemeinschaft Mohammeds. Im Gegenteil. Es wurde ihm vorgeworfen, die Ex-Frau seines Sohnes geheiratet zu haben.

Das Problematische an dieser Eheschließung war vermutlich Folgendes: Zayd war nicht der leibliche Sohn Mohammeds. Er galt jedoch als solcher, weil Mohammed ihn vor geraumer Zeit zum Sohn ernannt hatte.

Damals unterschied man nicht zwischen leiblichen und angenommenen Söhnen. Eine Ehe mit deren geschiedenen Frauen kam für ehemalige Schwiegerväter nicht in Frage.

Wir können also davon ausgehen, dass zwischen der Furcht des Propheten vor den Menschen, die in dem Vers zum Ausdruck kommt, und seinem Gefühl der Bedrängnis ein direkter Zusammenhang besteht.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass diese Ehe aus der Perspektive der Zeitgenossen nicht nur als Tabubruch gewertet wurde, sondern sich zunehmend zu einem Unruhefaktor entwickelt hatte.

So scheint der Koran nach der Hochzeit von Mohammed und Zaynab auch auf diese Kritik zu reagieren. Er macht aus dieser Eheschließung einen Präzedenzfall, und fortan war es Schwiegervätern erlaubt, die geschiedenen Frauen ihrer Nennsöhne zu heiraten.

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Vertonung der Erläuterungen von Dr. Ayse Basol von der Uni Frankfurt am Main zu Sure 33 Vers 37. 

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Bobzin
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"Sie wurde mit ihm schwanger und zog sich zurück mit ihm an einen weit entfernten Ort.
Da überkamen sie am Stamm der Palme Wehen. Sie sprach: "Weh mir! Ach wäre ich doch vorher schon gestorben und ganz und gar vergessen!"
Da rief es ihr von unterhalb der Palme zu: ‚Bekümmere dich nicht! Dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen. Rüttle den Stamm der Palme – hin zu dir, damit sie frische Früchte auf dich fallen lasse! Dann iss und trink, und sei guten Mutes! Wenn du dann irgendeinen Menschen siehst, so sprich: ‚Siehe, ich habe dem Erbarmer ein Fasten gelobt; daher kann ich heute zu keinem Menschen sprechen'.'
Dann kam sie, mit ihm, ihn tragend, zu den Ihren.
Sie sprachen: ‚Maria, da hast du etwas Unerhörtes getan! Schwester Aarons, dein Vater war doch kein unzüchtiger Mann und deine Mutter keine Dirne.'
Da deutete sie auf ihn.
Sie sprachen: ‚Wie sollen wir zu einem sprechen, der noch ein Kind ist in der Wiege?'
Er sprach: ‚Ich bin der Knecht Gottes! Er gab mir das Buch und machte mich zum Propheten.'"

Erläutert von Prof. i.R. Dr. Hartmut Bobzin, Universität Erlangen-Nürnberg

Die Koranpassage beschreibt, was geschah, nachdem Maria die Geburt ihres Sohns Jesu angekündigt worden war.

Als ich zu Weihnachten 1977 von einem palästinensischen Freund, einem Muslim, eine Weihnachtskarte bekam, auf der eine Palme mit Maria und dem Jesuskind zu sehen war, wunderte ich mich – hatte ich mich bis dahin doch kaum mit dem Koran beschäftigt.

Später wurde es mir klar: Die Weihnachtskarte zeigte die muslimische Version, nach der sich Maria – auf arabisch heißt sie: Maryam – vor den Ihren - also ihrer Sippe - weit nach Osten zurückgezogen hatte. Am Stamm einer Palme überkommen sie Wehen. Verzweifelt wünscht sie sich den Tod, so verlassen fühlt sie sich.

Da hört sie eine Stimme. Und hier ist der Korantext nicht eindeutig. Die heute oft vertretene Deutung meint, dass es die Stimme des Jesuskindes ist. Das erscheint mir aber nicht zwingend. Denn die daraufhin folgende Aufforderung kann eigentlich nur von Gott kommen: Maria soll nämlich an diesem Tag, wenn sie einen Menschen sieht, sagen, sie faste und könne daher nicht sprechen.

Als sie schließlich mit dem neugeborenen Kind zu den Ihren zurückkehrt, muss sie sich Vorwürfe anhören. Sie schweigt und deutet nur auf das neugeborene Jesuskind. Die Angehörigen sind erstaunt. Und nun geschieht das Wunder: Das Kind in der Wiege spricht.

So enthält die muslimische Weihnachtsbotschaft bereits einerseits die Ankündigung des "Buches", also einer "Heiligen Schrift", und anderseits die Berufung des Kindes Jesus zum Propheten, wie der Satz: "Ich bin der Knecht Gottes" erkennen lässt.

Das Wunderbare dieses Geschehens wird durch die geradezu feierlichen Schlussverse 31 bis 33 der Sure 19 unterstrichen: "Er verlieh mir Segen, wo immer ich auch war, und trug mir das Gebet auf und die Armensteuer, solange ich am Leben bin. Und Ehrerbietung gegen meine Mutter. Er machte mich zu keinem elenden Gewaltmensch. Und Friede über mir am Tag, da ich geboren wurde, am Tag, an dem ich sterben werde, und an dem Tag, da ich erweckt zum Leben werde."

So ist die muslimische Weihnachtsbotschaft ein klares Wort über die menschliche Natur Jesu, über seine wundersame Empfängnis durch den "Geist Gottes" und die nicht minder wundersame Gabe des Kindes, schon in der Wiege reden zu können.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. i.R. Dr. Hartmut Bobzin von der Uni Erlangen-Nürnberg zu Sure 19 Verse 22-30.

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Bobzin
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"Und gedenke im Buch der Maria: Da sie vor ihren Leuten sich an einen Ort im Osten zurückzog und sich vor ihnen abschirmte.
Da sandten wir unseren Geist zu ihr. Der trat als Mensch, wohlgestaltet, vor sie hin.
Sie sprach: ‚Siehe, ich suche meine Zuflucht vor dir bei dem Erbarmer, sofern du gottesfürchtig bist.'
Er sprach: ‚Ich bin der Gesandte deines Herrn, um dir einen lauteren Knaben zu schenken!'
Sie sprach: ‚Wie soll ich einen Knaben bekommen,
da mich noch kein Mann berührt hat und ich auch keine Dirne bin?'
Er sprach: ‚So spricht dein Herr: Das ist für mich ein Leichtes.'"

Erläutert von Prof. i.R. Dr. Hartmut Bobzin, Universität Erlangen-Nürnberg

So wie im gesamten Koran nur relativ wenige Personen namentlich erwähnt werden, nehmen Frauen darunter einen besonders geringen Anteil ein. Von insgesamt zehn Frauen wird nur eine einzige bei ihrem Namen genannt - und das ist Maria.

Die Mutter Jesu genießt nicht nur in vielen christlichen Ländern eine besondere Verehrung sondern auch in Ländern, in denen der Islam die dominierende Religion ist. Dort bringen auch muslimische Mütter ihre kleinen Kinder zu Marien-Heiligtümern, um sie dort segnen zu lassen: eine eindrucksvolle Demonstration eines friedlichen Miteinanders zwischen – wie ich es selber in Ägypten erlebt habe - koptischen Christen und Muslimen.

Anders gesagt: Marienverehrung – das ist ganz und gar nicht allein eine Angelegenheit der Christen. Und ein Blick in den Koran bringt da Erstaunliches zutage. Denn Jesus, der im Islam als der letzte Prophet vor dem Auftreten von Mohammed gilt, wird mehrfach als "der Sohn der Maria" bezeichnet – insgesamt 22 mal. Das ist insofern ungewöhnlich und in besonderer Weise bemerkenswert, als Männern üblicherweise der Vatersnamen hinzugefügt wird. Also zum Beispiel: "Mohámmed ibn Abdállah", das heißt, "Mohámmed, der Sohn des Abdállah".

Dementsprechend müsste Jesus, der von Muslimen gemäß dem Koran Îssâ genannt wird, folgendermaßen tituliert werden: "Jesus, der Sohn des Joseph", auf arabisch also: "Îssâ – ibn Jûssuf".

In unserer Koranpassage heißt es nun, Maria habe sich "an einen Ort im Osten" zurückgezogen. Wo man sich diesen Ort geographisch genau vorzustellen hat, wird nicht gesagt. Für die Erzählung ist von Bedeutung, dass es die Himmelsrichtung des Tagesanbruchs ist – also dass etwas Neues anbricht.

Und es wird gesagt, dass Maria allein sein will, dass sie jedenfalls vor allem nichts mit ihrer Verwandtschaft zu tun haben will – oder noch drastischer ausgedrückt: nichts mit ihrem Klüngel.

Dann geschieht etwas Überraschendes. Ein Mensch, wohlgestaltet, tritt vor sie hin. Von einem "Engel" – wie im neuen Testament – ist interessanterweise nicht die Rede. Maria ist so erschrocken, dass sie Gott als ihren Beschützer anruft.

Ohne Umschweife gibt sich daraufhin der "Geist", wie es im Koran wörtlich heißt, als "Gesandter Gottes" zu erkennen und verkündet Maria die Geburt eines "lauteren" beziehungsweise eines "reinen Knaben".

Worin diese "Reinheit" besteht, wird nicht gesagt. Der Auslegung ist hier Tür und Tor geöffnet. Jedenfalls ist explizit nicht, wie in bestimmten christlichen Konfessionen, von der "unbefleckten Empfängnis" die Rede.

Die Antwort Marias auf die Ankündigung dieses Gottesboten könnte nüchterner nicht sein: "Wie soll das möglich sein, da ich doch gar nicht mit einem Mann in Berührung gekommen bin"? Umso überraschender ist auch die Antwort des Boten. Er sagt: "Nichts leichter als das!"

Die Geburt Jesu ist also, so muss man die knappe Ausdrucksweise deuten, kein "Wunder", sondern ein ganz normaler Vorgang, Jesus, der "Sohn der Maria", ist Mensch – nicht mehr und nicht weniger.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. i.R. Dr. Hartmut Bobzin von Universität Erlangen-Nürnberg zu Sure 19 Verse 16-21.

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Portret kees versteegh
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"Darum aber erwarte den Tag, an dem der Himmel sichtbaren Rauch hervorbringen wird."

Von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen

Dieser und die folgenden Verse der Sure 44 malen ein apokalyptisches Bild der Strafe Gottes. Sie wird all jene treffen, die nicht auf seine Gesandten hören. Rauch wird sie umschließen, kochendes Wasser wird über sie geschüttet und sie werden schmerzhafte Peinigung erfahren.

Der Rauch-Vers wurde in der Anfangsphase der Prophetie Mohammeds offenbart. Mohammed versuchte zu der Zeit, seine empfangenen Botschaften unter den Mekkanern zu verbreiten. Doch die stellten sich seinen Bemühungen entgegen und verfolgten seine Anhänger.

Der zitierte Vers warnt die Mekkaner nun, dass auf die Ungläubigen am Tag des Jüngsten Gerichts ein schreckliches Schicksal wartet. Während der frühen mekkanischen Prophetenschaft Mohammeds wurden viele Verse offenbart, die die Aspekte im Zusammenhang mit dem Tag des Jüngsten Gerichts in grausamen Details darlegen.

Als die Verfolgungen der Mekkaner im Jahr 621 nicht mehr auszuhalten waren, entschied sich Mohammed dazu, ins nahegelegene Medina auszuwandern. Dort hatte man ihm einen Zufluchtsort zugesichert.

Von Medina aus startete er eine Reihe von Feldzügen gegen Mekka. Daran nahmen diejenigen teil, die mit ihm ausgewandert waren, und jene Medinenser, die sich ihm angeschlossen hatten.] Innerhalb weniger Jahre gelang es, die Mekkaner mehrfach zu besiegen. Dabei wurden sie in den Offenbarungen nicht nur vor Schicksalsschlägen am Tag des Jüngsten Gerichts gewarnt, sondern auch vor solchen, die sie im Diesseits treffen könnten, zuhause oder auf dem Schlachtfeld.

Etwa um das Jahr 630 herum erklärten die Mekkaner ihre Niederlage und erlaubten Mohammed, die Stadt in großem Triumphzug wieder zu betreten. Mohammed wurde zum unangefochtenen Anführer der ganzen Gemeinschaft. Die meisten akzeptierten die neue Botschaft und konvertierten zum Islam.

In späteren Jahrhunderten vertraten die Korankommentatoren unterschiedliche Auslegungen des eingangs zitierten Verses und ähnlich lautender. Zunächst galten ihnen der Rauch sowie andere Menetekel als Hinweise auf die nahende Apokalypse. Diese eschatologische Interpretation verlor mit der Zeit aber an Bedeutung. Denn zunehmend weniger Menschen glaubten daran, dass tatsächlich das Ende der Welt bevorstehe.

Einige Korankommentaroren tendierten von da an dazu, Verse wie den eingangs zitierten im Licht der Ereignisse aus Mohammeds Leben zu betrachten. Sie meinten, der Rauch sei die Folge eines Gebets, das Mohammed gesprochen habe, um Gott darum zu bitten, die Mekkaner mit einer langen Hungersnot zu schlagen. Gott nahm sein Gebet an. Die Mekkaner wurden tatsächlich von einer Hungersnot heimgesucht. Und diese machte sie so hungrig, dass ihr Sehvermögen dadurch wie von Rauch verschleiert wurde.

Eine solche Interpretation sollte den außerordentlichen Status des Propheten bestätigen: durch seine direkte Verbindung zu Gott konnte er danach rufen, den Verlauf der Dinge zu ändern, und Unheil über seine Feinde zu bringen.

Beide Interpretationen, die eschatologische und die weltliche, wurden in Korankommentaren stets nebeneinander erwähnt. Auch in heutiger Zeit erwähnen Prediger beide Varianten, wenn sie Gläubigen den Vers 10 aus der Sure 44 erläutern.

Manche Islamprediger halten aber auch noch eine dritte Interpretation bereit. Der Koran gilt vielen Muslimen als Heilige Schrift, die alle zukünftigen Ereignisse vorhersagt - von Naturkatastrophen bis zu technischen Erfindungen. Aus dieser Perspektive heißt es da, der Rauch-Vers habe die Explosion der Atombombe in Hiroshima prophezeit.

Einfache Gläubige halten es nicht für nötig, zwischen eschatologischen und weltlichen Interpretationen sauber zu unterscheiden. Ihnen reicht es, dass dieser Vers Angst und Schrecken vor der Macht Gottes einflößen und Muslime dazu motivieren soll, auf dem rechten Pfad zu bleiben.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

Portret kees versteegh
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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen, zu Sure 44 Vers 10.

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Emo 7001
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"Wenn der Himmel sich spaltet,
wenn die Sterne zerstreut werden,
wenn die Meere aufgerissen werden,
wenn die Gräber geleert werden –
dann erfährt eine jede Seele, was sie zuvor getan und was sie versäumt hat."

Erläutert von Dr. Nicolai Sinai, University of Oxford, England 

Im Mittelpunkt der frühesten Koranverkündigungen steht die Botschaft von der unausweichlichen Realität eines endzeitlichen göttlichen Gerichts. In dramatischen Szenen verkünden sie ihren Adressaten, dass die Schöpfung zu einem nicht genau benannten Zeitpunkt, der allerdings gelegentlich als "nahe" bezeichnet wird, einer umfassenden Zerstörung anheimfallen werde.

Höhepunkt dieses Vernichtungsgeschehens sind die Auferweckung der Toten, in der zitierten Koranpassage als "Leerung" der Gräber beschrieben, sowie das Jüngste Gericht, das die Menschen in die ewige Seligkeit oder Verdammnis entlässt.

Auch wenn der Koran Gott immer wieder mit dem Attribut der Barmherzigkeit ausstattet, so wohnt seinem Gottesbild ähnlich dem biblischen auch der Aspekt strafender Gerechtigkeit inne.

Die Ankündigung eines endzeitlichen göttlichen Gerichts scheint viele von Mohammeds Hörern allerdings nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Es handele sich bei ihnen nur um "Fabeln der Altvorderen", werden Mohammeds Widersacher mehrfach im Koran zitiert – frei übersetzt: das sei nur ein Neuaufguss altbekannter Ammenmärchen.

Eine solche Entgegnung deutet darauf hin, dass die Adressaten des Korans mit der Vorstellung einer endzeitlichen Auferstehung und eines Jüngsten Gerichtes durchaus vertraut waren.

Tatsächlich weisen die koranischen Endzeitbeschreibungen zahlreiche Überschneidungen mit neutestamentlichen Aussagen auf, insbesondere mit der Offenbarung des Johannes: Auch dort ist die Rede von einer Verfinsterung der Himmelskörper und einem Herabfallen der Sterne, einem Erbeben der Erde, einer Zerstörung beziehungsweise Verrückung der Berge und einem die Auferstehung einleitenden Posaunenstoß.

Dass solche neutestamentlichen Endzeitvorstellungen auch noch im spätantiken nahöstlichen Christentum lebendig waren, belegt etwa ein syrisch-aramäischer Text, dessen Verfasser im Jahre 521 starb: "Die Sonne verfinstert sich, der Mond wird dunkel und die Sterne stürzen nieder. Alle Mächte der Höhe erzittern vor Gottes Herrlichkeit, alle leuchtenden Sterne verlassen ihre Bahnen und sein Glanz allein erstrahlt über die gesamte Schöpfung."

Es ist denkbar, ja wahrscheinlich, dass Mohammeds Gegner, solche christlichen Gerichtspredigten im Sinne hatten, als sie die Mahnung des Propheten mit den Worten "Fabeln der Altvorderen" schmähten. Vielleicht wurden christliche Gerichtspredigten sogar schon in arabischer Sprache gehalten.

Allerdings wäre es ein Fehler zu meinen, der Koran würde einfach wahllos in seiner Umwelt vorfindliches christliches Gedankengut reproduzieren. Konsequent vermeidet er beispielsweise die christliche Überzeugung von der Erlöserfunktion Jesu Christi sowie dessen Rolle als endzeitlicher Richter.

Die frühen Koransuren greifen also nur ganz bestimmte Aspekte des zeitgenössischen Christentums auf, während andere Vorstellungen gezielt ausgespart und später auch ausdrücklich kritisiert werden. Ein solches Vorgehen passt durchaus zur Selbstbeschreibung des Korans als einer göttlichen - Zitat - "Beglaubigung dessen, was vor ihm da war".

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Vertonung der Erläuterungen zu Sure 82 Verse 1-5 von Dr. Nicolai Sinai, University of Oxford, England.

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4 zu 3 dr. tuba isik
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"Sind aber die Schutzmonate abgelaufen, so erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet, und packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf! Wenn sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Pflichtabgabe zahlen, so lasst sie ihres Weges ziehen! Siehe, Gott ist verzeihend und barmherzig."

Erläutert von Dr. Tuba Isik, Universität Paderborn

Diese Koranstelle eignet sich, um zu zeigen, welche Probleme auftreten, wenn ein Vers aus seinem Kontext und seinem geschichtlichen Zusammenhang gerissen wird. Oft wird ein Vers dann noch dezidiert als Legitimation einer einzigen und eindimensionalen Kernaussage präsentiert.

Das geschieht in der Regel dann, wenn kein Wissen darüber vorhanden ist, dass bei der Interpretation des Koran immer mehrere Ebenen betrachtet werden müssen. So ist auch dieser Vers erst einmal in seinem historischen Entstehungsraum zu verorten.

Dabei ist nun festzuhalten, dass es sich bei der Bezeichnung "Schutzmonate" um eine Zeitspanne von vier Monaten handelt, für die Krieg und Töten verboten wurden. Sodann wird Bezug genommen auf die Ereignisse nach der friedlichen Eroberung Mekkas durch den Propheten Mohammed und seine Gefährten im Jahre 630.

Mohammed und die polytheistischen mekkanischen Stammesführer hatten einen Vertrag geschlossen. Darin war vereinbart worden, sich nicht mehr zu bekriegen. Doch einige Mekkaner brachen diesen Vertrag.

Um weiter rekonstruieren zu können, um was es in unserem Vers geht, müssten die vorausgehenden zwei Koranverse und weitere Verse der Sure 8 gelesen werden. Der Koran wurde nämlich nicht auf einen Schlag als Buch offenbart, auch nicht in inhaltlich konsistenter, sondern in loser Abfolge innerhalb von 23 Jahren. Daher ist es üblich, dass sich Ergänzungen zu einem Vers an anderen Stellen im Koran finden.

In Bezug auf unseren Vers wird so deutlich, dass er sich auf einen laufenden Konflikt mit den vertragsbrüchigen Polytheisten bezieht, die zudem sehr aggressiv auftraten. Der Prophet wurde daher durch Gott angewiesen, ihnen über die Schutzmonate eine Frist einzuräumen. In der konnten sie die Kaaba in Mekka weiter im Rahmen ihres Kultes nutzen - danach nicht mehr. Dem stimmten die Polytheisten zu.

Doch dann wollten einige die Kaaba weiter nutzen. Dadurch trat das Kriegsrecht in Kraft, und in dieser Situation wurde der Koranvers offenbart: Gott gibt die Schutzmonate aus und mahnt, diese abzuwarten und erst dann die Frevler, also die Vertragsbrecher zu bekämpfen. Zugleich weist Gott darauf hin, dass sich in der Zwischenzeit etwas an ihrer Gesinnung geändert haben könnte. Er ruft dazu auf, mit den Frevlern zu sprechen und zu sehen, ob sie ihre Taten bereuen.

Die wichtigsten Korankommentatoren sind sich einig, dass der Vers historisch eingeordnet werden muss. Er darf demnach heute nicht als Legitimation herangezogen werden, um Menschen zu töten - Menschen, die nach eigenem Gutdünken als Frevler oder Vertragsbrecher definiert werden.

Die Überzeugung einzelner Muslime, dass dieser Vers ihnen das Recht gibt, Richter über Leben und Tod zu sein, ist ebenso falsch wie die Überzeugung einzelner Nicht-Muslime, dass der Islam zum Töten anderer auffordere. Beide Auslegungen sind zwei Seiten derselben Medaille.

4 zu 3 dr. tuba isik
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Vertonung der Erläuterungen zu Sure 9 Vers 5 durch Dr. Tuba Isik von der Universität Paderborn.

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Foto bearb
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"Abraham und Ismael legten den Grundstein des Heiligen Hauses und beteten: 'Unser Herr, nimm es von uns an! Du bist der Allhörende, der Allwissende."

Von Prof. Dr. Mustansir Mir, Youngstown State University, Ohio, USA

Dieser Vers ist Teil der islamischen Darstellung Abrahams und befasst sich mit dem Bau der Kaaba in Mekka - lange Zeit vor dem Islam. Die Kaaba sollte als Ort für einen monotheistischen Kult und als Pilgerstätte dienen. Bei dem Bau wurde Abraham von seinem Sohn Ismael unterstützt.

Während der Grundsteinlegung sprachen beide ein Gebet. Dieses wird in den Versen 128 und 129 weiter ausgeführt. Abraham und Ismael erbitten fünf Dinge: Gott möge die Errichtung der Kaaba als Akt der Ergebenheit annehmen. Er möge aus ihnen Muslime machen, sprich, dem einen Gott ergebene Menschen. Er möge aus ihren Nachkommen eine Gemeinde von Muslimen entstehen lassen. Er möge sie die Riten der Pilgerfahrt lehren und er möge aus ihrer Mitte einen Gesandten erwählen, der seine Verse vorträgt, der sie die Heilige Schrift lehrt, der sie Weisheit lehrt und der sie reinigt.

Die Koranstelle vereinnahmt die für Juden und Christen so wichtige Figur Abraham auch für den Islam. Dazu werden er und Ismael zunächst als "Muslime" bezeichnet – wörtlich als Gottergebene. Damit wird nahe gelegt, dass es falsch sei, Abraham in einem konfessionellen Sinn nur mit Judentum oder Christentum zu assoziieren. Das korrespondiert mit Koranvers 3:67, der explizit sagt: "Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein Gott ergebener Hanif [ein Gottsucher] und kein Heide."

Indem Abraham als Erbauer der Kaaba präsentiert wird, wird der Kaaba ein gewisser Vorrang vor dem Tempel in Jerusalem zugeschrieben. Als Mohammed und seine Anhänger anfänglich in Mekka das Gebet verrichteten, taten sie das mit Blick gen Jerusalem gerichtet. Auch nach der Auswanderung nach Medina 622 behielten sie dies zunächst so bei. Erst zwei Jahre später forderte eine Offenbarung, dass die Kaaba in Mekka die neue Gebetsrichtung vorgeben solle. Wenn die Kaaba nun älter als der Tempel in Jerusalem ist, ist die Änderung genau genommen eine Rückkehr zur ursprünglichen Gebetsrichtung. Das wiederum korrespondiert mit Sure 3:96, wo es unter Verwendung von Mekkas altem Namen, nämlich Bakka, heißt: "Das erste Gotteshaus, das den Menschen aufgestellt worden ist, ist dasjenige in Bakka, (aufgestellt) zum Segen und zur Rechtleitung für die Menschen in aller Welt."

Die hier erläuterte Koranstelle besagt noch etwas: Mohammad wurde als Antwort auf das Gebet Abrahams von Gott gesandt, um die Menschen auf der Arabischen Halbinsel rechtzuleiten.

Das Gebet, das Abraham und Ismael verrichteten, ist gewissermaßen ein Modell-Gebet. Die Koranstelle lehrt die Etikette einer demütigen Anrede Gottes. Dazu wird die Ansprache "Unser Herr" - auf Arabisch: "rabbana" - viermal wiederholt.

Das Gebet enthält zudem Hinweise auf entsprechende Eigenschaften Gottes: Er wird ersucht, das Flehen zu erhören, weil er der "Allhörende, der Allwissende" ist; er wird um Vergebung und Gnade gebeten, weil er der "Allvergebende, der Barmherzige" ist, wie es in Vers 128 heißt. Und er wird darum gebeten, einen Propheten zu den Menschen zu schicken, weil er laut Vers 129 der "Allmächtige, der Allweise" ist.

Diese Eigenschaft "allmächtig" umfasst, dass Gott durch Offenbarungen Gesetze und Regelungen herabsendet, um seine Verfügungen auf Erden umzusetzen. Und da er nicht nur allmächtig, sondern zugleich allweise ist, sind seine Gesetze und Regelungen auch voll Weisheit.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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Vertonung der Erläuterungen zu Sure 2 Vers 127 von Prof. Dr. Mustansir Mir von der Youngstown State Universtiy, Ohio, USA. 

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Tamer1
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"Er ist es, der das Buch auf dich herabgesandt hat. Einige seiner Verse sind eindeutig – sie sind die Mutter des Buches -, andere sind mehrdeutig. Doch diejenigen, die in ihrem Herzen verirren, folgen dem, was darin mehrdeutig ist, um Zweifel zu erwecken und um es (nach ihrer Weise) zu deuten. Doch nur Gott kennt dessen Deutung. Und diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, sagen: "wir glauben daran. Alles kommt von unsrem Herrn."

Erläutert von Prof. Dr. Georges Tamer, Universität Erlangen-Nürnberg

Dieser Vers gehört zu den schwierigsten Versen des Korans. Er dürfte spät in Medina verkündet worden sein. Vor allem sind zwei darin enthaltene Themen Gegenstand intensiver Diskussion. Das erste Thema betrifft die Einteilung der Koranverse in zwei Kategorien. Die arabischen Attribute dafür, hier übersetzt mit "eindeutig" und "mehrdeutig", sind an sich ambivalent. Das macht eine Bedeutungsbestimmung beider Kategorien kaum möglich.

Auch die Bedeutung des Ausdrucks "Mutter des Buches", auf die erste Kategorie der Koranverse bezogen, wird kontrovers diskutiert. Die Mehrheit der muslimischen und nicht-muslimischen Gelehrten neigt dazu, diese Äußerung so zu interpretieren, dass die klaren, eindeutigen Verse den Kern des Korans bildeten; über ihre Bedeutung bestehe Konsens.

Die anderen Verse sind mehrdeutig und nicht leicht zu interpretieren. Welche Verse jeweils zu diesen beiden Kategorien gehören, lässt sich aus der Aussage nicht ableiten.

An den dargestellten Gedanken schließt sich ein weiterer Zusammenhang an, über dessen Verständnis gestritten wird. An der Stelle steht, dass diejenigen, die verirrt sind, also nicht einfach an die Aussagen des Korans glauben, gezielt die Deutung der mehrdeutigen Stellen suchen. Das tun sie, um durch deren Interpretation Zwietracht und Wirbel in der Gemeinde zu verursachen.

Sodann fährt der Vers fort, indem er das Recht auf die Interpretation der mehrdeutigen Verse einschränkt. Nur Gott kenne deren Deutung; den Menschen stehe die Interpretation nicht zu. Damit ist der Satz jedoch nicht abgeschlossen. Durch eine Konjunktion werden Gott und die Menschen, "die im Wissen fest gegründet sind", wie es heißt, miteinander verbunden.

Da die handschriftlichen arabischen Quellen des Korantexts ohne Punktierung sind, kann die Stelle auf zwei unterschiedliche Weisen gelesen werden. Nach der einen Lesart wird der Punkt nach dem arabischen Wort für "Gott" gesetzt. Daraus ergibt sich, dass "nur" Gott die Deutung der schwierigen mehrdeutigen Koranverse kennt.

Nach der zweiten Lesart steht der Punkt im arabischen Text nach dem Wort für "Wissen". Dadurch wird auch den Menschen, "die im Wissen fest gegründet sind", die Fähigkeit zugesprochen, die mehrdeutigen Koranverse zu deuten.

Die traditionellen Koranwissenschaften im Islam kennen beide Lesarten. Die erste Lesart ist unter konservativen Einflüssen weit verbreitet. Mit der zweiten Lesart hat zum Beispiel der im Jahr 1198 gestorbene große muslimische Philosoph Averroes argumentiert.

Er zielte darauf ab, aus dem Koran heraus eine auf menschlicher Vernunft basierende Interpretation der komplizierten Verse zu rechtfertigen. Wichtig war ihm das insbesondere für solche Verse, in denen Gott mit menschlichen Eigenschaften beschrieben wird. Denn das ist nach herrschender Lehre im Islam nicht möglich, da Gott ohne Zeit und Raum ist.

Laut Averroes müssen jedoch Menschen, die nicht über notwendiges Wissen verfügen, entsprechend der ersten Lesart von der Auslegung mehrdeutiger Verse ferngehalten werden. Eine Vorstellung, die im Islam in den vergangenen Jahrhunderten weite Verbreitung fand.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Georges Tamer von der Uni Erlangen-Nürnberg zu Sure 3 Vers 7

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"So richte dein Angesicht aufrichtig zum Glauben – einer Schöpfung Gottes, zu der er die Menschen erschaffen. Es gibt keine Änderung in der Schöpfung Gottes; dies ist der rechte Glauben, jedoch wissen es die meisten Menschen nicht."

Erläutert von Prof. Dr. Ömer Özsoy, Universität Frankfurt am Main

Der Koran begründet seine Botschaft nicht mit einer besonderen Heilsgeschichte. Er begründet sie mit einer natürlichen Veranlagung, mit der Gott die Menschen ausstattete. Diese natürliche Veranlagung des Menschen, auf Gott ausgerichtet zu sein, heißt im Koran "fitra".

Der Koran beschreibt diesen natürlichen Monotheismus am Beispiel der so genannten Hanîfen, die im Arabien des 7. Jahrhunderts eine kleine Gruppe bildeten. Sie gehörten nicht zu einer der vorherrschenden, monotheistischen Religionen und beteten dennoch einen einzigen Gott an.

Auffällig ist hierbei, dass der Koran den Propheten Mohammed nicht etwa dazu auffordert, die Hanîfen in seiner Umgebung zum Islam zu bekehren. Gott ruft ihn selbst auf, ihrem Bekenntnis zu folgen. Entsprechend wird Muhammad im eingangs zitierten Vers angesprochen.

Der fitra-Begriff wurde besonders durch die Lehre des 1905 verstorbenen ägyptischen Gelehrten Muhammad ʿAbduh zur wesentlichen Grundlage des modernen islamischen Denkens. Auch für viele außenstehende Islamforscher unterscheidet diese koranische Schöpfungs- und Offenbarungstheologie den Islam von anderen monotheistischen Religionen, insbesondere vom Christentum.

Einer der wenigen christlichen Theologen, die sich mit dem Islam theologisch auseinandersetzen, ist Hans Zirker. Er schreibt: "Die fundamentale Offenbarung Gottes ist mit seiner Schöpfung identisch. [...] Dies bekräftigt der Koran in einer selbst für ihn einmaligen mythologischen Szene, in der Gott die Menschen schon vor ihrer irdischen Existenz auf das wahre Bekenntnis verpflichtet, damit ihre Religion allen Zufällen irdischen Lebens und menschlicher Geschichte enthoben sei und sie sich ihr nicht schuldlos entziehen können."

Die von Zirker angesprochene Koranstelle ist Sure 7 Vers 172: "Und als dein Herr aus den Lenden der Kinder Adams ihre Nachkommenschaft nahm und wider sich selber zu Zeugen nahm und sprach: "Bin ich nicht euer Herr?", sprachen sie: "Jawohl, wir bezeugen es."

Aufgrund dieser prähistorischen Offenbarung ist der Mensch also nicht auf eine zusätzliche Anleitung durch Boten Gottes angewiesen. Gott bliebe auch dann gerecht, wenn er sich in der Geschichte zusätzlich zu seiner prähistorischen Offenbarung nicht melden würde.

Er hat sich aber aus seiner Barmherzigkeit heraus zusätzlich gemeldet, um die Menschen an ihre Ur-Identität als Geschöpfe Gottes zu erinnern. Gott hat sich nicht bei den Menschen gemeldet, um ihnen religionsgemeinschaftliche Identitäten wie die jüdische, christliche oder muslimische zu verleihen. Gott duldet unsere religiösen Identitäten lediglich als menschliche Realitäten, solange sie nicht zu "mörderischen Identitäten" gemacht werden, die monopolistische Heilsansprüche produzieren.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. Dr. Ömer Özsoy von der Uni Frankfurt am Main zu Sure 30 Vers 30. 

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"Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis von seinem Lichte: Das Licht ist wie eine Nische, in der eine Leuchte. Die Leuchte ist in einem Glas. Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden. Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will."

Erläutert von Prof. em. Dr. Stefan Wild, Universität Bonn

Viele Suren sind klar strukturiert. Andere, besonders die längeren, wurden offensichtlich zusammengesetzt, ohne dass man genau sagen kann, warum verschiedene Themen zu einer Sure verschmolzen sind. Die Sure 24 ist ein solcher Fall. Sie beginnt mit ausführlichen Geboten und Verboten über Heirat, Sklaverei, Ehebruch, Kastration und Prostitution.

Ohne Vorwarnung erscheint dann ein Vers, der formal und inhaltlich vollkommen Neues bringt: der "Lichtvers" – ein dunkler, atemloser Vers. Er beginnt mit: "Gott ist das Licht der Himmel und der Erde". Diese göttliche Selbstaussage scheint dem koranischen Satz zu widersprechen: "Nichts ist Gott gleich" (Sure 42:11).

Islamische Theologen hatten oft davor gewarnt, Gott menschliche Attribute zu geben. Dies wurde ein zentraler Streitpunkt der islamischen Frühzeit. Wenn Gott Licht ist und "wie eine Nische, in der eine Leuchte steht", hatte man dann nicht bereits Gott unzulässig mit irdischen Kategorien beschrieben? War das alles noch Vergleich oder Metapher? Oder musste man den Vers "ohne nach dem ‚Wie' " zu fragen, also erklärungslos hinnehmen?

Das koranische Licht-Gleichnis führt von einem ungelösten Rätsel zum anderen: Die Leuchte ist in einem Glas wie ein funkelnder Stern, angezündet von einem gesegneten Olivenbaum, weder östlich noch westlich... Der Koran entwirft hier Elemente einer Lichtmystik, welche die Aussage des nicäanischen Glaubensbekenntnisses "Gott von Gott, Licht vom Lichte" bei weitem übertrifft.

Gelehrte und Fromme schrieben dicke Bücher über diesen Vers. Manche lehrten, dass mit der "Nische" der Prophet Mohammed gemeint sei, da er in Sure 33 Vers 46 eine "leuchtende Lampe" genannt wird.

Andere sahen im Lichtvers, insbesondere im Satz "Licht über Licht", einen Hinweis auf das so genannte "Licht Mohammeds". Gott soll dieses noch vor den Menschen erschaffen und alle Propheten damit erleuchtet haben. In Mohammed schließlich hat sich dieses Licht dann der Vorstellung zufolge manifestiert.

Spätere Mystiker entwarfen ganze "Licht- und Illuminations-Philosophien". Hier tat sich besonders die schiitische Richtung hervor: Für sie bedeutete etwa die Aussage, der Ölbaum sei weder westlich noch östlich, dass die Religion Abrahams weder jüdisch noch christlich, sondern eben muslimisch sei.

Man übertreibt nicht, wenn man in diesem Vers eine wesentliche Wurzel der islamischen Mystik sieht. Osmanische Prachtmoscheen in Istanbul verewigen in ihren lichtdurchfluteten Fenstern bis heute kalligraphisch diesen Vers.

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Vertonung der Erläuterungen von Prof. em. Dr. Stefan Wild von der Uni Bonn zu Sure 24 Vers 35. 

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"Und die Dichter - die Irrenden folgen ihnen. Hast du nicht gesehen, wie sie verwirrt in jedem Wadi umherwandern, und dass sie sagen, was sie nicht tun?"

Erläutert von Dr. Shady Hekmat Nasser, Universität Cambridge, England

Trotz aller Forderungen orthodoxer Gelehrsamkeit, muslimischer wie nicht-muslimischer, gelten weite Teile des Korans als Dichtung. Einige davon sind es nach formalen Kriterien auch. Dass Muslime dies beharrlich ablehnen, hat weniger mit der Dichtung an sich zu tun, sondern mehr mit den Dichtern.

In Mekka gab es sogar einen Tempel, eine Art Kapelle für die Dschinnen. Auch war der Name Abd al-Dschinn damals unter den Arabern nicht unbekannt. Er bedeutet, Diener der Dschinnen und erinnert an den heute verbreiteten Namen Abdullah, was Diener Gottes heißt. Ferner kannten die Araber eine Örtlichkeit namens 'Abqar. Man hielt sie für den Wohnsitz der Dschinn. Von diesem Wort ist der arabische Begriff abqarî abgeleitet - zu deutsch: Genie.

Während der ersten Jahre der Prophetenschaft Mohammeds in Mekka gab es Spannungen zwischen ihm und einigen mekkanischen Dichtern. Diese schrieben und verbreitet